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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Erste türkische Selbsthilfegruppe

„Demenz ist keine Strafe Gottes“

2,8 Millionen Migranten über 65 Jahre werden im Jahr 2030 in Deutschland leben. Nicht wenige von ihnen leiden an Demenz. Eine Tabu-Krankheit unter viele Türken. In NRW gibt es nun eine erste Selbsthilfegruppe. Von Bettina von Clausewitz

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Das Alter © jimpg2_peace2011 auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Selbsthilfe, diesen Begriff gibt es im Türkischen nicht. Und auch Demenz ist in der ersten Generation türkischer Gastarbeiter, die jetzt ins Rentenalter kommt, weitgehend unbekannt. „Yalniz Değiliz – Wir sind nicht allein“, hat Serpil Sehray Kılıç in Gelsenkirchen deshalb die Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Angehörige von Demenzkranken genannt, die sie Anfang 2015 gründete.

Es sei die erste in Nordrhein-Westfalen – vielleicht sogar die einzige in Deutschland, sagt die resolute 50-jährige Sozialarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt. „Wir mussten etwas erfinden, denn das Problem ist ganz neu, aber seit zwei bis drei Jahren gibt es immer mehr Betroffene, die Hilfe und Austausch suchen.“

Das Ehepaar Ahmet und Türkan Türk etwa, das sich regelmäßig mit den Angehörigen von etwa zehn weiteren Familien am letzten Donnerstag im Monat abends trifft. Ansonsten läuft der Kontakt zumeist über die Smartphones der Frauen per WhatsApp. Ihren richtigen Namen wollen die Türks nicht nennen, zu sehr ist die zerstörerische Krankheit in ihrer Kultur noch immer ein Tabu. Sie ist behaftet mit dem Vorurteil, Demenz sei ansteckend und erblich, man müsse sich für die Erkrankten schämen und sie verstecken. Oder ihnen sei nicht zu helfen, weil sie von Gott mit der Krankheit gestraft worden seien.

Die Türks aber sind bereit, vom Vater zu erzählen, der erst vergangenes Jahr die Diagnose Demenz erhielt. „Ich bin erleichtert, dass das nicht nur uns passiert“, nennt Ahmet Türk das Wichtigste zuerst, während seine Frau selbst gebackene Kekse anbietet und den aromatischen süßen Tee nachschenkt. „Jetzt bin ich gelassener und habe viel über Pflege gelernt und welche Unterstützung wir bekommen können.“

Der Vater ist 1971 nach Gelsenkirchen gekommen und hat lange unter Tage auf Zeche Hugo gearbeitet. Heute, mit 71, wird er von den drei Söhnen gepflegt – die körperliche Pflege dürfen im Islam nur Angehörige desselben Geschlechts übernehmen. Die Schwiegertöchter kümmern sich um die weitere Versorgung, um die erschöpfte Mutter etwa, die rund um die Uhr beim Vater ist.

Fremde Pflege oder gar ein Heim lehnt Ahmet Türk ab, trotz der Anspannung, die oft mit Schuld und Scham einhergeht: „Ein Heim käme nie in Frage. Dann hieße es: Die Eltern haben sie großgezogen und jetzt lassen die Kinder sie im Stich“, sagt der 47-Jährige, der direkt neben den Eltern wohnt.

Ein Konflikt, an dem manche Familien zu zerbrechen drohten – besonders, wenn sich die Last in kleineren Familien nur auf wenige Schultern verteile, erzählt Serpil Kılıç. Trotzdem will niemand riskieren, in der Moschee oder der Community sein Gesicht zu verlieren. Die stundenweise Betreuung in einer türkischsprachigen Tagesspflege gelte gerade noch als akzeptabel, eine Heimunterbringung jedoch nicht, sagt Kılıç. Umso wichtiger ist der Austausch in einer Selbsthilfegruppe.

Kılıç selbst kennt das alles gut. Als Siebenjährige kam sie mit den Eltern aus der Türkei ins Ruhrgebiet. Ihr Vater, der ebenfalls im Bergbau gearbeitet hat, starb schon mit 62. Heute arbeitet sie in einem von 13 nordrhein-westfälischen Standorten des Demenz-Servicezentrums für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.

„Wenn früher in den türkischen Dörfern jemand vergesslich oder aggressiv wurde, sprach man von der Alterskrankheit ‚Bunamak‘ oder man sagte: ‚Der ist doch bunak‘, das war ein Schimpfwort“, erzählt sie. Heute gehe es neben Aufklärung und konkreten Hilfen um eine Enttabuisierung. „Der erste Schritt für die Angehörigen ist zu sagen: Das ist keine Strafe Gottes, sondern eine Krankheit, für die man sich nicht schämen muss, sondern Hilfe in Anspruch nehmen kann.“

Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Migranten über 65 Jahre bis 2030 bundesweit auf 2,8 Millionen verdoppeln wird. Bis 2050 soll sich auch die Zahl von derzeit 1,5 Millionen Demenzkranken verdoppeln; entsprechend hoch wird der Anteil der Migranten sein.

In Duisburg und Köln haben erste Pflegeheime eröffnet, die auf muslimische Rentner spezialisiert sind. Mittlerweile gebe es im Ruhrgebiet zwar etliche türkischsprachige ambulante Pflegedienste, sagt Kılıç. Sprache und Kultur seien enorm wichtig, denn viele Demenzkranke fielen zurück in ihre Muttersprache und alte Gewohnheiten. Von den 630 Tagespflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen sind nach ihren Angaben aber nur drei „kulturell angepasst“. „Ältere Migranten“, kritisiert Kılıç, „sind bundesweit eine vernachlässigte Gruppe“. (epd/mig)

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