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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Arm durch Arbeit

Wer soll in den Schulen die Flüchtlingskinder unterrichten?

Seit Wochen wird über den „Ansturm“ der Flüchtlingskinder auf deutsche Schulen berichtet. Glaubt man den Lehrergewerkschaften, so steht das deutsche Schulsystem kurz vor dem Zusammenbruch. Der Grund: es gibt angeblich keine gut ausgebildeten Lehrer für das Fach „Deutsch als Fremdsprache“. Aber stimmt das eigentlich?

Georg Niedermüller © privat, bearb. MiG
Georg Niedermüller © privat, bearb. MiG

VONGeorg Niedermüller

Die "Initiative Bildung Prekär" (IBP) wurde von Marion Bergmann, Georg Niedermüller und Stephan Pabel im August 2011 begründet. Sie ist geprägt durch gemeinsame Erfahrungen als Lehrkräfte in Integrationskursen im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Praxiserfahrung hinter den Kulissen des sogenannten "Erfolgsmodells Integrationskurse" führte dazu, dass sie sich zusammenfanden, um Denkanstöße zu ihrem Bildungsauftrag durch Schreiben an Politiker, Parteien, Fraktionen und Gremien zu geben. Gewerkschaftliche Unterstützung finden sie bei der GEW und Ver.di. Der Initiative gehören des Weiteren Lehrbeauftragte aus Hochschule und dem Bereich Deutsch als Fremdsprache / Zweiterwerb (DaF/DaZ) an. Aktivitäten der IBP sind auch auf www.mindesthonorar.de, Facebook und Twitter zu finden. Marion Bergmann ist unter anderem Buchautorin, Georg Niedermüller Politiklehrer und Stephan Pabel Übersetzer und Sozialpädagoge.

DATUM23. September 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der „Deutsche Lehrerverband“ forderte deshalb, einen Teil der Flüchtlingskinder wieder aus den Schulen herauszunehmen. Da sie sowieso bald abgeschoben würden lohne es sich ja gar nicht, sie erst für einige Monate in den Schulen zu unterrichten. Die GEW fordert nun, dass pensionierte Lehrer in die Schulen zurückgeholt werden, um „auszuhelfen“. Auch fachfremde Lehrer könne man in einem Crashkurs fit für den Unterricht in „Deutsch als Fremdsprache“ machen.

Der „Fachverband Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ schreibt in einer Stellungnahme dazu: „Dieser Unterricht gehört in die Hände von qualifizierten Fachleuten. Die entsprechenden Lehrkräfte werden mittlerweile seit Jahrzehnten an deutschen Hochschulen in Studiengängen Deutsch als Fremd- und Zweitsprache ausgebildet. Diese Absolventen aber haben Schwierigkeiten, ausbildungsadäquate Stellen zu finden. In den Schuldienst können sie in der Regel nicht eintreten, da Deutsch als Fremdsprache kein Schulfach ist und sie kein Staatsexamen haben. So werden sie auch nicht in den Vorbereitungsklassen eingesetzt und finden sich als schlecht bezahlte, aber dennoch hoch motivierte Honorarkräfte in prekären Verhältnissen wieder, zum Beispiel in den Integrationskursen für Erwachsene.

Früher oder später wandern sie deshalb in andere Tätigkeitsbereiche ab – eine Verschwendung von Lebenszeit und Ausbildungskapazitäten. Daher fordert der Fachverband Deutsch als Fremd- und Zweitsprache e.V. (FaDaF): Einstellung von Lehrkräften mit einschlägiger didaktischer Hochschulausbildung Deutsch als Fremd- und Zweitsprache für Vorbereitungs-, Sprach- und Förderklassen mit Flüchtlingskindern an Schulen bzw. schulübergreifend.“

Der Fachverband hat Recht. Es gibt in den Integrationskursen rund 20.000 gut ausgebildete Dozenten, die einen Hochschulabschluss, eine Zusatzqualifikation in Deutsch als Fremdsprache und Alphabetisierung haben und über jahrelange Berufserfahrung im Deutschunterricht mit Migranten verfügen. Ihr durchschnittliches Nettoeinkommen liegt bei 800 Euro bis 1.200 Euro für eine Vollzeittätigkeit, wie es vor wenigen Tagen noch in den Tagesthemen hieß. Sie wünschen sich nichts mehr, als aus den Integrationskursen auszusteigen und einen „richtigen” Arbeitsplatz an einer Schule zu bekommen, von dem sie leben können. Im „Forum Deutsch als Fremdsprache“ sind deshalb einige sehr wütende Reaktionen auf die Vorschläge der Lehrergewerkschaften nachzulesen.

