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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Saids Geschichte

Im Iran konvertiert, in Europa zurückgewiesen

Sind Flüchtlinge wirklich auf der Flucht oder nur auf der Suche nach einem besseren Leben? Die Geschichte Said zeigt, welche Wege nach Europa führen. Er war im Iran zum Christentum konvertiert und musste fliehen. In Griechenland steht er vor drei Optionen – eine schlechter als die andere.

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In einem Waldstück nahe der mazedonischen Grenze versorgen deutsche Helfer die Menschen mit einer warmen Mahlzeit und Wasser © Nima Ariani

VONNima Ariani

Nima Ariani ist Psychologe und Politikwissenschaftler.

DATUM3. Februar 2016

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

QUELLE Dieser Text erschien zuerst auf yallahdeutschland.de

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Vor dem großen Basar in Teheran steht seit Jahren ein alter Mann mit einem Käfig voller Spatzen. Gegen etwa einen Euro können Passanten einem der kleinen Vögel die Freiheit schenken. Sanft nimmt der Mann den Glücklichen heraus und lässt ihn fliegen. Ein schönes Ritual, es soll Glück bringen.

Wenn sich Menschen jedoch in ihrem eigenen Land gefangen fühlen, ist Befreiung ein ungleich größeres Wort. Auf einen gütigen Passanten kann man im internationalen System kaum hoffen und mit Einmischung von außen hat man im Iran ohnehin äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Bleibt also nur die Selbstbefreiung. Durch Reformen? Durch Revolution? Auf beides warten sie schon zu lange. Bis sich die Verhältnisse in ihrer Heimat ändern, ziehen viele Iraner es daher vor, selbst auszubrechen. Einige privilegierte schaffen es mit Arbeits- oder Studienvisa in die USA, nach Kanada, Australien oder Europa. Den Menschen, die nun in Griechenland festsitzen, blieb nur der illegale Weg. Viele schlafen hier in heruntergekommenen Hostels oder sogar in Stadtparks im Herzen Athens. Die Plätze in staatlichen Camps sind ausschließlich Bürgerkriegsflüchtlingen vorbehalten. Der Rest muss sehen, wo er bleibt.

Es sind ganz unterschiedliche Gründe, die die Menschen zur Flucht getrieben haben. Viele sehnen sich nach den individuellen Freiheiten der westlichen Welt. Zum Teil wurde ihnen wegen der Teilnahme an den Demonstrationen 2009 eine Akte angelegt, die ihnen die Zukunft in ihrer Heimat verbaut. Manche suchen vor allem berufliche Perspektiven, andere sind zum Christentum oder anderen Religionen konvertiert und fürchten um ihr Leben.

Zu etwa 75% werden Asylanträge von Iranern in Deutschland derzeit bewilligt. Sehr viele hätten wohl gute Chancen auf Asyl in ihren Zielländern, wenn sie diese nur erreichen würden. Doch ganz gleich wovor sie flüchten: Seit Mitte November vergangenen Jahres dürfen sie alle nicht mehr über die mazedonische Grenze. Auf den Einzelfall wird dabei überhaupt nicht geschaut, sondern – gegen jede Konvention – stur auf die Nationalität. „Mazedonien erledigt den Job für die Großen in Europa“, ist sich der Leiter eines der drei staatlichen Flüchtlingscamps in Athen sicher. Er möchte nicht namentlich genannt werden. Die Leidtragenden sind nun Menschen, die all ihre Hoffnung in dieses Europa gesteckt haben.

Sie konnten nicht mehr bleiben

Jedes Mal, wenn er auf sein Handy schaut, kämpft Said mit den Tränen. Aus dem Display schaut ihn seine dreimonatige Tochter Mana mit großen Augen an. In der Nacht auf dem überfüllten Schlauchboot irgendwo in der Ägäis hatte er sie im Arm gehalten. In nur drei Monaten Leben hatte sie den Tod bereits mehrfach vor Augen. „Hat dieses unschuldige Mädchen kein Recht auf Schutz in einem Land, in dem es menschenwürdig behandelt wird“, fragt Said.

