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Pariser Anschläge

Die emotionale Ohnmacht der Muslime

Die Pariser Anschlagserie hat das allgemeine Befinden in eine Schreckstarre versetzt. Seitdem versucht jeder das Geschehene zu verarbeiten. Bei Muslimen ist die Situation komplizierter. Sie befinden sich in einem Hexenkessel, dessen anheizende Flammen von eigenen Abwehrmechanismen entfacht werden.

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Gebet in der Moschee © Brian Jeffery Beggerly @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONBüşra Delikaya

Büşra Delikaya studiert Germanistik und Geschichte an der Universität Potsdam. Sie lebt in Berlin und ist angehende Journalistin, seit 2012 führt sie einen eigenen Blog. Sie engagiert sich bei dem Netzwerk "Zahnräder" und bei Initiativen wie "Juma" und "Salam-Shalom".

DATUM20. November 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der vergangene Freitag ist mit einem bitteren Nachgeschmack von Trauer in die europäische Gesichte eingebrannt. Erneut fiel Paris dem Terror zum Opfer. Und während Hunderttausende Stimmen in klanglautem Konsens Frankreich ihren Beistand aussprechen, wird in innerislamischen Kreisen eine Frage aufgeworfen, die seit 9/11 ihre Debattenkultur nicht minder prägt. Wie geht man damit um, wenn Terroristen die eigene Religion greifen und mit ihr erbarmungslose Mordserien übertünchen?

Distanziert man sich zusätzlich oder nicht; wenn ja, wie stellt man das an, ohne einen ohnehin befürchteten Generalverdacht zu bekräftigen. Denn die meisten, wenn nicht alle Muslime scheinen erschöpft zu sein. Müde vom Rechtfertigungsgesums, ausgelaugt von Distanzierungsphrasen – wohlwissend, dass sie ohne das Aussprechen dieser ja doch keine Ruhe finden werden. Denn während sie klarstellen, wie zuwider ihnen der lästige Widerhall von Beteuerungen sind, distanzieren sie sich erneut. Denn tun sie es nicht, kann es leicht passieren, dass nebst islamophobe Angriffen auch Schuldgefühle Überhand gewinnen.

Ja, dass die Tötenden mit dem tatsächlichen Islam genauso wenig zu tun haben, wie Pegida mit dem Gesamtvolk Deutschlands, sollte jedem Belesenen klar sein. Dass sie trotzdem ihr Töten mit einem vermeintlichen Islam versuchen zu legitimieren, ist dennoch nicht negierbar, und das war es nie. Es ist das gleiche „Allahu Akbar“, das Muslime vor jedem Gebet innerlich aufsagen.

Dann gibt es die Muslime, die ihrer Religion am nahesten handeln. Sich mit Geduld und Zuversicht gegen die vollkommen zweckentfremdete Interpretation des sogenannten Islamischen Staates positionieren, statt sich von etwas ohnehin unsagbar Fernes zu distanzieren. Dies als Pflicht und nicht Last annehmend. Doch ehe man die öffentliche Präsenz der Grundhaltung aller Muslime angehen kann, gilt es noch immer diese gänzlich herauszukristallisieren. Denn nicht wenige Muslime scheuen sich vor einer bedingungslosen Solidarität mit Paris. Man kann nahezu von einer Kollektivmattigkeit muslimischer Reihen sprechen. Eine emotionale Ohnmacht, womöglich durch einen langwierig aufgestauten Würdebruch verursacht, die wiederum in einem riesigen Opferkomplex mündet. Es ist so: Wir Muslime sind es leid, wissen nur nicht, was genau.

Womöglich verfolgten an dem Abend auch viele Muslime das Spiel Deutschland gegen Frankreich nichtsahnend auf der Couch. Und wahrscheinlich hatten sie kurz davor ihr tägliches Nachtgebet, eines von insgesamt fünf am Tag, verrichtet. Versuchten den Alltag für einen Moment zu pausieren, die Gedanken zu drosseln und für eine kurze Zeit spirituell zu dösen. Fingen ihr Gebet dann mit denselben Worten an, wie die Terroristen ihre massive Mordserie begannen. Murmelten leise „Allahu akbar“ und priesen so Gottes Größe auf arabisch, während wenig später jene in Paris mit diesen Lauten in die Menge keiften, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die einen hielten Gebetsketten nach dem Ausruf, die anderen Kalaschnikows. Auf den Händen des Muslims zuhause lag vermutlich eine noch nicht ganz getrocknete, dünne Wasserschicht, von der rituellen Waschung vor dem Gebet verbleibend, auf denen der Terroristen hingegen das Blut Unschuldiger. Ein erneuter Angriff auf eine allgegenwärtige Humanität, der sich auch der Islam anschließt, aber in seiner Glaubwürdigkeit und Authentizität von Anschlägen wie diesen immer weiter gehemmt werden will.