Welche Anforderungen muss ein Lehrer für „Deutsch als Fremdsprache“ an einer Schule eigentlich erfüllen? Das hängt von der Zielsetzung ab: will man die Flüchtlingskinder auf ein Leben in Hartz IV vorbereiten, dann genügt es, ihnen pensionierte Erdkundelehrer mit einem DaF-Crashkurs vorzusetzen. Will man den Kindern eine faire Chance geben, dann brauchen sie erfahrene Lehrer, die sie in einem oder zwei Jahren von Null auf Hundert katapultieren.

Die Kinder kommen mit Null Sprachkenntnissen in die Schule und sollten nach einem Jahr in der Lage sein, einen Konzessivsatz von einem Konsekutivsatz zu unterscheiden, und einen Adverbialsatz von einem Präpositionalobjekt. Denn das sind die Anforderungen, die Kinder auf einem Gymnasium in der 7. Klasse bestehen müssen. Das kann man auf www.klassenarbeiten.de nachlesen. Wenn ein pensionierter Lehrer sich diese Aufgabe zutraut, dann mag er unterrichten. Ansonsten soll er den Flüchtlingskindern nicht ihre Zukunft versauen. Statt fachfremde Lehrer mit einem Crashkurs auszustatten kann man die Kinder auch gleich an der Hauptschule anmelden, denn da werden sie in zwei Jahren unweigerlich landen, wenn die Öffentlichkeit nicht mehr hinguckt.

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5 Kommentare
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  1. Frau B. Weiß sagt:

