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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Buchkritik zum Wochenende

Unzulässige Kulturalisierung sozialer Fragen

Besorgniserregend ist die Diskussion um ein neu erschienenes Buch einer Bochumer Polizistin. Darin subsumiert die Polizistin Menschen unter Kollektivmerkmale und meint, ihr Verhalten sei eine Folge ihrer Religionszugehörigkeit. Von Çiğdem Deniz Sert

Polizei, Polizistin, Deutschland im Blaulicht, Migranten, Rassismus
Tania Kambouris "Deutschland im Blaulicht: Notruf einer Polizistin" © Piper Verlag

VONÇiğdem Deniz Sert

Çigdem Deniz Sert ist Rechtsanwältin mit Sitz in Bochum. Gleichzeitig ist Lehrbeauftragte an der ev. Fachhochschule Bochum und Vorsitzende des Vereins "Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur e.V."

DATUM30. Oktober 2015

KOMMENTARE15

RESSORTAktuell, Rezension

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Die Bochumer Polizistin Tania Kambouri kurbelt mit ihrem jüngst erschienenen Buch „Deutschland im Blaulicht. Notruf einer Polizistin“ eine unsägliche Diskussion – vor allem im Ruhrgebiet. Die Polizistin subsumiert Menschen unter Kollektivmerkmale und impliziert, deren Verhalten sei eine deterministische Folge ihrer vermeintlich religiösen Zugehörigkeit. Das ist durchaus bedenklich und empörend.

Dies gilt vor allem jenen, die dieses Buch zum Anlass nehmen „endlich auch mal das zu sagen, was Realität ist.“ Und die dabei den Kritikern in grenzwertigen Leserbriefen vorwerfen, sie würden auf ihren „Gebetsteppichen“ in unrealistischen Sphären schweben. Es seien nun mal eben diese Migranten und Muslime, die dafür sorgen, dass sich die Polizistin und viele andere gemeinsam mit ihr „in ihrem Land fremd fühlen.“

In ihrem Land? Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit muslimischem Glauben, Menschen, die sozioökonomisch benachteiligt sind, Obdachlose, Arbeitslose, Atheisten – all diese Menschen leben auch in ihrem Land Deutschland.

„Der Rassismus übersieht und leugnet, dass der Mensch zwar über bestimmte erblich erworbene Anlagen verfügt, die aber immer in der politischen, sozialen und ökonomischen Umwelt geformt werden.“ Quelle: bpb

Dass niemand den Vorwurf des Rassismus auf sich sitzen lassen möchte, ist verständlich. Das Problem ist aber, dass Rassismus keine Frage von Absichten ist oder sich auf den Willen des Einzelnen beschränkt, sondern anhand objektiver Kriterien festzustellen ist.

Wenn eine Polizistin pauschal von den „straffälligen Migranten“ spricht oder „die ausländischen Bürger“, die sie angeblich nicht respektieren, dann ist dies ein ziemlich gefährlicher und undifferenzierter Umgang mit der Realität in der Migrationsgesellschaft. Hierbei ist völlig unerheblich, ob und falls ja, was sich eine Polizistin bei solchen Aussagen denkt. Insbesondere kommt es nicht darauf an, ob sich dahinter eine von der Polizistin bewusst wahrgenommene rassistische Haltung befindet. Die Gefahrenanalyse der Polizistin bezieht sich nämlich pauschal auf „Muslime“.

Sie beklagt die „Überzahl an straffälligen Migranten“ und beschwert sich darüber, „sich im eigenen Lande fremd zu fühlen“. Wenn diese Terminologie als der naive, gut gemeinte Erfahrungsbericht einer Polizistin dargestellt wird, dann kann man wohl davon sprechen, dass der Rassismus inzwischen Normalität darstellt. Persönliche Erfahrungen legitimieren keine Sichtweisen, die den Rassismus in unserer Gesellschaft fördern.

Das Problem des Buches ist nicht nur die fehlende Analyse der Behauptungen – Überzahl an straffälligen Migranten? – sondern auch das Zuschreiben von rechtswidrigem, respektlosem und frauenfeindlichem Verhalten einzelner Menschen einem vermeintlichen Kollektiv, das sich unter die Gemeinschaft der „Muslime“ subsumieren lässt.

Fälle von Respektlosigkeit bis hin zu Gewalt gegenüber Polizeibeamten hört man auch von Mitgliedern rechter Szenen. So gab es im vergangenen Jahr gewalttätige Ausschreitungen durch rechte Hooligans gegen u.a. Polizeibeamte. Bei diesen Ereignissen ist richtigerweise niemand auf die Idee gekommen, dieses Verhalten zu kulturalisieren, unter ein Kollektiv (christlich-deutsch) zu subsumieren und dann ein Bild des gewalttätigen christlichen Deutschen zu etablieren. Auch die Gewalttaten des NSU wurden zu keinem Zeitpunkt einem religiösen oder nationalen Kollektiv zugeschrieben. Keiner der mutmaßlichen Täter wurde im Zusammenhang mit seiner religiösen Zugehörigkeit erwähnt. Es waren eben diese Einzeltäter. Kein Mitglied der christlich – deutschen Gesellschaft musste sich mit den Mitgliedern des NSU über askriptive Kollektivmerkmale identifizieren.