Angefangen hatte alles mit einem Kunden in Saids Frisörsalon in Shiraz. Immer wieder erzählte er von der Bibel, von Nächstenliebe und Vergebung. Es klang sehr anders als das, was im Iran von der „Islamischen Republik“ praktiziert wird – verlockend anders. Er begann sogenannte häusliche Kirchen zu besuchen. Orte, an denen sich zum Christentum konvertierte Iraner treffen, um Gottesdienste abzuhalten. Sie trafen sich abwechselnd in verschiedenen Wohnungen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Es gelang ihnen nicht.

Als die Polizei in die Wohnung der jungen Familie einfällt, sind sie gerade beim Kinderarzt. Die ältere, zweijährige Tochter Sahel ist krank. Bei ihnen zu Hause findet die Polizei nur die Familie von Saids Frau vor, Laptops und Mobiltelefone werden beschlagnahmt. Die Angehörigen informieren sie umgehend über den Besuch. Seitdem war die Familie nicht mehr in ihrer Wohnung. Sie flüchteten noch am selben Tag.

Auf Apostasie, den Abfall vom Glauben, steht im Iran die Todesstrafe. Said weiß, dass Mitglieder seiner Gemeinde mittlerweile verschwunden sind. Für ihn und seine Familie gibt es kein zurück. Mehrfach betont er, dass es ihm im Iran finanziell sehr gut ging und er seine Heimat nicht verlassen wollte, sondern musste.

Aussichten: schlecht, schlechter, am wenigsten schlecht?

Seit drei Wochen stecken sie nun in Athen fest, die Aufenthaltsgenehmigung in Griechenland ist auf einen Monat befristet. In einer Woche sind sie Illegale. Said möchte unbedingt nach Deutschland, wo einer seiner Brüder mit seiner Familie wohnt. Momentan hat er die drei Möglichkeiten, vor denen alle in Athen gestrandeten Flüchtlinge stehen.

Erstens, könnte er falsche Papiere besorgen (bei Iranern meist afghanische), um es vielleicht über den normalen Grenzübergang in Idomeni zu schaffen. Die Erfolgsaussichten bei dieser Option sind sehr gering und für eine vierköpfige Familie wären die Kosten dafür inklusive der höchstwahrscheinlich sinnlosen Reise an die mazedonische Grenze unverhältnismäßig hoch.

Zweitens: In Griechenland Asyl beantragen. Hierbei ist zu bedenken, dass Deutschland nicht ohne Grund bereits seit 2011 nicht mehr nach Griechenland abschiebt. Die Aufnahmebedingungen sind katastrophal. Und wer will es einem jungen Familienvater verdenken, seine Kinder in ein Land mit möglichst guten Zukunftschancen bringen zu wollen?

Drittens könnte er noch einmal die Schlepper bezahlen und sich durch die Wälder und den Schnee nach Mazedonien und weiter durchkämpfen – mit einem zweijährigen und einem dreimonatigen Mädchen in den Armen. Man kann sich kaum entscheiden welche der Optionen weniger schlecht ist als die anderen. Said muss sich entscheiden.

Die allein reisenden, jungen Männer

Was in den Wäldern nahe der mazedonischen Grenze los ist, sehe ich vor Ort. Etwa 200 Menschen, meist aus Iran, Pakistan und Marokko verbringen hier die Nächte in leerstehenden Baracken oder gleich auf der nasskalten Erde. Sie warten auf die Schlepper. Manche haben es bereits fünf oder sechs Mal über die grüne Grenze versucht. Und sie versuchen es weiter, trotz der Schläge und Tritte mazedonischer Polizisten. Gegen Mittag kommt eine Gruppe deutscher Freiwilliger mit genug warmer Mahlzeit für alle. „Gott möge euch schützen“, sagen viele, die hier einen Gemüsebratling mit Reis und Auberginenmus gereicht bekommen.