    Als langjährige Hauptschullehrerin in NRW (35 Jahre Berufserfahrung mit bewusster Entscheidung gerade FÜR diese Schulform) stimme ich dem Artikel grundsätzlich zu.
    Was mich jedoch schockt und ärgert, ist die Art und Weise, wie im letzten Abschnitt über die Hauptschule und ihre Arbeit geschrieben wird! Zu den Fakten als Richtigstellung:
    Flüchtlingskinder haben zwar ein Schulrecht und eine Schulpflicht sobald sie einem Residenzort zugewiesen worden sind, weiterführende Schulen wie Gymnasien, Realschulen und auch Gesamtschulen müssen sog. „Nullsprachler“ trotz guter Zeugnisse aus dem Heimatland (sofern sie vorhanden sind) aber nicht nehmen! Sie dürfen diese Kinder ablehnen, da sie in der Regel keine entsprechenden Fördermöglichkeiten anbieten. Die wenigen verbliebenen Hauptschulen MÜSSEN die Kinder jedoch nehmen. Dabei gibt es in den wenigsten Fällen an den Schulen komplette Förderklassen für Nullsprachler. Also werden die Kinder in die schon bestehenden Klassen eingruppiert und zwischendurch zum Förderunterricht aus dem Unterricht geholt. Fast jeder Deutsch-Hauptschullehrer ist in der Lage, den Anfangsunterricht/Grundkenntnisse der deutschen Sprache zu unterrichten. Nicht selten auch die Fachlehrer ohne Deutsch-Studium. An keiner Schulform arbeiten Lehrer derart qualifiziert und vor allem flexibel, weil sie sich ständig täglich auf neue Situationen einzustellen haben, wie an einer Hauptschule. Die Vielfalt dieser Schulform macht Schüler und Lehrer fit für eine integrative Gesellschaft und leistet neben der alltäglichen Wissensvermittlung Alltagskompetenzen in Sachen Interkulturellem Zusammenleben, Berufswahlvorbereitung, Ausbildungsvermittlung, Aufarbeitung von familiären „Widrigkeiten“ / Stützung und Unterstützung im Sinne von Familienarbeit, Zusammenleben von in jeder Form förderungswürdigen Schülern im Ganztagsschulbetrieb (Integrative Arbeit von Behinderten und Nichtbehinderten) in Gebäuden, die auf die Schnelle und nie den Bedürfnissen der Kinder entsprechend „saniert“ und umgebaut wurden (während des laufenden Schulbetriebs!), und schon seit Jahrzehnten eben auch die Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse an Kinder, die nur wenige oder gar keine Sprachkenntnisse besitzen. Dabei ist aus den vorigen Jahrzehnten z.B. auch die Arbeit mit Kindern aus dem marokkanischen Sprachraum zu nennen, die als „Berber“ aus einer schriftlosen Kultur kommen und auch über keinerlei Schreibkenntnisse verfügten. Sie wurden als Arabischsprachig eingestuft mit Kenntnissen der arabischen Schrift, obwohl das für sie genauso eine Fremdsprache war/ist wie für jeden anderen Nicht-Araber (siehe dazu die Untersuchungen der Volkswagenstiftung aus früheren Jahrzehnten). Ihnen wurde gleichzeitig Deutsch und Englisch (mit einer Schrift von links nach rechts) und Arabisch (als Muttersprache ! durch die Muttersprachenlehrer) mit einer Schrift von rechts nach links vermittelt. Der Spagat, dem in erster Linie die Kinder ausgesetzt waren, wurde in den meisten Fällen geschafft. Da war es schon viel leichter, türkeistämmigen Kindern (sunnitischen Türken, alevitischen Türken, Kurden, …), die je nach Ortsherkunft ein europäisches Schriftbild gewöhnt waren, Deutsch zu vermitteln. Ebenso den vielen Kindern mit einer griechischen, italienischen, spanischen, portugiesischen oder nach dem Zusammenbruch des Ostblocks „jugoslawischen“ (ich will nicht alle heutigen Balkanländer aufzählen) Herkunft. Oder die vielen Spätaussiedlerkinder aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch an die vielen Flüchtlinge aus Vietnam in den achtziger Jahren kann ich mich erinnern. Alle sind in der Hauptschule gelandet. Und ich würde sagen, dass die Hauptschullehrer in den meisten Fällen ihre Arbeit gut gemacht haben. Nicht wenige von den Schülern hat nach der Hauptschule der Ehrgeiz gepackt, sie haben weiter gelernt und sogar studiert. Viele sind heute auch erfolgreiche Handwerker oder selbständig.
    Und heute sind es die Flüchtlinge, die über die sog. Balkanroute zu uns kommen. Da soll neben der großartigen Erfahrung und dem sozialen Engagement, das – ich behaupte es wirklich – an keiner weiterführenden Schule so stark vorhanden ist wie an der Hauptschule, gerade diese Schulform ein Abstellgleis in die Bedeutungslosigkeit sein?
    Es tut mir leid, aber sie haben von der Hauptschule keine Ahnung und schreiben diesen letzten Abschnitt vom grünen akademischen Tisch, der mit der Alltagsrealität unserer Gesellschaft keine Berührung hat.
    Wenn Sie mehr über unsere Arbeit an einer Hauptschule (meine Schule ist eine integrative Ganztagsschule mit verbindlichem Nachmittagsunterricht) erfahren möchten, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
    Mit freundlichen Grüßen
    B. Weiß