Wenn ein Flüchtlingsheim angezündet wird, erfährt man von den Tätern nur, ob sie der rechten Szene angehören oder nicht – wenn überhaupt. Keineswegs ist es aber der stereotypisierte Deutsche, der zugleich Angehöriger christlichen Glaubens ist. Nein, es ist der Einzeltäter mit einer bestimmten politischen Gesinnung.

Wird nun ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund straffällig, ist er eben Migrant muslimischen Glaubens; sein Sozialverhalten wird zudem kulturalisiert und ethnisiert. Der „auffällige, straffällige und frauenfeindliche Migrant“ ist kein Individuum, sondern Teil eines Kollektivs und wird immer und ausnahmslos im migrationspolitischen Diskurs als Vertreter eines Kollektivs, zu dem etliche andere Menschen gehören, erwähnt. Er ist eben so, weil er eben Migrant und allen voran Muslim ist.

Solche Sichtweisen werden von Balibar als „Rassismus ohne Rasse“ bezeichnet. Längst geschieht der Rassismus über Kultur und Religion. Aber genau das ist eben Rassismus – der Rassismus im neuen Gewand.

Und ja, es gibt sie. Diese Stadtteile in den Ruhrgebietsstädten, die geprägt sind von Armut. Und dass diese überwiegend von Menschen bewohnt werden, die eben eine Zuwanderungsgeschichte haben, ist keine Frage ihrer Kultur oder Religion, sondern eine Soziale. Wird nun genau diese Realität verzerrt und werden all diese sozioökonomischen Probleme ethnisiert, begibt man sich – ob man will oder nicht – in eine Debatte, der Rassismus zugrunde liegt.

Aktuell warnen Politiker vor geistiger Brandstiftung. Sie warnen davor, dass sich rassistische Ressentiments gegen Zugewanderte und Flüchtlinge in Gewalttaten umwandeln. Um so achtsamer muss man demnach sein, ehe man Stoff für rassistische Diskussionen liefert und den Nährboden dafür bereitet. Um so mehr muss das doch für eine Polizistin gelten.

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15 Kommentare
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  1. Manuel sagt:

    Der Autor diese Artikels macht es sich zu einfach. Aber es wundert mich auch nicht, was er hier schreibt, denn er stand nach der Lektüre des Buchs vor der Wahl, ob er sich der Meinung der Polizistin anschließt oder ob er dagegen hält. Und selbstverständlich hält er auf eine Art dagegen, dass man das Gefühl hat, die Polizistin wäre eventuell im braunen Milieu zu verorten.

    Seltsam, dass ich mir das schon denken konnte, bevor ich den Artikel überhaupt zu lesen begonnen habe.

    Die Polizistin, sagt dass diese problem gelöst werden muss, und der Autor dass es kein Problem gibt und so auch nicht gelöst werden muss.

    Vorurteile sind eine schreckliche Sache, aber bestätigte Vorurteile, sind noch viel schlimmer!

  2. Hans-Dieter Hagedorn sagt:

    „Menschen mit Migrationshintergrund leben auch in Deutschland“, schreibt der Autor, der im Übrigen davon überzeugt zu sein scheint, dass Flüchtlinge a priori ohne Fehl und Tadel sind, Deutsche hingegen stets die Inkarnation des Bösen darstellen: Jeder hat das Recht auf die eigene Meinung, mag sie auch noch so falsch sein.

    Dabei übersieht er geflissentlich, dass die von ihm wortreich gescholtene Polizistin einen Migrationshintergrund aufzuweisen hat – Griechenland.

  3. Katrin McIntosh sagt:

    Ich muss meinen Vorrednern entschieden widersprechen.
    Nach der Lektüre dieses Buches steht man keineswegs vor der Wahl der Polizistin zuzustimmen oder eben nicht. Es gibt noch einen dritten Weg – den der Analyse. Und eine Analyse ergibt althergebrachte Ressentiments, die seit mindestens zehn Jahren wissenschaftlich widerlegt, behandelt und diffizil auseinandergenommen werden. Der Autor stellt die Polizistin keineswegs in eine braune Ecke – vielmehr löst das Wort Rassismus einen reflexartigen Vorwurf aus. Rassismen sind NICHT abhängig von nationalsozialistischem Gedankengut. Es ist sogar möglich linkspolitisch in seinen Überzeugungen zu sein und trotzdem Rassismen zu erzeugen und sich rassistisch zu äußern. Wie der Autor ganz richtig sagt ist Rassismus objektiv feststellbar. Eine Beschäftigung mit gängigen wissenschaftlich sachlichen Rassismustheorien hilft die eigene dramatische Sicht auf den Diskurs zu versachlichen. Desweiteren spielt es überhaupt keine Rolle ob die Polizistin selber einen Migrationshintergrund hat. Dieser schützt doch nicht vor eigenen Vorurteilen oder indfifferentem Denken! Ich bitte Sie. Soweit ich das sehe wird in diesem Artikel keineswegs das Erlebte kritisiert oder das es niedergeschrieben wird. Es ist vielmehr die Art der Sprache und das subsummieren der Erfahrungen. Was die Polizistin fordert – und zwar eine Verbesserung der Umstände – ist völlig angebracht und absolut folgerichtig. Aber sie hätte diese Forderungen auch stellen können indem sie einfach nur subjektiv beschreibt was sie erlebt und dabei nicht unangebrachte Rückschlüsse auf gesamte Bevölkerungsteile ziehen. Sowohl der Polizistin als auch jedem dem unbekannt ist dass diese Umstände schon lange im Fokus von Untersuchungen stehen und es sehr interessante Ergebnisse gibt – aus denen sich ganz praktische Verbesserungen ableiten lassen – sei die Sinus-Millieu-Studie ans Herz gelegt.

