MiGAZIN

Verplantes Leben

Von Flüchtlingskindern das Leben lernen

In Deutschland sind viele Kinder „konsumistisch traumatisiert“, ihr Leben ist „verplant“, sie leben ohne Verantwortung und werden von ihren Eltern „vergöttert“, kritisiert Soziologe Gronemayer. Es sei Zeit, etwas von Flüchtlingskindern zu lernen.

Deutsche Kinder können nach Ansicht des Gießener Soziologen und Theologen Reimer Gronemeyer viel von Flüchtlingskindern lernen. Diese hätten Erfahrungen mit Krisen gemacht und seien oft viel stärker als die Kinder im Land, sagte Gronemeyer dem Evangelischen Pressedienst. „Sie wissen, dass man auf andere angewiesen ist.“

Angesichts von Klimawandel, weltweiter Migration, dem „Zerbröckeln der Europäischen Union“ und der Vereinzelung der Menschen sei vielen in Deutschland bewusst, „dass die Dinge nicht so bleiben, wie sie sind“. Die Frage sei, wie Kinder mit diesen Krisen zurechtkämen und ob sie dafür gut ausgestattet seien. Im Gegensatz zu afrikanischen Kindern wirkten unsere Kinder oft müde, sagte die Soziologin Michaela Fink, die gemeinsam mit Gronemeyer das Buch „Unsere Kinder – Was sie für die Zukunft wirklich stark macht“ geschrieben hat.

Die beiden Wissenschaftler forschen seit Jahren im südlichen Afrika, unter anderem über Aids-Waisen in Namibia. Namibia ist das Land mit der weltweit größten Kluft zwischen Arm und Reich. „Trotzdem sind uns dort Kinder voller Lebenskraft begegnet“, berichtete Fink. In Deutschland hingegen seien viele Kinder „konsumistisch traumatisiert“. Bilinguale Schule, nachmittags Karatekurs, Flötenunterricht, Schwimmen und kreatives Malen. „Das verplante Leben raubt ihnen die Kräfte“, sagte Fink. Kinder bekämen unglaublich viel Aufmerksamkeit, was bis zu einer „Vergötterung“ reiche. Sie lebten in einer Kunstblase, aber sie nähmen nicht am Leben teil und dürften keine Verantwortung übernehmen.

Eltern müssten ihre Kinder „aus der Sofaecke mit Gameboy und Chips“ herauslocken, sagte Gronemeyer. Dennoch sei die digitale Welt, in der Kinder aufwachsen, nicht mehr wegzudenken. Sie sei aber nicht nur eine Katastrophe, sondern sie erweitere auch die Möglichkeiten. So könnten zum Beispiel neue „Räume der Freundschaft“ entstehen, die nicht mehr nur an geografische Plätze gebunden, sondern auch „angefüllt mit Digitalität“ seien. Es gebe auch heute noch Freiräume: „Wenn man die Kinder mal in Ruhe lassen würde, müssten sie sich ihre Räume selbst suchen. Aber dann müssen wir auch zulassen, dass manche Dinge riskant sind.“

Gronemeyer forderte einen Neuanfang und Mut zum Aufbruch „aus versteinerten Verhältnissen“ – hin zu einem bescheidenen Lebensstil, der durch Gemeinschaftlichkeit und Rücksicht auf die Ressourcen gekennzeichnet ist. Hilfreich könnten alte Tugenden wie Tapferkeit und Gerechtigkeitssinn sein. Auch sei die Fähigkeit nötig, auszuhalten, „dass Krisen uns Veränderungen abnötigen“. (epd/mig)