  2. E.Schulz sagt:

    Sehr geehrte Frau Weiß,

    ich zweifle nicht an, dass Sie über die dafür nötige Berufserfahrung verfügen, um auch Deutsch als Fremdsprache einigermaßen kompetent zu vermitteln. Da ich nun aber schon in 4 verschiedenen Städten Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe und mir so auch ein Bild von der Lage in den Hauptschulen dort machen konnte, muss ich aber dazu folgendes sagen: Deutschlehrer sind keine DAF – Lehrer. Ich habe sowohl Germanistik als auch DAF voll studiert und kenne den Unterschied. Ein Deutsch – Lehramt – Studium qualifiziert NICHT zum DAF – Unterricht. Ich bezweifle nicht, dass auch Laien Deutsch unterrichten können, aber bei weitem nicht so gut wie die speziell dafür Ausgebildeten. Dass viele Menschen der Meinung sind, selbst der Hausmeister könne genauso gut DAF – Unterricht auf A1 – Level halten wie jemand, der das 5 Jahre lang studiert hat, zeugt schon von einer gewissen Respektlosigkeit dem Fach gegenüber. Diese Einstellung führt dazu, dass DAF oft von Fachfremden (und das sind Sie auch) „nebenbei“ unterrichtet wird, während die, die es besser könnten, von ihren Honorarverträgen kaum leben können. Ich kritisiere das nicht, wenn keine Arbeitskräfte vom Fach zur Verfügung stehen. Allerdings finde ich es weder fair noch dem allgemeinen Niveau in der Sprachförderung zuträglich, wenn Fachfremde den Qualifizierten in diesem Bereich nach wie vor vorgezogen werden, nur, weil der Arbeitgeber damit etwas günstiger wegkommt. Die Arroganz, die mir als DAF – Lehrer von Deutschlehrern teilweise entgegenschlug, ist übrigens manchmal wirklich atemberaubend. Ich würde mir ja auch nicht anmaßen zu behaupten, dass jeder Grundschulkinder unterrichten kann, nur weil der Schulstoff leicht zugänglich ist. Mit freundlichen Grüßen. E. Schulz

  3. E.Schulz sagt:

    Ich möchte dadurch nicht die Leistungen der Hauptschullehrer schmälern. Ich kenne genug Hauptschullehrer und respektiere ihre Leistungen. Trotzdem ist das, was bisher im sprachlichen Bereich geschah, keine optimale Förderung. Dass sie es trotz widriger Umständer geschafft haben, einigen ausländischen Schülern eine berufliche Laufbahn zu ermöglichen, ist bewundernswert. Trotzdem stehen mittlerweile (und damit möchte ich Sie nicht beleidigen) genug Fachkräfte zur Verfügung, die es im Schnitt besser könnten als ein „normaler“ Deutschlehrer, da sie speziell dafür ausgebildet wurden und auch gerne zumindest eine Festanstellung hätten.

  4. Jennifer Schlegel sagt:

    Wie kann die Regierung noch rechtfertigen, dass allein in Bayern Hunderte arbeitslose Deutschlehrer auf den Wartelisten stehen? Ja, sie haben oft keine Zusatzausbildung für Deutsch als Zweitsprache, aber das ist doch immer noch besser als „pensionierte Erdkundelehrer“ (Zitat s.o.), welche auf einen Verdienst nicht mehr angewiesen sind!

  5. G. Rabe sagt:

    Das ist ja schon kurios und war mir bisher nicht bekannt, dass DaF-Absolventen, zumal mit Lehrerfahrung, laut Fachverband i.d.R. nicht in den Schuldienst eintreten können. Das ist für mich typisch deutsch, Quereinsteigern ständig Hürden in den Weg zu stellen, unflexibel und wenig pragmatisch zu handeln. Ich bin aber zuversichtlich, dass der Massenansturm der Flüchtlinge die Schulbehörden und Gewerkschaften schnell dazu zwingen wird, von ihrem hohen Ross herunterzukommen. Ob jemand ein guter Lehrer ist, lässt sich ohnehin nicht allein an Zertifikaten und Studienabschlüssen ablesen. (Lebens)Erfahrung und Kommunikationsfähigkeit sind mindestens ebenso wichtig. Grundsätzlich halte ich den Ansatz für falsch, Flüchtlingskinder in Willkommensklassen zu separieren. Kinder lernen Sprachen v.a. im alltäglichen Gebrauch. Wenn jede Schulklasse 1, 2 oder 3 Kinder aufnehmen würde, würde die Integration viel schneller funktionieren, und die einheimischen Kinder würden mit der Lebensrealität konfrontiert werden und erfahren, dass Flüchtlingskinder auch nicht viel anders sind als sie selbst. In den Klassen meiner beiden Kinder im Grundschulalter waren Kinder von Eltern, die aus beruflichen Gründen nach Deutschland gekommen sind, ohne jegliche Deutschkenntnisse. Bis zum Ende des Schuljahres sprachen die Kinder fließend Deutsch.



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