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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Beate Zschäpe

Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist’s gewesen

Nein, die kleine, unschuldige Zschäpe hatte nichts mit den NSU-Morden zu tun. Sie sei selbst Opfer. Das versuchte sie mit ihrer Einlassung jedenfalls zu erklären. Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Von Nasreen Ahmadi

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NSU-Hauptangeklagte Beate Zschäpe vor der Verlesung ihrer Einlassung im NSU-Prozess

VONNasreen Ahmadi

Nasreen Ahmadi hat einen afghanischen Migrationshintergrund. Sie studiert Wirtschaftswissenschaften und Islamische Studien an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Neben dem Studium ist sie ehrenamtlich in dem Verein InteGREATer e.V. aktiv, denn sie glaubt, dass Integration nur durch Bildung zustande kommt.

DATUM10. Dezember 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Nach 249 Verhandlungstagen der Selbstinszenierung hat Beate Zschäpe im NSU-Prozess ihr Schweigen gebrochen. Ihr Verteidiger Mathias Grasel hat eine etwa 50-seitige Erklärung in ihrem Namen vorgelesen. Was wir jetzt wissen? Beate Zschäpe ist eine Heilige, mit einem sehr reinen Herzen.

Die kleine, unschuldige Zschäpe, die irgendwie in die Arme von Verbrechern gestolpert ist, mit denen sie über ein Jahrzehnt zum Leben im Untergrund genötigt wurde, war zu keinem Zeitpunkt Mitglied einer Vereinigung namens NSU. NSU? Wer oder was soll das überhaupt gewesen sein, verließ ihr Verteidiger vor dem Gericht in München.

Das naive, junge Ding aus der DDR hatte eine schwere Kindheit und eine alkoholkranke Mutter. Zu keinem Zeitpunkt war es ihre Schuld, dass sie sich zu den beiden Neonazi-Uwes hingezogen fühlte und zu einer Nazibraut wurde. Das kleine, dumme Mädchen des NSU, das Sympathien für eine Ideologie empfand, die auf Fremdenhass und Gewalt aus ist, geriet in etwas hinein, was sie nie wollte. Als sie von den Morden erfuhr, ist sie entweder wie betäubt, fassungslos oder so aufgewühlt gewesen, dass sie erst einmal Sekt trinken musste und sogar die Katze vernachlässigte. Sogar ihre Katze, was für ein Alptraum!

Zur Polizei gehen und den gerausamen Morden ein Ende setzen? Nein, das konnte sie nicht. Dafür war die Liebe zu den Neonazi-Uwes zu groß – die beiden hätten ihr im Falle einer Anzeige mit Selbstmord gedroht. „Sie waren meine Familie.“ Das diese zwei die Familien der anderen zerstörten und Frauen und Kindern ihre Ehemänner und Väter nahmen, das lag nicht in ihrer Hand.

Von den zahlreichen Handfeuerwaffen, die in ihrer Wohnung gefunden wurden, ganz zu schweigen von „Trophäen“ wie den Handschellen der ermordeten Polizistin, hatte die arme Zschäpe zu keinem Augenblick Kenntnis gehabt. Hier hatte sich der Weihnachtsmann offenbar im Haus geirrt. Auch ihre Fingerabdrücke auf den Zeitungsartikeln, die im Brandschutt der von ihr angezündeten Wohnung in Zwickau gefunden wurden, sind reines Versehen gewesen und bestimmt anderes zu erklären, genauso die Stadtpläne mit den ausgespähten Anschlagszielen, die ebenfalls in ihrer Wohnung gefunden wurden. Wahrscheinlich waren das nur Ziele für eine Fahrradtour, die rein zufällig genau dort hinführten, wo die Opfer aus nächster Nähe mit einem Kopfschuss brutal hingerichtet wurden. Das gute, brave Frauchen, wollte nur eins: Liebe.

Das Frauenbild der Fünfzigerjahre wurde beim NSU-Prozess wie eine prächtige Kutsche vor eine knallharte, neonazistische Realität geschoben. Zahlreiche Zeugen, die bisher ausgesagt hatten, hatten ein anderes Bild geliefert: Zschäpe war nicht die emotional abhängige Mitläuferin, die daheim nur Butterbrote schmierte und Kaffee aufsetzte.

Dieser Prozesstag in München war für die Opfer und deren Hinterbliebenen ein Schlag ins Gesicht. Vor allem nach Zschäpes fragwürdiger „aufrichtiger Entschuldigung“. „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“. Warum hatte sie dann die letzten 248 Gerichtstage geschwiegen? Warum sagt sie den Familien der Hinterbliebenen nichts, die sich mit den quälenden Fragen, warum ihre Liebesten sterben mussten, bis heute noch auseinandersetzen müssen? Ihre Entschuldigung ist höhnisch, ja sogar beschämend. „Ich bin selber ein Opfer“ zieht nicht.

Was auch immer beim NSU-Prozess vor Gericht gesagt wird, eine wird zur Aufklärung nichts beitragen: Beate Zschäpe.

