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Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Ohne Eltern und ohne Geld

Kommunen suchen dringend Pflegefamilien für minderjährige Flüchtlinge

Ein afghanischer Jugendlicher hat bei einer deutschen Familie ein neues Zuhause gefunden. Vorübergehend, denn jetzt haben es auch seine Eltern nach Deutschland geschafft. Immer mehr minderjährige Flüchtlinge kommen ins Land und brauchen Hilfe.

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Spielende Kinder © broma auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Entscheidung, einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufzunehmen, fiel Steffen Meyer (Name geändert) aus Hannover nicht schwer. „Ich bin ein Familienmensch und finde das ganz toll mit jungen Menschen, weil sie einen so bereichern“, sagt der 52-Jährige. Eines seiner fünf Kinder hatte Anfang des Jahres das große Haus verlassen, die Meldungen über allein reisende Jugendliche häuften sich. Über einen Verein für Flüchtlingshilfe lernten Meyer und seine Frau den 15-jährigen Zubair (Name geändert) aus Afghanistan kennen. Schnell war klar: „Wir kümmern uns um diesen Jungen.“

Immer mehr unbegleitete Minderjährige kommen nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Deutschland an. In diesem Jahr werden es nach Schätzungen von Experten bis zu 30.000 allein reisende Jugendliche sein. Seit Anfang November werden die Kinder und Jugendlichen bundesweit verteilt und bleiben nicht mehr wie bisher in den grenznahen Bundesländern.

Hinweise für Pflegeeltern: Paare oder Einzelpersonen, die einen unbegleiteten Flüchtling bei sich aufnehmen wollen, sollten idealerweise bereits Erfahrung in der Erziehung von Jugendlichen mitbringen. Weitere Voraussetzungen sind gute deutsche Sprachkenntnisse und ausreichend Wohnraum mit einem eigenen Zimmer für das Pflegekind. Die Pflegeperson muss zudem über genügend Zeit verfügen, um die Jugendlichen beim Eingewöhnen in der Schule und zu Ärzten und Behörden zu begleiten. Den Pflegeltern wird ein Vormund durch das zuständige Familiengericht zur Seite gestellt. Dieser ist für Grundentscheidungen, etwa den Abschluss eines Ausbildungsvertrages, verantwortlich. In der Regel werden solche Entscheidungen aber mit den Pflegeeltern abgestimmt. Finanzielle Unterstützung erhalten Pflegeeltern durch ein monatliches Pflegegeld in Höhe von rund 1.000 Euro. Das Pflegegeld zahlt die zuständige Kommune. Bevor das Pflegekind einziehen kann, kommt das zuständige Jugendamt für Vorgespräche zu den Gasteltern. Bei den ausländischen unbegleiteten Minderjährigen handelt es sich überwiegend um männliche Jugendliche im Alter zwischen 13 bis 17 Jahren. Sie kommen in der Regel aus Kriegs- und Krisengebieten in Afghanistan, Syrien, Eritrea, Somalia oder dem Irak und haben einen muslimischen Hintergrund.

Die Suche nach Pflegefamilien wird deshalb immer dringender. Das haben auch der evangelische Pastor Martin Rutkies und seine Frau Bianca erlebt. Als das Ehepaar aus Barskamp bei Lüneburg im September ein Pflegekind aufnehmen wollte, habe sich beim zuständigen Jugendamt noch keiner richtig ausgekannt. „Wir waren die ersten, die sich gemeldet haben“, sagt Bianca Herdejürgen-Rutkies. Es folgten viele Formulare und eine lange Wartezeit. Innerhalb weniger Wochen habe sich alles verändert, erzählt der Pastor. „Die Unterlagen wurden immer abgespeckter.“

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besonderen Schutz, das betonen auch Politiker immer wieder. Viele leiden unter Traumatisierungen. Ihr Schicksal ist bewegend, wie das von Farhad (Name geändert) aus Afghanistan. Er war erst neun Jahre alt, als er aus seiner Heimat floh. Seine Eltern sind tot, den Bruder verlor er während der Flucht aus den Augen, erzählt er. Acht Jahre lang war Farhad unterwegs, schlug sich allein durch, über Pakistan, den Iran, die Türkei und Griechenland. „Als ich in Hannover angekommen bin, hatte ich kein Geld und keine Kraft mehr“, sagt der heute 21-Jährige.

Als Farhad vor vier Jahren in Hannover landete, fand er in einer Wohngruppe Unterstützung und Anschluss. Die Unterbringung in Einrichtungen der Jugendhilfe sind eine Alternative zum Leben in einer zunächst fremden Familie. Doch mit der zunehmend dramatischen Lage vieler Flüchtlinge wächst auch das private Engagement.

Wer einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufnehmen möchte, sollte sich gut darauf vorbereiten, betont der hannoversche Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Das Diakonische Werk in Hannover vermittelt nicht nur Pflegeeltern, es berät und begleitet die Familien auch – zum Beispiel, wenn sie Probleme bei der Erziehung haben oder sich im deutschen Aufenthaltsrecht nicht auskennen: „Es ist ganz wichtig, dass man die Familien dann nicht alleine lässt.“

Dass es Probleme geben kann, hat auch Steffen Meyer erlebt. Anfangs klappte es gut mit Zubair. Er ging zur Schule, spielte Fußball und verbesserte sein Deutsch. „Die Sprache transportiert man in einer Familie sehr schnell.“ Trotzdem bewahrte der 15-Jährige eine innere Distanz, berichtet der Pflegevater. Über sein Smartphone hielt Zubair engen Kontakt mit seinen Eltern, bekam Anweisungen, sah die Mutter weinen. „Die Familie sitzt quasi bei Ihnen am Küchentisch.“

Mittlerweile sind Zubairs Eltern nach Deutschland gekommen. Gemeinsam mit dem Jungen hat Meyer sie in der Erstaufnahme besucht. Seine Frau und er rechnen täglich damit, dass ihr Pflegesohn sie wieder verlässt. „Wer ein Pflegekind aufnimmt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er nicht weiß, für welchen Zeitraum.“ Seine Entscheidung, Zubair ein Zuhause zu geben, bereut er nicht. Die Meyers denken bereits darüber nach, ein anderes ein Flüchtlingskind aufzunehmen. „Wir haben ihm so viel von unserer Kultur und Sprache mitgegeben, das kann man ihm nicht mehr nehmen.“ (epd/mig)

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