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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

"Eigentlich absurd"

Seelsorge in der Abschiebehaft

Es gibt viele Gründe, warum Menschen in Abschiebehaft landen. In allen Fällen ist der Verwaltungsaufwand enorm. Die evangelische Pfarrerin Kornelia Frisch leistet Seelsorge. Sie ist sich sicher: Mit Rückkehrberatung, könne man sich Abschiebehaft komplett sparen.

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Stacheldrahtzaun © DryHndredFear @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Atmosphäre ist entspannt auf dem Gelände der brandenburgischen Flüchtlings-Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt. Menschen schlendern zwischen olivgrünen Zelten, tippen in ihre Handys, grüßen freundlich, auf einem Spielplatz toben Kinder. Immer wieder passieren Asylbewerber die Pforte, melden sich ab und gehen nach draußen. Vier von ihnen können das nicht. Sie sitzen in einem unscheinbaren Flachbau am Rand des Areals, umgeben von doppelt gerolltem Stacheldraht, in Abschiebehaft.

Zelle 1206: drei Stühle, Tisch, Blechspind, nackte Wände. Die Luft ist dick, aus dem Fernseher tönt ein Programm auf Arabisch. Tarek aus Tunesien ist seit zehn Tagen hier. „Langweilig, oder?“, fragt die evangelische Pfarrerin Kornelia Frisch. Seit 13 Jahren leistet die 63-Jährige Seelsorge in Abschiebe-Einrichtungen, vor allem in Berlin, seit Mai auch einmal pro Woche in Eisenhüttenstadt.

Mit müdem Blick und leiser Stimme schildert Tarek seine Odyssee durch Europa: Frankreich, Belgien, Italien, die Niederlande, zuletzt eineinhalb Jahre Deutschland, Asylantrag abgelehnt. Als Flüchtling registriert ist er in Italien, wohin er nun nach den Regeln des Dublin-III-Verfahrens abgeschoben werden soll. Dabei würden ihn die Behörden dort nicht einmal anhören, erzählt er, sondern sagen, er habe sieben Tage Zeit, um das Land wieder zu verlassen. „Meine Anwältin sagt, ich habe keine Chance“, sagt Tarek. „Ok, Mist“, sagt Frisch. Und lächelt.

Die Situation der Häftlinge kann die Pfarrerin nicht ändern. Aber ein wenig helfen kann sie doch. „Mir liegt das Praktische am Herzen“, erzählt sie. „Dazu gehört, dass ich mir ihre Probleme anhöre.“ Sie wolle nicht nur fromme Sprüche machen oder beten. Stattdessen erklärt sie immer wieder die europäischen Asylregeln. Sie schenkt den Häftlingen Handyguthaben und nimmt, wenn nötig, Kontakt mit Anwälten auf.

Es gibt diverse Gründe, warum Menschen in Abschiebehaft landen. Einige wurden als Asylbewerber abgelehnt, reisten aber nicht freiwillig aus. Andere schmeißen ihr Studium und sind plötzlich illegal. Wieder andere versäumen Fristen. „Die Menschen haben einfach eine andere Sicht auf Bürokratie“, erklärt Frisch. „Deswegen jemanden zu inhaftieren, finde ich nicht angemessen“, ergänzt sie und bezeichnet die Abschiebehaft als „eigentlich absurd“ – wegen des enormen Verwaltungsaufwands, der dort betrieben werde.

Dabei hat sich das System stark verändert. In Berlin-Köpenick ging die Zahl der Häftlinge nach Angaben des katholischen Jesuiten-Flüchtlingsdienstes von 2010 bis 2014 um fast die Hälfte zurück, auf 349. Anfang der 2000er-Jahre waren es noch mehrere Tausend. Für Brandenburg gibt es laut Innenministerium keine Zahlen, doch der Eindruck der Seelsorge ist ein ähnlicher.

Ein Grund für die sinkenden Zahlen war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) Mitte 2014, wonach Abschiebehäftlinge nicht mehr in regulären Gefängnissen untergebracht werden durften. Seitdem gibt es bundesweit nur noch sechs sogenannte Abschiebezentren: in Berlin, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz. Häftlinge von anderswo werden dorthin umverteilt.

Zum 1. August beschloss der Bundestag neue Kriterien zur Inhaftierung von Flüchtlingen. Seitdem besteht Fluchtgefahr, wenn Menschen illegal eingereist sind, falsche Angaben zu ihrer Identität gemacht oder „hohe Beträge“ an Schleuser gezahlt haben – was beinahe jeden betrifft. „Wir haben damit gerechnet, dass die Anstalten dadurch wieder voll werden“, sagt Frisch.

Dass das nicht geschah, führt sie auf den enormen Anstieg der Asylbewerberzahlen in den vergangenen Monaten zurück: Polizei und Behörden hätten genug zu tun. Das sieht auch Pater Ludger Hillebrand vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst so, der sich die Seelsorge in Eisenhüttenstadt mit Frisch teilt. Ein Sprecher des Brandenburger Innenministeriums dagegen sagt, diesen Zusammenhang gebe es nicht.

Frisch fordert, abgelehnte Asylbewerber vor der Abschiebung besser zu beraten, damit sie nicht völlig perspektivlos in die Heimat zurückkehren. Hillebrand wird deutlicher: „Ich vermute, wenn mehr in die Rückkehrberatung investiert würde, könnte man sich das Instrument der Abschiebehaft ganz sparen.“ Zwar sei die Behandlung in Berlin und Brandenburg human; dennoch: ein Gefängnis bleibe ein Gefängnis, „auch mit goldenen Gitterstäben“.

In einer anderen Zelle in Eisenhüttenstadt sitzt Isaac (24) aus Ghana. Auch er muss zurück nach Italien. Mit unendlich müdem, traurigem Blick starrt er vor sich hin. Auf dem Tisch liegt ein Buch mit buntem Einband: „Deutschlernen für Kinder.“ „Es ist hart“, sagt Kornelia Frisch. „Aber wir können nichts für Sie tun.“ (epd/mig)

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