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650 Wörter

Stellen Sie sich vor: Sie sind verheiratet, aber ihr Partner ist nicht bei Ihnen

650 Worte passiver und 300 Worte aktiver deutscher Wortschatz. So viel Sprachkenntnis verlangen deutsche Behörden, wenn Menschen aus der Türkei zu ihren Familienangehörigen im Land der Dichter und Denker möchten. Martina Priessners Dokumentarfilm fragt bei acht Betroffenen aus der Türkei nach.

Die Fragen der Regisseurin an die vier Männer und vier Frauen sind vielfältig: Wie haben sie ihren Partner aus Deutschland kennengelernt? Was ist Deutsch für eine Sprache? Wie lernt man eine Sprache am einfachsten? Schnell erfahren wir: Elf Wochen dauert der obligatorische Sprachkurs und findet im Goethe-Institut in Istanbul statt. Für einige heißt das mehr als acht Stunden Hin– und Rückfahrt täglich. Kommen die Sprachschüler aus anderen Städten, müssen sie vielleicht mehr als drei Monate bei Verwandten in Istanbul leben. Schlechte Lernbedingungen und finanzielle Strapazen sind vorprogrammiert. Und am Ende steht noch nicht einmal fest, ob die deutsche Ausländerbehörde ein Visum ausstellt. Es kann selbst bei bestandener Sprachprüfung danebengehen. Eine Begründung gibt es nicht. So wie bei Hayriye: am Tag des Interviews erfährt sie von ihrer Absage.

Schon Priessners erster Dokumentarfilm „Wir sitzen im Süden“ widmet sich dem Thema transnationaler Lebenserfahrungen von Menschen zwischen der Türkei und Deutschland. Da dokumentierte sie Call-Center Mitarbeiter aus Istanbul, die ehemals in Deutschland gelebt haben.

Für ihren neuen Film hat sich Priessner nicht nur einem neuen Thema gewidmet, sondern auch ein neues Verfahren genutzt: Oral History nennt man die Methode, Zeitzeugen über ihre Erfahrungen frei sprechen zu lassen. Was sie erzählen, soll dem Verlust historisch wichtiger Erfahrungen entgegenwirken. Was im Kontext zunehmend verschwindender Zeitzeugen der NS-Zeit selbstverständlich scheint, stellt sich mit Filmen wie „650 Wörter“ auch für das Thema der türkisch-deutschen Migration ein: einen Platz im kulturellen Gedächtnis zu erhalten. Was den Film von einer Praxis der Oral History allerdings unterscheidet, ist der gesellschaftskritische Unterton des Dokumentarfilms, den man permanent spürt. Priessner lässt zwar auch positive Meinungen zur deutschen Visapraxis zu Worte kommen, aber vor allem eben auch kritische.

„Stellen Sie sich vor: Sie sind verheiratet, blicken sich um, aber ihr Partner ist nicht bei Ihnen.“

An einer Stelle merkt zum Beispiel der 38-jährige Ibrahim an, dass die Dauer der Trennung die Beziehung zu seiner Frau belastet. Gegenseitige Beschuldigungen nehmen zu. Die strengen Visaauflagen für Menschen aus der Türkei erlauben es ihm nicht mal für zwei Tage zu ihr nach Deutschland zu reisen. Die Hochzeit ist anderthalb Jahre her.

Der 25-jährige Halil erzählt, dass es ihn traurig macht, wenn er auf den türkischen Straßen die glücklichen Pärchen sieht und sich seiner eigentlich unnötigen Einsamkeit bewusst wird. Denn die Lebensgefährtin gefunden hat er ja schon. Nur 650 Wörter trennen ihn von ihr und die Willkür der Ausländerbehörde. So nehmen es die Befragten zumindest wahr.

Für die Interviews bedient sich Priessner einem einfachen, aber wirkungsvollen ästhetischen Prinzip: sie werden vor schwarzem Hintergrund geführt. Dadurch hebt sich die Präsenz der Menschen und ihre Geschichte in den Vordergrund. Es lenkt nichts ab. Wegen diesem Fokus auf die Menschen und ihre subjektive Sicht wechseln sich Großaufnahmen von Gesicht und Körper der Interviewten ab. Priessner ist ganz nah bei ihren Befragten und der Zuschauer auch.

Ganz im Gegenteil ein anderer Film, der vergangenes Jahr in den Kinos lief. Züli Aladağs „300 Worte Deutsch“ handelt vom gleichen Thema, ist aber eine seichte Ethno-Comedy. Eine Truppe türkischer Frauen muss darin den Sprachtest nachholen, sonst droht ihnen die Abschiebung. Darin wirken die Figuren manchmal wie Abziehbilder oder ihre Verkehrungen: der böse und der gute deutsche Beamte, zwangsverheiratete Musliminnen und die aufmüpfige Tochter eines traditionellen Vaters. Während Dokus wie Priessners Film immer wieder auch gesellschaftskritische Themen einfach und effizient aufgreifen, bleibt es dem deutsch-türkischen Kinofilm bis auf wenige Ausnahmen immer noch versagt, politische Agenda jenseits der immer wieder währenden Migrantenklischees komplex anzusprechen.

Deutschlandpremiere: des Films ist am 19. Februar am Maxim Gorki Theater in Berlin. Weitere Termine finden Sie hier.

Auch in Priessners Film stößt etwas an. Zwischen den Interviewfragen und den Antworten der Visapflichtigen zeigt Priessner Aufnahmen deutscher Kultur: Szenen vom deutschen Schützenfest, vom deutschen Schwimmbad, einer Schlagerparty, einem Blick auf Wohnhäuser mit Schrebergärten davor. Gerade weil man den kritischen Ton des Films durchweg spürt, hätte es das nicht gebraucht. Der Film funktioniert auch ohne. Die Schicksale der Befragten nehmen den Zuschauer mit. Im Abspann erfährt man, die Zwischenfilme sind Aufnahmen einer der Befragten, die inzwischen in Deutschland angekommen ist. Die Antizipation einer deutschen Zukunft mit den Zwischenfilmchen funktioniert dennoch eher für den türkischen Zuschauer des bi-national ausgerichteten Films.

Dann wartet da noch eine Wendung am Ende. Nur so viel sei verraten: ausgerechnet das Stereotyp weiblicher Unterdrückung, eine Dame mit Kopftuch, ist es, die mit Hilfe des EU-Rechts Deutschland für seine diskriminierende Visapraxis eins auswischt.