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2 Kommentare
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  1. J.P.Hintze sagt:

    Es ist schon merkwürdig, dass die juristische Unschuldsvermutung offenbar, je nach Hintergrund, sehr variabel ausgelegt wird. Grundsätzlich sollte auch für eine Angeklagte aus rechtsextremen Zusammenhängen vor Gericht die gleichen Rechte bestehen, wie für jeden kleinen Messerstecher mit multikulturellem Hintergrund. Und wer die Hintergründe dieser feigen und sinnlosen Mordserie kennt weiß, dass vieles von dem, was Zschäpe verlesen ließ stimmen könnte und vieles andere glänzend widerlegt werden kann.
    Bei allem, was wir wissen, spricht vieles für eine Entlastung im Diktat und im Sinne der Verfassungsschutzbehörden.
    In diesem Zusammenhang würde interessieren, wer im thüringischen Innenministerium Beate Zschäpe vor ihrer Flucht angerufen hat. Die Tatsache, dass sie auf der Flucht dennoch dazu fähig war, die Bekennervideos zu versenden, spricht für ihre Komplizenschaft innerhalb der terroristischen Vereinigung NSU. Andererseits gab es schon lange mehrere Zeugen, die aussagten, dass die beiden Haupttäter wesentliche Informationen (wie die Waffenbeschaffung) vor Zschäpe unter Verschluss hielten. Der eventuelle und denkbare Deal mit dem VS wird die Wahrheitsfindung verhindern – in einigen Jahren wird „aufgrund Persönlichkeitsrechten“ niemand mehr erfahren, ob und in welchem Gefängnis Zschäpe einsitzt.
    Als Journalist sollte man sich aber neutral mit den Fakten auseinandersetzen, nicht mit Halbwahrheiten politisch jonglieren und keine rassistische Szenarien entwerfen, um Opfer und Angehörige aufzuwerten.

  2. Han Yen sagt:

    @Nasreen Ahmadi

    Sie sollten als transnationaler Autor nicht das politische Spiel der Regierung mit machen, und den NSU Fall zu sehr auf die Person Zschäpe verengen.

    Der BND hat eine dunkle Vergangenheit hinter sich angefangen damit, dass NS Personal dort ihre Karriere fortsetzen konnten über die BND Beteiligung an der politischen Rückendeckung für das weiße Apartheids-Regime. Beim Massenmord in Indonesien 1965–1966 war der BND dabei. Der BND lieferte aus dem Irak Zieldaten an die US Amerikaner, obwohl es Massendemostrationen auf den Strassen gab, und die SPD Regierung sich als Friedensmacht inszenierte. Die BND Spionage für den NSA gegen deutsche Staatsorgane und die deutsche Wirtschaft ist ein weiterer Sarg Nagel für die lebendigste Demokratie in West- und Mittel-Europa.

    Beim NSU Prozeß sieht man sehr gut, dass die deutschen Geheimdienste es verstehen die Gewaltenteilung zu unterlaufen, und Parlament, Regierung und Judikative inszenieren für die Öffentlichkeit eine Pannenserie, um Dummheit vorzuschieben als Ausrede. In der Regierung, im Parlament und in der Judikative sitzen aber keine Idioten.

    Rechtsterrorismus ist ein politisches Instrument der USA und Frankreich gewesen, demokratische Regierungen in Süd-Amerika los zu werden, der Iran erlebte das auch mit seiner Demokratie. Gegenwärtig sind Griechenland und die Ukraine im Visier. In Portugal gibt es seit der Nelken Revolution keine gewachsenden rechten Strukturen.

    Rechtsterrorismus ist keine Gefahr sofern sie ein weißer Deutscher sind. Weit aus trolliger sind schon die PEGIDA als Protest-Bewegung patriotischer Europäer (?!), was auf dem geistigen Zustand der Bürger schließen läßt. Patriotisch kann man nur für einen Nationalstaat empfinden. Patriotischer Europäer sind Realitätsverweigerer, die nicht sehen wollen, wie die PIIGS Staaten in den Schwitzkasten genommen werden. Sind die Menschen in den PIIGS-Staaten nicht auch Europäer ?

    Hinzu kommt die verdrehte Weltsicht der AfD, die lustige Rußland Sympathien generieren kann und eine Schar prekarisierter weißer Deutscher und sogar einen respektablen Anteil weißer, deutscher Akademiker vor dem Karren gespannt hat.

    Die Front National steigt in Frankreich auf, und sie wird sich nicht mehr von der BRD zu Tode kuscheln lassen. Die französische Deutschland-Politik ist teils gescheitert. Die französische Strategie die BRD in EU-Strukturen einzubinden und den Euro als Schutzschild gegen die deutsche Industrie zu verwenden wird bald nicht mehr gefragt sein, sobald die deutsche Erwerbsbevölkerungszahlen unterhalb Frankreichs und Großbritanniens sinkt. Die Briten sind auch nicht mehr mit dem Briten-Rabatt glücklich und wollen sich ihre Blocckade-Politik gegen Frankreich mit der BRD teurer bezahlen lassen.

    Zudem entvölkern sich ost-deutsche Landstriche weiter, geben weiterhin wesentlich mehr für Sozialleistungen aus und leisten sich gleichzeitig die niedrigsten Gewerbesteuer in der Hoffnung, dass der Länderfinanzausgleich das schon richten wird.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, was die konservative Regierung mit ihrer SPD Copycat will im Zusammenhang mit der offensichtlichen Rückendeckung für rechte Brandanschläge und Mordserien. Die Sozialdemokratie ist europa-weit am Ende. Die Linke ist eine Provinz-Partei und man braucht keine AfD und braune Bio-Dörfer, um die Leute einzuschüchtern und zu erschießen.



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