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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Arbeit

Nach 30 Jahren angekommen in Deutschland

Acht Jahre hat JAvid auf eine Arbeitserlaubnis warten müssen. Einen Job fand er auch danach nicht. Über eine Stellenanzeige wurde er auf die Flüchtlingsberatung aufmerksam. Seit Oktober hat er eine unbefristete Stelle als Sprach- und Kulturmittler.

VONJulia Bernewasser

DATUM17. Dezember 2015

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Mit beiden Händen umklammert Zahra ihren Ausweis, der der 63-jährigen Iranerin nun ein Leben in Deutschland ermöglicht. Sie beugt sich zu Javid Bijareh vor. „Ohne dich hätte ich es nicht geschafft“, sagt sie den Tränen nahe. Javid, der selbst einmal als iranischer Flüchtling nach Deutschland kam, hat seit Oktober einen unbefristeten Job als Sprach- und Kulturmittler bei der Diakonie in Düsseldorf – eine Perspektive nach mehr als drei Jahrzehnten.

„Vor 30 Jahren, da war ich noch uninteressant“, sagt Javid. Während die Flüchtlingskrise Städte verzweifeln und Politiker über Obergrenzen streiten lässt, hat sie Javid Bijareh zum Gewinner gemacht. Der 55-Jährige verbindet zwischen Sprachen, Kulturen und Menschen. Und seine Arbeit wird immer gefragter. Er geht mit den Menschen zum Einwohnermeldeamt, zur Ausländerbehörde oder organisiert Wohnungen.

Sieben Sprachen beherrscht Javid: Deutsch, Englisch, Persisch, Türkisch, Aserbaidschanisch, Spanisch und ein bisschen Kurdisch. „Es kommen immer neue Leute dazu. Das geht alles über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Manche sind nach einem Tag wieder verschwunden, andere begleitet er über Wochen und gar Monate, wie Zahra aus dem Iran.

Ein bisschen Deutsch könne sie ja schon, stellt die Dame am Empfang der Sprachschule fest, als Zahra zum Test ein paar Wörter vorlesen soll. Javid will die ehemalige Lehrerin aus dem Iran für einen Sprachkurs anmelden, denn sie hat nun eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Auch zur Anhörung im Asylverfahren hatte Javid Zahra begleitet. „Das war vor allem seelische Unterstützung“, sagt er.

„Fremd“, lautet die Antwort, wenn man Javid fragt, wie sich seine ersten Wochen in Deutschland anfühlten. „Ich will nicht, dass es meinen Klienten auch so geht.“ Javid wurde im Iran geboren. 1983 flüchtete er während des Golfkrieges nach Deutschland. Sein Bruder studierte damals schon in Nordrhein-Westfalen.

Acht Jahre habe er auf eine Arbeitserlaubnis warten müssen. Verschwendete Zeit in Javids Augen. Seine Zukunft sah er eigentlich in der Arbeit als Mediengestalter. Einen Job fand er aber nicht. Über eine Stellenanzeige wurde er auf die Flüchtlingsberatung aufmerksam. Erst war er nur ehrenamtlich tätig, später folgten immer wieder Kurzzeitverträge, aber keine langfristige Perspektive.

Vor der Tür der Sprachschule wartet Ghasem Aslami. Der 21-jährige Flüchtling aus Afghanistan hat ein Problem: Sein Behindertenausweis ist noch immer nicht da. Seit vier Monaten ist Ghasem in Deutschland, zwei Jahre war er auf der Flucht. Seine Beine sind seit seiner Kindheit verkümmert, erzählt er, während sich Javid, Zahra und Ghasem auf den Weg zur Straßenbahn machen. Javid will noch einmal bei der Behörde nachhaken, heute aber hat er keine Chance: Das Amt ist geschlossen.

„Man braucht viel Geduld und Verständnis“, sagt Javid, wenn man ihn nach den Herausforderungen seiner Arbeit fragt. „Aber da habe ich Erfahrung.“ Bei Behörden Nummern ziehen, nach Papieren suchen. „Ich sage dann immer: Wir finden alles.“ Ghasem, der im Rollstuhl sitzt, lache immer so viel. „Das gibt mir Energie. Mein bester Klient“, sagt Javid.

Seit Oktober hat Javid nun eine unbefristete Stelle als Sprach- und Kulturmittler. Einen Anteil daran haben auch Ghasem und Zahra. Ohne die Flüchtlingskrise hätte Javid diesen Job wohl nicht. Er sehe immer häufiger „Menschen wie mich“, sagt Javid und meint damit Zuwanderer, die in Jobcentern und bei Hilfsorganisationen angestellt sind. Jetzt würden sie gebraucht. Endlich.

„Wenn die Menschen auch wie ich aus dem Iran kommen, dann ist die Verbindung besonders groß.“ Javid stellt fest, dass er es 1983 schwerer hatte, sich in Deutschland zurechtzufinden als Flüchtlinge heute. Eine Arbeitserlaubnis nach drei Monaten – davon konnte er nur träumen. „Heute gibt es so viele Organisationen und Menschen, die sich kümmern. Ich hatte nur meinen Bruder und einen Pastor, der mir dabei geholfen hat, eine Schule zu finden.“

Ghasem und Zahra scheinen Javid heute nicht mehr von der Seite weichen zu wollen. In seinem Büro in der Diakonie hat Javid Kekse auf den Tisch gestellt, Ghasem rührt in seinem Kaffee. Wenn er so viel Nähe zu seinen Klienten aufbaue, sagt Javid, gehe es nicht bloß um das Ausfüllen der richtigen Papiere. „Heimweh ist ein großes Thema“, sagt der 55-Jährige. Und viele beschäftige die Frage: „Werde ich abgeschoben?“ Javid will seinen Klienten nichts vormachen.

Ghasem und Zahra fühlen sich bei Javid wohl. „Guter Mann. Wie mein Bruder“, sagt Ghasem. „Helfen“, sagt Zahra auf Deutsch und formt dabei eine große Wolke mit den Händen, um zu betonen, wie groß Javids Unterstützung ist. Javid verhilft den Menschen dazu, einen besseren Start in Deutschland zu haben, als es ihm vergönnt war. „Ich mache die Arbeit leidenschaftlich. Mein Herz hängt daran. Der Job ist das Beste, was mir passiert ist.“ Javid ist angekommen. Nach 30 Jahren. (epd/mig)

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