Khalil hat mit seinem Bruder bereits mehrere Tage in diesem Waldstück verbracht. Er erzählt von den beschwerlichen und zum Teil demütigenden Erlebnissen auf dem Weg bis hierher. Gerade am Hafen von Athen gelandet, hatte er sich mit seinem Bruder an eine Mauer gesetzt, um sich in der Sonne etwas zu erholen. Da kam eine alte Frau auf sie zu und schrie sie sollen verschwinden, sonst rufe sie die Polizei. Sie kamen ihrer Forderung nach und beobachteten wie die Frau nun Pappkartone und Schälchen aufstellte. Da kamen ihre Katzen angelaufen. „Wir sind hier weniger wert als Katzen“ schließt Khalil, nicht ohne Galgenhumor.

Sie haben die nächtliche Überfahrt über die Ägäis überstanden. Noch heute hört er die verzweifelten Gebete von Müttern und die weinenden Kinder. Auch nach sieben gescheiterten Versuchen, kann er nun nicht aufgeben. Bis Serbien hat er es schon einmal geschafft, doch die Behörden schickten ihn zurück nach Idomeni. Sie haben Schulden aufgenommen um diese Reise anzugehen, erklärt Khalil. Auf keinen Fall können sie jetzt zurück. Sobald er Deutschland betrete, möchte er anfangen zu arbeiten und alles zurückzahlen. Das ist der Plan.

Wie geht es weiter?

Wenn Griechen und Perser unter normalen Umständen aufeinandertreffen, wird gerne über Geschichte gesprochen. Beide Länder waren die Zentren von Weltreichen. Das verbindet. Trotz der Perserkriege, der großen Rivalität der damaligen Großmächte und der Tatsache, dass Alexander der Große im Iran eher als Alexander der Verfluchte bekannt ist. Damals, vor über 2000 Jahren, sind die Perser fatal an den Griechen gescheitert. Die Geschichte der Welt hätte wohl einen anderen Lauf genommen, wenn es ihnen gelungen wäre, die griechischen Stadtstaaten einzunehmen.

Was das mit den Iranern zu tun hat, die jetzt ebenfalls in der Türschwelle Europas aufgehalten werden? Nichts. Denn egal ob sie aus Angst um ihr Leben oder Perspektivlosigkeit nach Europa flüchten, es sind eben keine „Invasoren“, die das Abendland „überrennen“ wollen. Und wie das Beispiel von Saids Familie zeigt, sind genügend unter ihnen, denen Europa das Menschenrecht auf Asyl de facto verweigert, trotz kleiner Kinder und eindeutigen Fluchtgründen.

Individuell betrachtet ist auch die Migration aus Perspektivlosigkeit meist verständlich, wenngleich sie keinen Anspruch auf Asyl mit sich bringt. In einer Herberge in Yazd, einer historischen Stadt zwischen den beiden großen Wüsten Irans, lernte ich Mohsen kennen. Nächtelang unterhielten wir uns über Literatur. Besser gesagt, er erklärte sie mir. Er wusste mehr über Proust, Dostojewski und Nietzsche als jeder europäische Literaturstudent, mit dem ich mich bisher unterhalten hatte. Hier servierte er nun Tee für Backpacker aus China und Europa. Wegen der Teilnahme an den Demonstrationen 2009, war er von seiner Universität verwiesen worden und hier gelandet. In Europa könnte er so viel erreichen. Noch ist er im Iran.

Wie diese Geschichten nun weitergehen, ist noch nicht besiegelt. Ein Happy End gibt es zumindest vor dem großen Basar in Teheran nicht: Die Vögel werden im anliegenden Park jedes Mal wieder gekonnt von dem alten Mann eingefangen, um aufs Neue als Glücksbringer für gutgläubige Passanten zu dienen. Khalil meldet über WhatsApp es nach Mazedonien und bis an die serbische Grenze geschafft zu haben. Wenn man ihm im Wald gegenüberstand, wünscht man sich, er würde nicht wieder eingefangen.

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3 Kommentare
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  1. Matthias sagt:

    Kompliment. Stilistisch und inhaltlich ein toller Artikel. Glaubwürdig und authentisch. […]

    Christen im Iran haben es sehr schwer. Und die Situation in der griechisch-mazedonischen Grenzregion ist nicht aushaltbar. Leider ist es in Deutschland nicht opportun über Christenverfolgung zu sprechen. Letztlich endet die Diskussion dann immer beim Vorwurf der Islamophobie. Opendoors wird nicht allzu ernst genommen.

