MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Podiumsdiskussion

Religionsvertreter würdigen Staatskirchenrecht, nur auf Muslime passt es nicht

Religionsvertretern zufolge passt das deutsche Staatskirchenrecht für Christen und Juden. Die große Aufgabe bestehe darin, dass auch der Islam dort hineinpasst.

Kirche © Sebastian Rittau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Kirche © Sebastian Rittau @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Beziehungen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften müssen nach Überzeugung des Berliner evangelischen Bischofs Markus Dröge weiter ausgestaltet werden. Für das Christentum und das Judentum passe das jetzige deutsche Staatskirchenrecht sehr gut, sagte Dröge am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion unter dem Motto „Wie viel Religion verträgt der Staat?“ in Berlin. Die große Aufgabe bestehe jetzt allerdings darin, „dass auch der Islam dort hineinpasst“, fügte der Theologe hinzu.

Der Grünen-Politiker Volker Beck ermunterte die Muslime, die organisatorischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, wie etwa die großen christlichen Kirchen ebenfalls als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Die Hürden dafür seien gar nicht so hoch, sagte der religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Allerdings fürchteten die Funktionäre in den vier bestehenden großen muslimischen Verbänden wohl auch die Konsequenzen einer organisatorischen Neuordnung.

Das Staatskirchenrecht, oder auch Religionsverfassungsrecht, regelt die Beziehungen zwischen Staat und Religionsgemeinschaften. Es geht in Teilen bereits auf die Weimarer Reichsverfassung zurück. Zu den teils in Einzelverträgen geregelten Angelegenheiten gehören neben Religionsfreiheit und Neutralitätsgebot des Staates auch Fragen wie etwa die nach entsprechendem Religionsunterricht an den Schulen.

Bischof Dröge hob hervor, dass das deutsche Religionsverfassungsrecht historisch gewachsen sei und die Erfahrungen aus der Geschichte bis hin zum Totalitarismus aufgenommen habe. Heute biete es durch seine Verfasstheit auch eine Garantie gegen Fundamentalismus und Extremismus der Religionen, indem sich diese etwa über Bildungsangebote in den Schulen mit universellen Menschenrechten auseinandersetzten. Wer sich etwa für die Abschaffung der Kirchensteuer einsetze, sollte diese kultivierenden Errungenschaften des Staatskirchenrechts mitbedenken, mahnte der evangelische Theologe.

Auch Professor Micha Brumlik vom Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg lobte die disziplinierende Wirkung der bestehenden Regelungen: So biete der Religionsunterricht die Chance, auf Missverständnisse zwischen den Religionen einzuwirken. Auch führe die Ausbildung von Geistlichen an weltlichen Universitäten dazu, vielleicht veraltete Vorstellungen in den Religionen zu relativieren.

Der Vorsitzende der Berliner Sehitlik-Moschee, Ender Çetin, erläuterte, Muslime in Deutschland fühlten sich bisher weniger wie eine Körperschaft öffentlichen Rechts, sondern eher „wie ein Verein“. Er selbst wünschte sich organisatorische Fortschritte, so dass Muslime auch selbst aktiver in der Gesellschaft auftreten könnten. Von den Voraussetzungen für eine Körperschaft öffentlichen Rechts seien Muslime aktuell aber noch weit entfernt, räumte Çetin ein. (epd/mig)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Anzeige
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...