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Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Eigene vier Wände für Flüchtlinge

Düsseldorfer Wohnprojekt will Start ins neue Leben erleichtern

Oft ist der Schritt aus einem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung zu groß und endet dann für die Flüchtlinge in einer Unterkunft für Wohnungslose. Ein Projekt in Düsseldorf will ihnen Starthilfe geben.

Haus, Wohnung, Satellitenschüssel, Parabolantenne
Satellittenschüssel © Mátééé auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONFrank Bretschneider

DATUM26. November 2015

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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In ihrer kleinen Küche machen sich Hamari Solah (23) und Traore Momoo (22) einen Tee und setzen sich entspannt an den Tisch. „Ja, wir fühlen uns beide sehr wohl hier. Es ist schön, in dieser Wohnung zu sein.“ Eine Wohnung in Deutschland zu haben, das war für die beiden Flüchtlinge aus Somalia und Mali bis vor kurzem kaum vorstellbar.

Seit wenigen Wochen teilen sie sich nun ein möbliertes Appartement in Düsseldorf. Ihre neue Unterkunft ist Teil eines Wohnprojekts, das die Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative Stay mit der Obdachlosenhilfe FiftyFifty auf den Weg gebracht hat. Sie vermitteln Wohnungen an Flüchtlinge, die in Notunterkünften leben und damit keine feste Bleibe haben. Mitarbeiter beider Sozialeinrichtungen kümmern sich um die Flüchtlinge und helfen zum Beispiel bei Behördengängen.

Noch ist das Projekt klein. Insgesamt sind es in Düsseldorf elf Wohnungen, die von Stay und FiftyFifty mit Spendengeldern angemietet wurden. Hier können anerkannte Asylbewerber zunächst Unterkunft finden, um dann später in eine eigene Wohnung weitervermittelt zu werden. Denn oft sei der Schritt aus einem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung zu groß und ende in einer Notunterkunft für Wohnungslose, weiß Stay-Sozialarbeiter Michael Lucas zu berichten.

Das Projekt soll dabei helfen, dass Flüchtlinge besser Fuß fassen können, um sich eine eigene Existenz in ihrer neuen Heimat aufzubauen. „Dazu braucht man eine Wohnung. Nur so gibt es für die meisten Flüchtlinge die Chance, sich erfolgreich um eine Arbeitsstelle zu bewerben. Wenn jemand aber zunächst keine Arbeit hat und dazu kaum Deutsch spricht, legen Vermieter schnell wieder auf“, beschreibt Lucas den Teufelskreis.

Bei Traore, der vor drei Jahren nach Deutschland geflohen ist, hat der Schritt in die Arbeitswelt inzwischen geklappt. Er ist als Lagerarbeiter im Einsatz – eine Stelle, die er über eine Zeitarbeitsfirma vermittelt bekommen hat. „Ich bin dort gut aufgenommen worden. Die Kollegen sind sehr nett“, freut er sich. Hamari macht derzeit einen Sprachkurs. Er hofft, einen Job als Autoelektriker zu bekommen. Das Handwerk habe er in seiner Heimat gelernt.

Für die beiden jungen Männer ist die gewährte Starthilfe auf ein Jahr befristet – so lange läuft ihr Mietvertrag. Dann sollten Traore und Hamari idealerweise eine eigene Wohnung gefunden haben, damit andere Flüchtlinge in das Appartement nachrücken können. Wenn beide Arbeit haben, stünden die Chancen dafür gut, sagt Sozialarbeiter Lucas. Aber natürlich könne der Mietvertrag auch verlängert werden, wenn es mit der eigenen Wohnung noch nicht geklappt habe.

Bei der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe in Berlin freut man sich zwar über Initiativen wie die von Stay und FiftyFifty. Allerdings sind die Prognosen der Organisation düster. Ihrer Schätzung nach steht Deutschland bis 2018 vor einem deutlichen Anstieg der Zahl der Wohnungslosen auf 536.000. Das wären 200.000 oder 60 Prozent mehr als die derzeit 334.000 Betroffenen.

Die stetige Zuwanderung von Asylbewerbern wird laut der BAG zwar auch Anteil an dieser Entwicklung haben. Die wesentlichen Ursachen seien aber steigende Mieten und ein Mangel an Sozialwohnungen. „Wir haben seit Jahrzehnten eine verfehlte Wohnungspolitik in Deutschland in Verbindung mit einer unzureichenden Armutsbekämpfung“, kritisiert BAG-Sprecherin Werena Rosenke. „Wir brauchen pro Jahr wenigstens 150.000 zusätzliche bezahlbare Wohnungen“, fordert Rosenke. Die hohe Zahl der Asylsuchenden könne die Lage nun verschärfen.

Für Hunderttausende Menschen muss deshalb in den nächsten Jahren eine Wohnung gefunden werden, wenn auch die Flüchtlinge als Neubürger wirklich in Deutschland ankommen sollen. „Wenn kein bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht, werden auch viele anerkannte Flüchtlinge in der Wohnungslosenhilfe ankommen“, warnt Rosenke. (epd/mig)

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