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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968
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Geschichte des Islams in Deutschland

Zusammenleben geprägt von gegenseitigem Respekt und religiöser Toleranz

Unter den aktuellen Flüchtlingen, die in die BRD kommen, sind auch viele Menschen muslimischen Glaubens. Sie werden mindestens skeptisch beäugt. „Der Islam“ wird in großen Bevölkerungsteilen als Bedrohung empfunden. Für manche Politiker gehört „der Islam“ nicht zu Deutschland. Dabei wird übersehen, dass es eine jahrhundertelange Geschichte des Islams in Deutschland gibt.

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Das Jenidze-Gebäude wurde 1909 im orientalischen Baustil errichtet und gehört seitdem zum Stadtbild Dresdens © tm-md @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMichael Lausberg

Dr. Michael Lausberg, Dr. phil (Politikwissenschaften), studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Seit 2007 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und zudem als freier Publizist tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Theorie, extreme Rechte, Rassismus, Antiziganismus sowie Migration. Regelmäßige Veröffentlichungen im MiGAZIN, in hagalil, Netz gegen Nazis, im DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

DATUM28. September 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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  • Gleichsetzung von ethnischer Herkunft und Glauben sowie von Ethnie und Kultur;
  • Behauptung ethno-kultureller Unvereinbarkeit („Abendland gegen Morgenland“);
  • Überschneidung von kulturellen mit demographischen Untergangsprophezeiungen („demographische/kulturelle Landnahme“);
  • Pauschalzuschreibung unabänderlicher Wesensmerkmale (frauenfeindlich, unehrlich, machtbesessen etc.);
  • Rassistische Verklärungen (Muslim=Ausländer=Islamist=Eroberer);

Die Geschichte des Islams in Deutschland zeigt jedoch, dass das Zusammenleben zwischen deutschen Muslimen und der autochthonen Mehrheitsbevölkerung auf der Basis von gegenseitigem Respekt und religiöser Toleranz in weiten Teilen als gelungen bezeichnet werden kann. Antimuslimischer Rassismus sowohl in institutioneller Hinsicht als auch im Alltagsleben war und ist jedoch immer virulent.

Die ersten überlieferten Kontakte zwischen der islamischen Welt und dem Römischen Reich deutscher Nation begannen jedoch schon mit einem Besuch muslimischer Gesandter beim Frankenherrscher Karl in Aachen 788.1

Nach der Abwehr der ersten Belagerung im Jahre 1529 erlebte die Stadt Wien 1683 die zweite Belagerung durch die Osmanen.2 Die Angst vor der „Türkengefahr“ war im gesamten christlichen Europa präsent. Die Reichsstände beteiligten sich im Rahmen der „Reichstürkenhilfe“ an der Verteidigung Wiens, die damals Residenzstadt des Heiligen Römischen Reiches war. Die bei der Schlacht von Wien 1683 in Kriegsgefangenschaft geratenen muslimischen Soldaten an den verschiedenen Höfen betrugen mehrere Hundert Personen. Die Mehrheit wurde getauft oder kehrte in ihre Heimat zurück.

Im Jahre 1701 kam der erste offizielle osmanische Diplomat, Mektupçu Azmi Said Efendi, in das damalige Heilige Römische Reich. Anlass für diesen Besuch war die Krönung Friedrichs I. am 18. Januar 1701 im Königsberger Schloss zum König in Preußen. Dessen Sohn, König Friedrich Wilhelm I., erhielt vom Herzog von Kurland (heutiges Lettland) zwanzig großgewachsene türkische Kriegsgefangene als „Geschenk“ für sein Garderegiment der Langen Kerls. Friedrich Wilhelm I. ließ mit dem Potsdamer Dekret aus dem Jahre 1731 für diese Muslime am Langen Stall in Potsdam einen Saal als „erste Moschee“ errichten, zudem sei spätestens im Jahr 1739 die erste islamische Gemeindegründung auf deutschem Boden erfolgt.3 Diese Version darf allerdings bezweifelt werden. 1740 schrieb Friedrich der Große: „Alle Religionen sind gleich und gut, und wenn nur die Leute, die sich zu ihr bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn die Türken (…) kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen (…) bauen.“4

Im Jahr 1762 wurde in Preußen ein selbstständiges „Bosniakenkorps“ mit ca. 1000 Mann gebildet. Seit 1763 gab es in Berlin eine ständige osmanische Gesandtschaft, doch erst 1877 wurde die Deutsche Botschaft im damaligen Konstantinopel eröffnet.5 Preußisch-deutsche Muslime kämpften in den Feldzügen Friedrich des Großen und in der Schlacht bei Preußisch Eylau am 7. und 8. Februar 1807 in den „Befreiungskriegen“ gegen Napoleons Armee. Der erste islamische Grundbesitz auf deutschem Boden war der „Türkische Friedhof“ in Berlin. Als am 29. Oktober 1798 der türkische Gesandte und Botschafter am Berliner Hof, Ali-Aziz-Effendi starb, erwarb König Friedrich Wilhelm lll. vom Grafen Podewils ein Gelände in der Hasenheide in Berlin, das als Gräberfeld dienen sollte. Eigentümer dieses Friedhofes war von Anfang an das Osmanische Reich. Der Bau der Kaserne des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 erforderte im Jahre 1866 eine Verlegung des Begräbnisplatzes. Seither befindet sich der „Türkische Friedhof“ gegenüber dem „Dennewitz-Friedhof“ am Columbiadamm. Inmitten des Gräberfeldes erhebt sich eine kulturhistorisch wertvolle Türbe: eine acht Meter hohe halbmondgekrönte Gedenksäule, ein Geschenk des Sultankalifen Abdul Hamid ll. Khan.