  4. Haralds sagt:

    Warum nur reagieren insbesondere Türken reflexartig auf jede auch noch so zaghafte Kritik an Türken oder dem Islam so schrill? Da wird dann wohl was dran sein. Die Polizistin mit Migrationshintergund berichtet aus ihrem Berufsalltag. Da muss man ihr nicht mit irgendwelchen Analysen kommen. Der Islam stellt sich nicht als so friedvoll dar und ist mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar. Es soll nicht verwundern, dass der Islam auf breite Ablehnung stößt. Selbstreflexion wäre gut. Von der Mehrheitsgesellschaft wird gerade von einigen Moslems genau das regelmäßig verlangt. Ich habe das Buch bisher nur teilweise gelesen. Ich finde es gut und niemand wird angegriffen.

  5. Wiebke sagt:

    Der Migrationshintergrund der Polizistin ist griechisch. Jeder, der sich in dem von mir sehr geliebten Griechenland auskennt, weiß, dass dort Vorurteile gegen Menschen islamischen Glaubens, ebenso wie gegen Afrikaner – sprich Rassismus- weit verbreitet sind.
    Wer rein sprachlich den Text der Dame analysiert, – ich las einen Auszug in einer Zeitung- dem fällt auf, dass er vor Ressentiments trieft. Es würde zu weit führen, das hier im Einzelnen nachzuweisen,

  6. Kiko sagt:

    „Der Islam stellt sich nicht als so friedvoll dar und ist mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar.“ (Haralds)

    Keine der drei großen Religionen – wenn man ernsthafter Gläubiger ist – ist mit dem Grundgesetz vereinbar.

    Eine Religion, die zwischen zwischen Gläubige (gut) und Ungläubige (böse) differenziert, ist menschenverachtend.

  7. karakal sagt:

    @ Haralds
    Erzählen Sie einmal dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, daß Sie den Islam für mit dem Grundgesetz für unvereinbar halten. Dann wird er Sie eines Besseren belehren.

  8. Hanswurst sagt:

    Der „Autor“ ist eine Frau und heißt Cigdem mit Vornamen und arbeitet als RechtsanwältIN, wie man oben nachlesen kann. Die Ignoranz kennt keine Grenzen. Und wenn hier etwas reflexartig geschieht, dann die Verurteilung der Autorin der Rezension, anstatt sich mit IHREN Gedanken und legitimen Einwänden auseinanderzusetzen. PAuschalisierende Aussagen über Muslime, Migranten, Türken etc. sind eben rassistisch, wenn sie Gruppenzugehörigen unveränderliche Charaktermerkmale zuschreiben. Punkt.

  9. Josef Özcan sagt:

    Die „Kulturalisierung“ stellt ohne Zweifel eine neue Form der Abwertung von Menschen mit Merkmalen des Unvertrauten und der Gewöhnung bedürftigen dar. Dabei ist besonders die mangelnde Einsicht in die Auswirkungen einer bestimmten sozio-ökonomischen Lage zu beklagen. Dennoch muss hier auch vor der ungerechtfertigten Abwertung von Menschen in einer bestimmten sozio-ökonomischen Lage gewarnt werden, denn jemand, der sich in einer solchen Lage befindet muss noch lange nicht ein für seine Lage stereotyp festgesetztes auffälliges und gar gewalttätiges Verhalten zeigen d.h. wir dürfen nicht von einer Abwertung in die nächste verfallen. Kurz gesagt, es gibt eine unendliche Vielzahl von Bestimmungsfaktoren eines gewissen Verhaltens und es verbietet sich absolut hier monokausal in welche Richtung auch immer her-und abzuleiten. Josef Özcan / Diplom Psychologe

  10. thegurkenkaiser sagt:

    Mal was anderes: wenn Leute keinen Respekt vor der Staatsgewalt haben, dann liegt das womöglich einfach daran, dass sie merken, dass die staatsgewalt nicht in ihrem interesse arbeit. Das ist doch schon mal ein Anfang und eigentlich sehr vernünftig. Dass die Agentin der staatlichen Gewalt das blöd findet ist klar. Aber was interessiert mich das?
    Was die Autorin des buches vermisst ist Obrigkeitshörigkeit und unterwerfung unter den staat. das sind doch keine zwecke die man vernünftigerweise richtig finden kann.


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