    Dabei hat es die Schia nicht nötig Andersgläubige zu verfolgen. Wiedereinmal wird die Religion instrumentalisiert um nationale Interessen durchzusetzen. Das persische Volk ist geschichtsreich und stolz, modern und Weltoffen. Es hat so eine Regierung und so einen Religionseinfluss nicht verdient.

    Ich wünschte mir ein stärkeres Intervenieren der alevitischen Verbände in Europa. Leider ist der religiöse fanatismus nicht mit Wirtschaftssanktionen zu bekämpfen, das sitzt Ajahtollah und Co einfach aus. Die Bevölkerung leidet.

  2. Holger sagt:

    Für die betroffenen Menschen, welche alle Hoffnung auf Deutschland setzen, ist es eine Katastrophe, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Viele haben alles auf eine Karte gesetzt. Zu glauben, dass Deutschland die ganze Welt retten kann, ist jedoch unsinnig. Der Zusammenbruch des Sozialstaats, ein politischer Rechtsruck und letztlich der Zerfall Europas sind die Folgen. Hilfe setzt auch Hilfsbereitschaft voraus. In D werden die Bürger leider nicht gefragt, ob und in welchem Umfang sie helfen wollen. In der Praxis werden vermutlich die ärmeren Schichten zahlen, die Reichen beschränken sich aufs moralisieren. So verliert Hilfsbereitschaft schnell die Akzeptanz. Es gibt übrigens Länder wie Brasilien, in welche Flüchtlinge GANZ LEGAL einreisen können. Man sieht sie dort als Einwanderer. Hartz4 rtc. gibts dort allerdings nicht.

  3. Ernst Laub sagt:

    Besonders an der undifferenzierten Behandlung der Flüchtlinge kann man die Konzeptlosigkeit dieser Politik erkennen: Einerlei ob es sich um „echte“ oder „unechte“ Flüchtlinge – worüber man sich immer streiten kann – handelt, muss man endlich eine Liste der zu privilegierenden Personengruppen erstellen: Mehr Aufnahmechancen und bessere Unterkünfte sollten folgende Kategorien erhalten:
    1. Familien mit Kinder
    2. Kinder (aber keine angeblichen Kinder von 18 – 25 Jahren!!!)
    3. Frauen
    4. Religiöse verfolgte und daher in Flüchtlingsunterkünfte gefährdete Personen. Dabei denke ich in erster Linie an Christen. Dabei dürfte die Frage, ob es sich um einen „echten“ oder einen „unechten“ Christen handelt, gar nicht gestellt werden. Ausser wenn sich ein offenkundiger Islamist als Christ zu tarnen versucht (Was allerdings kaum vorkommen dürfte). Viele Christen orientalischer Herkunft getrauen sich aus Sicherheitsgründen nicht, ihren Religionsübertritt zu offizialisieren: Eine iranische Freundin meiner Frau und deren Töchter, aus einer Arzt- und Künstlerfamilie und alle bestens in die französische Gesellschaft integrieren, verrichten ihren Gottesdienst so, dass ihre Angehörigen im Iran dadurch nicht gefährdet werden können: Sie verheimlichen ihr Christsein auch heute noch vor Unbekannten.
    Dann gibt es eine weitere Gruppe von „Flüchtlingen“, die sofort ausgewiesen werden muss, was in der Vergangenheit in der Schweiz unverständlicherweise nicht der Fall war. So gewährte die Schweiz Mitgliedern der „Islamistischen Heilsfront (FIS, Front Islamique du Salut), einer terroristischen Organisation aus Algerien, Asyl, weil sie – völlig zu Recht –von der algerischen Justiz verfolgt wurden! Immerhin hat der FIS unzählige Menschenleben auf dem Gewissen. Bald wurden diese „Flüchtlinge“ in der Schweiz total untragbar. Für viel Geld fand die Schweiz schliesslich einen muslimischen Staat in Afrika, der diese Kriminellen aufnahm. Es würde mich allerdings nicht erstaunen, wenn sie dort – ausgestattet mit einem grosszügigen Schweizer Abschiedsgeld – weiterhin terroristisch tätig sind.



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