Im 1. Weltkrieg war das Osmanische Reich Verbündeter des deutschen Kaiserreiches. Sultan-Kalif des Osmanischen Reiches forderte die Muslime, die als Soldaten aus den Kolonien auf Seiten Englands und Frankreichs kämpften, zum Dschihad, zum Heiligen Krieg, gegen ihre Kolonialherren auf und forderte sie auf, zu desertieren und auf die islamische Seite zu wechseln. Deutschland beteiligte sich mit der Nachrichtenstelle für den Orient an diesem Versuch, indem es das „Halbmondlager“ und ein vergleichbares Lager im nahe Berlin gelegenen Ort Zossen einrichtete. Hier sollten die Gefangenen zum Überlaufen und zum Kampf gegen ihre Kolonialherren bewegt werden. Wichtigstes Instrument zur Überzeugung der islamischen Gefangenen war die Förderung der Ausübung islamischer Praktiken in diesen Lagern. So wurde etwa der Ramadan geachtet, indem zu dieser Zeit die Verpflegungsrationen erst nach Sonnenuntergang ausgegeben wurden. Am 13. Juli 1915 wurde zudem im Halbmondlager auf Wunsch des Muftis von Istanbul die wahrscheinlich erste zur Religionsausübung gedachte Moschee auf deutschem Boden eingeweiht.6 Nach dem Ersten Weltkrieg blieb eine Reihe muslimischer Exilanten und Flüchtlinge vornehmlich in Berlin. Wegen Einsturzgefahr wurde die aus Holz gebaute „Berliner Moschee“ 1924 geschlossen und 1925/26 abgerissen.7 Die neue erbaute Moschee wurde am 23.3.1928 offiziell eingeweiht.

  1. Heubach, M.: Das Frühmittelalter, Köln 1993, S. 124 []
  2. Vgl. Abdullah, M. S.: Geschichte des Islams in Deutschland, Graz-Wien-Köln 1981, S. 32ff []
  3. Kappert, P./Haerkötter, R./Böer, I.: Türken in Berlin 1871 – 1945, Berlin 2002, S. 45 []
  4. Zitiert aus Tworuschka, M.: Grundwissen Islam. Religion, Politik, Gesellschaft, Münster 2003, S. 166 []
  5. Genske, K.: Geschichte Berlins, Berlin 1991, S. 253 []
  6. Höpp, G.: Der verdrängte Diskurs. Arabische Opfer des Nationalsozialismus. In: Gerhard Höpp, Peter Wien und René Wildangel (Hrsg.): Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus. (ZMO-Studien; 19) Berlin 2004: 215-268, hier S. 218 []
  7. Berliner Zeitung vom 30.8.2001 []
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4 Kommentare
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  1. Petra sagt:

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel!

  2. Alexei sagt:

    Ich finde es ja immer toll wie immer einseitig festgesetzt wird,dass kulturelle Bereicherung so toll sein soll, denn welcher konkrete Mehrwert soll sich dadurch einstellen? Pragmatisch betrachtet ist Deutschland doch super so wie es ist. Ich persönlich brauch keine kulturelle Bereicherung. Selbst im Vergleich zu vielen anderen westlichen Staaten wie z.B USA steht Deutschland mit seinem sozialstaat und liberalen Gesellschaft super da.
    Mal ernsthaft als Frage gemeint.Was soll uns das konkret bitte bringen?
    Die Kultur und Mentalität die wir haben ist schon großartig so wie sie ist,denn sonst hätten wir diesen Staat mit all seinen sozialen Leistungen nicht aufbauen können,wie man anhand der USA und an den Reaktionen auf Obamacare gesehen hat.

  3. Armin sagt:

    @Alexei: Deine Aussagen setzen ja voraus, dass die heutige Kultur ja schon immer so bestand. Und dann höre ich mir die Geschichten meines Vaters (Gastarbeiter aus Bosnien) an, der da so einiges, aus heutige Sicht verwunderliches, erzählt. Wie z.B., dass früher keiner aufm Rasen saß, erst recht nicht dort gegrillt hat. Das man sich über diese Gastarbeiter und ihrer Art nur wunderte. Und heute, heute kann mal überall (sogar in ner Tanke) einen Grill kaufen, um damit im Freien zu chillen. Also, dies als Beispiel. Kulturen wandeln sich, und welche Einflüsse dort wiederzufinden sind, kann man mit der Zeit nicht mehr groß auseinander halten. Und wer weiß, vielleicht ändert sich das Sozialsystem im Lande, die Falken sitzen überall.. und diese sind selten (in Deutschland) muslimisch.

  4. surviver42 sagt:

    @Dr. Lausberg
    in der headline „den Islam“ mit einer potenziellen „Bedrohung“ zu assoziieren scheint aus ihrer Sicht humaner als mit „Terrorismus“ zu sein, aber die wahre Bedrohung in Deutschland ist nicht „der Islam“, sondern die „Volksverblödung“ und Manipulation der Bevölkerung.
    Die meisten Mainstream-Medien, UND dazu gehören auch TV, berichten über „den Islam“ immer nur einseitig.
    Dies ist gegenüber dem GEZ-Zahler ein Hochverrat.
    Wir haben das Recht auf eine objektive Berichterstattung.
    Eine Bedrohung ist das auch für viele Muslime.
    WARUM?
    Sie werden durch die Medien nicht positiv vertreten/repräsentiert und fühlen sich dadurch an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
    WOZU FÜHRT DAS?
    Sie werden konservativ und suchen eine Idendität in der Radikalisierung.

    Ich halte nicht „den Islam“ für eine Bedrohung in der Gesellschaft , sondern die mediale Hetze und die Spalltung der Gesellschaft für noch viel Gefährlicher.



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