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#travellingIslam

YouTuber machen den Islam zum Thema

Darf ich als Muslima ohne Kopftuch aus dem Haus gehen? Wann ist man ein Ungläubiger? Und was ist eigentlich ein Kalifat? Fragen wie diesen widmet sich ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit YouTubern und Wissenschaftlern.

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Hatice Schmidt in #travellingIslam

VONDavid Schäfer

DATUM27. November 2015

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RESSORTAktuell, Feuilleton

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Auf einer Anhöhe über den Dächern der maltesischen Hauptstadt Valletta steht eine junge Muslimin und spricht mit dem Koranwissenschaftler Ömer Özsoy von der Goethe-Universität Frankfurt über Gewalt in der heiligen Schrift des Islams. Er erklärt, dass es für das Verständnis sehr wichtig ist, die überlieferten Geschichten über den Propheten Mohammed in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Özsoy erzählt von der Entstehungsgeschichte des Korans und erklärt, dass es keine einheitliche Lesart geben kann.

Das Gespräch und die Reise der jungen Muslimin Hatice Schmidt nach Malta sind Teile des Projekts „Begriffswelten Islam“. Zusammen mit Islamwissenschaftlern deutscher Universitäten und bekannten YouTubern bietet die Bundeszentrale für politische Bildung seit Mitte Oktober Informationen zum Islam an. Geplant sind 16 Videos.

Vor dem Hintergrund der islamistischen Attentate von Paris und der Ankunft Hunderttausender muslimischer Flüchtlinge steht auch der Islamdiskurs wieder im Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Religionsvertreter, Wissenschaftler und Politiker stellen sich die Frage, wie man die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher am besten verhindern kann.

„Beauty und Schminke sind für mich ein Hobby. Bei diesem Projekt geht es aber um viel mehr“, sagt die YouTuberin Hatice Schmidt, die selbst gläubige Muslimin ist und ihre Zuschauer normalerweise über Kosmetik informiert. In einem Großteil der Videos von „Begriffswelten Islam“ tritt sie als Akteurin und Gesprächspartnerin auf. „Ich habe Hate-Speech in beide Richtungen erlebt und auch selbst erfahren. Wenn ich hier für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen kann, macht mich das sehr glücklich.“

Bei Radikalisierungsprozessen spielen Wechselwirkungen von Islamfeindlichkeit und Islamismus eine wesentliche Rolle. Beiden Phänomenen will die Bundeszentrale mit differenzierten Informationen in ihrem YouTube-Angebot begegnen. „Dabei wollen wir aber keine staatliche Erklärungsmaschine sein“, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale. „Wir möchten den Islam nicht von oben herab erklären, sondern Pluralität sichtbar machen. Deshalb setzen wir auch auf wissenschaftliche Expertise.“

Die Berichterstattung einiger Medien hatte für Irritationen gesorgt, da immer wieder zu lesen war, die Bundeszentrale wolle den Islam „erklären“. Auch unter den Videos taucht immer wieder der Vorwurf auf, hier werde nur eine Form des Islams dargestellt, die dem deutschen Staat gefalle.

In animierten Kurzfilmen erklärt Hatice Schmidt Begriffe wie „Umma“, die Gemeinschaft der Muslime. Im Dialogformat spricht sie mit Islamwissenschaftlern über Themen wie die überlieferten Handlungen des Propheten (Sunna) oder fragt, was Unglaube im Islam bedeutet. Dabei ruft sie explizit zum Dialog in der Kommentarspalte auf, der von Experten moderiert wird.

Tatsächlich wird unter den Videos heiß diskutiert. Die meisten Rückmeldungen sind positiv, es gibt aber auch vereinzelte Stimmen, die Hatice Schmidt zu einer Ungläubigen erklären, weil sie kein Kopftuch trägt und einen deutschen Mann geheiratet hat. Auf der Gegenseite gibt es auch islamophobe Kommentatoren, die den Islam per se zu einer Religion der Gewalt erklären.

Um auch Nicht-Muslime zu erreichen, hat sich die Bundeszentrale mit dem YouTuber „LeFloid“ jemanden ins Boot geholt, der das Thema aufgrund seines großen Publikums breiter positionieren kann. Der junge Mann hat in diesem Jahr bereits Angela Merkel interviewt und ist ein Star der deutschen YouTuber-Szene. Allerdings hat „LeFloid“ sein bisher einziges Video des Projekts, in dem er sich mit der islamischen Regierungsform des Kalifats auseinandersetzt, nur auf seinem Zweitkanal „FlipFloid“ hochgeladen. Dort erreicht er nur knapp über 300.000 Abonnenten und nicht 2,8 Millionen wie mit seinem Hauptkanal.

Armina Omerika von der Goethe-Universität Frankfurt hofft trotzdem, dass viele junge Menschen mit den Kurzfilmen „einen Eindruck von der Vielfalt der ideengeschichtlichen Entwicklungen im Islam“ bekommen. Sie hat das Projekt mitkonzipiert. „Die jeweilige Auslegung des Islams ist ganz stark vom geschichtlichen Kontext der Akteure abhängig.“ (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Das eingebundene Video ist gut ausgewählt, denn ich habe schon oft gerätselt, wieso man „gläubig“ anders als „mit Glauben“ und „ungläubig“ anders als „ohne Glauben“ verstehen kann. Als Atheist halte ich ohnehin Erwachsene mit imaginären Freunden für unreif, aber doch noch für fähig, „gläubig“, „andersgläubig“ und „ungläubig“ zu unterscheiden. Deshalb habe ich nicht begriffen, wieso Hatice Schmidt ein Problem mit den dummen Vorwürfen hat. Vielleicht wäre es viel einfacher, weiter arabische Begriffe zu benutzen, wie „haram“ oder „halal“, bei denen ja auch niemand denkt, etwas so etikettiertes sei wirklich sauber oder schmutzig oder was auch immer eine Übersetzung bedeuten könnte. Konkret: MuslimInnen, die die deutschen Bedeutungen von „gläubig“ und „ungläubig“ ignorieren, sollten diese Wörter auch nicht benutzen sondern „iman“ und „kufr“, wie im Video erklärt.

    Zwei Ergänzungen möchte ich noch machen.

    1. „Islamisierung“ ist, wenn sich andere nach dem Islam richten sollen. Eine Verdopplung der Muslime inklusive ihrer Moscheen ist keine Islamisierung. Auch Pegida hat also Probleme mit der deutschen Sprache. Aber es ist eine Islamisierung, wenn man im Gespräch mit AnhängerInnen dieser Religion deren falsche Verwendung von „gläubig“ und „ungläubig“ übernimmt. (zum Vergleich: Eine Verdoppelung des Militärs ist keine Militarisierung, wenn aber selbst bei gleichbleibender Personalstärke plötzlich wieder Kinder in Matrosenanzügen rumlaufen würden, hätten wir eine, weil dann das Militär auf Außenstehende ausstrahlt.)

    2. Auch Verschweigen oder Vermeiden des Islams ist keine Entislamisierung, sondern einfach falsch. Es machen sich schon Formulierungen breit, die in diese Richtung gehen, etwa nicht mehr „Islamischer Staat“ oder bloß „ISIS“ zu benutzen, sondern „DAESCH“ und Anschläge als „nihilistisch“ zu bezeichnen. Das ist so ähnlich, wie viele „Nationalsozialismus“ vermeiden, weil da „Sozialismus“ drin steckt, und lieber von „Faschismus“ sprechen.

    Ich plädiere dafür, sich die Sprache nicht von Interessengruppen verbiegen zu lassen.



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