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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Ein erster Schritt

Arbeitsagentur berät Flüchtlinge über Job-Chancen

Flüchtlinge in Deutschland sollen so rasch wie möglich einen Job finden. Um dieses Ziel zu erreichen, macht Niedersachsen Tempo: Hier sind Berater in den Erstaufnahmestellen unterwegs, um die Menschen über ihre Chancen zu informieren.

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Symbolfoto Sebastiaan ter Burg, flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONReimar Paul

DATUM12. November 2015

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RESSORTLeitartikel, Wirtschaft

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Ohne die weiße Karte, die Asylsuchende bei ihrer Registrierung erhalten, geht in Friedland gar nichts. „Darf ich die mal sehen?“, fragt Jennifer Schabram zu Beginn des Beratungsgesprächs. Die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur überfliegt das Papier, das ihr Basel Barakeh über den Tisch geschoben hat. Der 22-jährige Syrer lebt seit Mitte September in dem Erstaufnahmelager bei Göttingen. Heute kann er sich erstmals darüber informieren lassen, welche Möglichkeiten für Ausbildung und Beruf in Deutschland für ihn bestehen.

Das Gespräch in dem kleinen Büro ist zentraler Baustein des im Sommer aufgelegten Programms „Potenziale erkennen – Willkommen in Niedersachsen“. Mit Beratungen in vier Erstaufnahme-Einrichtungen will Niedersachsen als erstes Bundesland Flüchtlinge gezielt an den Arbeitsmarkt heranführen. Nachdem die Bundesregierung den Zugang zur Arbeit für sie erleichtert hat, können Asylbewerber in Deutschland inzwischen nach drei Monaten eine Arbeitserlaubnis beantragen.

„Sie sind 22 Jahre alt?“ „Ja.“ „Aus welcher Stadt stammen Sie?“ „Damaskus“. „Sind Sie verheiratet?“ „Nein. Single.“ „Wie lange waren Sie in der Schule?“ „Zwölf Jahre.“ Barakeh hat sogar die beglaubigte Kopie des Abschlusszeugnisses dabei. Einfache Fragen stellt Schabram auf Englisch. Bei schwierigeren Sachverhalten muss Dolmetscher Muhamed Hawa eingeschaltet werden.

Die Frage, was für einen Universitätsabschluss Barakeh hat, ist so ein schwieriger Sachverhalt. Er hat in der syrischen Hauptstadt vier Jahre Betriebswirtschaft an einer von der Europäischen Union gegründeten Hochschule studiert. Sein Abschluss entspricht offenbar weder exakt einem Bachelor noch einem Diplom. Eine spontane Internet-Recherche führt nicht weiter, schnell landet Schabram auf der Seite einer syrischen Telekommunikationsfirma.

Um voranzukommen, geht die Beraterin dann doch von einem Bachelor aus, das Zeugnis soll Barakeh aber so schnell wie möglich nachreichen. „Haben Sie im Studium Buchführung belegt?“ „Ja.“ „Controlling?“ „Nein.“ „Kundenberatung?“ „Ja.“ „Einkauf?“ „Ein wenig.“ Sein Schwerpunkt, sagt Barakeh, sei aber „Human Ressources“ gewesen, Personalwesen also.

Schabram macht sich Notizen, überträgt Daten auf Barakehs weiße Karte, gibt immer wieder auch Daten in den Computer ein. „Vorausgesetzt, Sie können in Deutschland bleiben, gibt es für Sie im Wesentlichen zwei Optionen“, sagt sie schließlich. Barakeh könne eine dreijährige Ausbildung machen oder aber ein Aufbau-Studium: „Ihre Job-Chancen sind mit einem deutschen Master auf jeden Fall besser als mit einem syrischen Bachelor.“

Ob nun Studium, Lehre oder Beruf: Das Allerwichtigste, sagt Schabram, seien gute Sprachkenntnisse. Unmittelbar nach seinem „Transfer“ von Friedland an den neuen Wohnort könne Barakeh dort Sprachkurse besuchen. Die Universität Göttingen biete sogar schon Kurse für Flüchtlinge an, die noch in der Erstaufnahmestelle leben. „Im besten Fall suchen Sie sich deutsche Freunde, da lernt man die Sprache am schnellsten.“

Rund 320 Erstgespräche haben Jennifer Schabram und ihr Kollege von der Arbeitsagentur Göttingen seit dem Sommer in Friedland geführt. Vorab hätten sie eine Schulung in „Interkultureller Kompetenz“ erhalten, erzählt Schabram. Die sei auch hilfreich gewesen. „Aber so richtig auf die Arbeit in einem Flüchtlingslager kann einen keiner vorbereiten.“

Ihre Tätigkeit in Friedland empfindet Schabram als bereichernd, vor allem wegen der positiven Rückmeldungen: „Unsere Kunden – wir sagen nicht Flüchtlinge, wir sagen Kunden – erzählen uns, wie froh sie sind, dass ihnen einer zuhört.“ Das bestätigt auch Dolmetscher Hawa. „Dieses kleine Büro ist die einzige Stelle im Lager, wo sich die Flüchtlinge wohlfühlen“, sagt er. „Die einzige Stelle, um einen Schritt in die Zukunft machen zu können.“ (epd/mig)

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