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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Interview mit de Maizière

Muslime sollen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten

Deutschland wird sich aufgrund der vielen Flüchtlinge in manchen Punkten verändern müssen. Das sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im Gespräch. Er fordert er von den Religionsgemeinschaften einen Anteil bei der Integration. Dies wäre ein Dienst für die Akzeptanz von Muslimen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) © bearb. MiG
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) © bearb. MiG

Wenn Sie sich Deutschland in fünf bis zehn Jahren vorstellen: Wie werden die Flüchtlinge bis dahin unser Land verändert haben?

de Maizière: Es gibt Punkte, bei denen wir uns verändern müssen. Wir werden nämlich dann nicht so viele Kinder beschulen und so viele Wohnungen wie benötigt bauen können, wenn wir das in unserer bisherigen gründlichen, aber sehr langsamen Art und Weise tun. Wir müssen zur Problemlösung mehr gesunden Menschenverstand benutzen und nicht auf die Einhaltung bestehender Regeln pochen. Dazu gehört auch, dass wir Menschen in Berufen akzeptieren müssen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen. Der beste Weg zur Integration ist Arbeit. Wenn wir weiter so vorgehen, dass wir fließende Sprachkenntnisse zur Bedingung von Arbeit machen, wird Integration nicht gelingen. Es gibt aber auch Bereiche, in denen wir uns nicht verändern wollen, die Flüchtlinge es aber müssen.

Woran denken Sie?

de Maizière: Die Flüchtlinge müssen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung anerkennen, unsere Werteordnung akzeptieren, unsere Gesetze einhalten. Dazu gehört auch unsere Art zu leben, tolerant zu sein, die Gleichberechtigung der Geschlechter. In manchen Punkten müssen wir das vielleicht noch deutlicher sagen. Andererseits müssen wir auch keine übertriebene Angst haben und für unsere Werte einstehen: Wenn zum Beispiel die vielen Christen fröhlicher bekennen würden, dass sie Christen sind, wäre das zugleich ein Gegenbeweis zu der Befürchtung, unser Land würde islamisiert. Mit lauen Weihnachtschristen ist nicht gut streiten.

Was erwarten Sie denn auf der anderen Seite von den Muslimen und ihren Verbänden?

de Maizière: Im Lenkungsausschuss der Islamkonferenz am 10. November will ich das Thema ansprechen. Dabei geht es mir zum einen darum, dass die vielen Flüchtlinge, die zumindest für eine gewisse Dauer bleiben, religiös nicht heimatlos werden. Andernfalls wäre die Anfälligkeit für Anwerbeversuche etwa von Salafisten groß. Zum anderen ist es eine Chance, wenn die hier lebenden Muslime es als ihre Aufgabe begreifen und einen Beitrag dazu leisten, dass Muslime in diesem Land neue Muslime willkommen heißen und integrieren helfen. Das wäre ein wunderbarer Dienst für die Akzeptanz von Muslimen in unserem Land.

Zeigt die steigende Zahl von Muslimen nicht auch, dass man bei der Anerkennung muslimischer Gemeinschaften in Anlehnung an die Kirchen schneller vorankommen muss?

de Maizière: Nein, denn das ist kein Widerspruch. Wir wollen in diesem Jahr auch beim Hauptthema Pflege und Seelsorge bleiben, weil das wichtig ist. Es tritt jetzt einfach noch eine andere Aufgabe hinzu. Das so früh wie möglich zu thematisieren, ist wichtig. Gemeinsames Ziel in der Islamkonferenz muss es sein, die Menschen so zu integrieren, dass für extremistisches Gedankengut kein Platz bleibt. Dazu gehört beispielsweise auch das Thema Antisemitismus-Prävention. Es gibt aber konkrete Hinweise von Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Und deren Sorge nehme ich sehr ernst. Das friedliche Zusammenleben auf Grundlage der Religionsfreiheit muss auf jeden Fall in Integrationsmaßnahmen vermittelt werden.

Oft wird der Eindruck erweckt, Islamismus wäre das Sicherheitsproblem. Sie sagen, Antisemitismus ist das größere?

de Maizière: Nein. Aber Syrien war über Jahrzehnte Teil des Nahost-Konfliktes. Erst recht unter dem Diktator Baschar al-Assad war Israel ein Feindbild. Wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, dass dieser Konflikt hier nicht fortgesetzt wird. (epd/mig)

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