In der Tat, es scheint sich dieser Tage eine schwierige Situation für Muslime anzubahnen. Viel mehr als der befürchtete Generalverdacht, sind es die eigenen Emotionen, die ihnen diese Schwierigkeiten bereiten. Befangen in einem Dilemma, schwankt noch immer ein Teil von ihnen zwischen Schwarz und Weiß, verliert dabei jegliche Ansätze eines Differenzierprozesses. Wenn sie für die Pariser Opfer offenkundig trauern, fürchten sie scheinbar um einen Verrat an den muslimischen Opfern des Terrors im Nahen Osten, für die vergleichsweise eine geringere Welle an Beileid einschlug. Eine Solidarität mit Paris führt für sie zu einem Ausschluss der Kritik an dem Desinteresse der internationalen Gemeinschaft gegenüber muslimischem Leid. Ein entweder-oder Konstrukt, das sie unbewusst selbst erbauten. Denn offensichtlich tragen oftmals diverse Gemeinsamkeiten zu einem ausgeprägten Solidaritätsbedürfnis bei. Wenn Deutsche und Engländer ihren geographischen Nachbarn uneingeschränkten Beistand zusprechen, berufen sie sich meist auf eine europäisch bedingte Brüderlichkeit. Menschen funktionieren nunmal nach dem Prinzip „je näher mir ein Leid, desto betroffener reagiere ich.“ – das ist nicht ethisch, aber natürlich. Und als allerletztes können die gebrochenen Menschen in Paris etwas für diese Denkweise. Auf Kollektivhaltung wird mit Kollektivstrafe gesteuert, und das ist schlichtweg falsch. Wenn einige Muslime nun angesichts von Opfermeldungen aus Syrien ein stechenderes Gefühl verspüren, als bei denen aus Europa, geht das neben der Regelmäßigkeit dieser Meldungen auch mit der gemeinsamen Religion, die man mit den Opfern und Leidenden teilt, einher. Natürlich ist das keineswegs abstrahierbar, aber trifft in einem gewissen Maß doch zu.

Besonders in sozialen Medien wie Facebook oder Twitter offenbart sich die konfuse Haltung einiger Muslime. Die Palette ist breit: Von Verschwörungstheorien bishin zu Relativierungsversuchen der 132 Toten durch anderweitiges Elend im Libanon oder Syrien, vieles an Pietätlosigkeit ist dabei. Gegen die Tricoleur-Profilbilder in Facebook zeigten sich beispielsweise eine Vielzahl an User durch das Verwenden eigener Flaggen zunehmend kritisch. Sie hüllten ihre Bilder in türkische, libanesische oder palästinensische Nationalfarben. So wollen sie auf die Vergessenen in besagten Ländern aufmerksam machen, vergessen dabei aber selbst, dass auch die Verstorbenen und Verletzten Paris‘ vollkommen unschuldige Menschenleben sind und waren. Sie merken nicht, dass sie durch solch eine Trotzattitude sie nur noch mehr Teilungen heraufbeschwören. So rufen sie jene Geister, die Pegida und co. schon von langer Hand umnebeln, die einfach zur Genüge existieren. Statt zusammenzuhalten, wird zusammengesucht; alles was trennt, um diese Merkmale dann plakativ zu demonstrieren. Es ist nahezu wie ein bockiges „Ihr leidet? Schön, wir auch!“ – ein gefährliches Wettrüsten für mehr Opferandacht, bei dem der eigentliche Urzweck abhanden kommt. Das Leid in Beirut wird dann nicht selten für eine strikte Antipathie gegenüber europäischer Politik instrumentalisiert. Leichtsinnig wirft man mit Totenzahlen um, leichtsinnig geht man mit Toten um.

Doch die so kritisierte Hierarchie von Leid nach Region wird auf diese Weise lediglich bestärkt, das Fundament dieser bruchfest gemacht. Sätze von Trauerbekundungen für Paris enden oftmals nicht, ohne eine Stadt im Nahen Osten zum Vergleich zu ziehen, ganz so als schließe das eine, das andere aus. Als wären nicht alle Zivilisten jedweder Ethnizität letzten Endes die Leidtragenden eines Terrors, dessen Fängen wir alle gleichermaßen ausgesetzt sind. Was schlussendlich bei allem zu kurz kommt sind offenherzige Emotionen und humanistische Werte, fern von Nation und Religion. Zu trauern ohne Front und Feind, für all die Pariser Gesichter und libanesischen Geschichten, denen die feigen Kontrahenten unser aller ein jähes Ende setzten. Denn wir müssen uns klar werden, die IS ist schon lange keine gebündelte Meute mehr. Sie modellierte mit roher Gewalt und bedachtem Kalkül ein System, dessen Ausmaß und Umfang bis zu Zentren von Hauptmetropolen Europas reicht. Eine Machtgewalt, die den Frieden der gesamten Weltbevölkerung anvisiert und jeden Einzelnen bedroht, der Terror unbestreitbar ablehnt. Gegen diese kann nur ein einheitlicher, gesellschaftlicher Zusammenhalt ankommen, dessen Tod eine Selektion von Leid nach Nation ist. Und das muss jedem Muslim endgültig und vollends klar werden.

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