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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

"Ich musste etwas tun"

Ein Londoner Ingenieur verbringt seinen Urlaub als Flüchtlingshelfer

Auf Facebook und Twitter sieht Ahmad, ein Ingenieur aus London, die vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Kurzerhand nimmt er Urlaub und fliegt nach München, um den Neuankömmlingen zu helfen.

München, Bahnhof, Hauptbahnhof, münchener bahnhof
Münchener Hauptbahnhof © derschlosi @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONImke Plesch

DATUM11. September 2015

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RESSORTFeuilleton, Gesellschaft

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Eigentlich müsste Ahmad jetzt in London in einer Werkstatt stehen und sich mit dem Verschweißen von Bauteilen beschäftigen – stattdessen steht der 29-jährige Syrer im Münchner Ankunftszentrum an der Maria-Probst-Straße und hilft Flüchtlingen, Formulare auszufüllen. „Auf Facebook und Twitter habe ich so viel gelesen über die vielen Flüchtlinge, die gerade nach Deutschland kommen. Ich war so deprimiert und musste unbedingt etwas tun.“ Deshalb hat der Ingenieur zwei Wochen Urlaub genommen und ist nach München gekommen. Dort waren am Wochenende mehr als 20.000 Flüchtlinge unter Applaus und Willkommensrufen der Münchner Bürger angekommen

Ein Freund aus Regensburg hatte den Kontakt zur Inneren Mission vermittelt, nachdem Ahmad im Internet kaum Informationen auf Englisch über Hilfsmöglichkeiten in Deutschland gefunden hatte. Nun ist er sehr froh, in München zu sein. Er dolmetscht für die arabisch-sprechenden Flüchtlinge oder hört den Ankommenden einfach nur zu und beruhigt sie, dass der schwerste Teil der Reise nun hinter ihnen liege. Fast alle Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak haben Mitglieder ihrer Familien im Krieg verloren und eine lange entbehrungsreiche Flucht hinter sich.

Ahmad selbst ist die Flucht über das Mittelmeer und die Balkanroute erspart geblieben. Er war bereits Masterstudent in England, als der Krieg ausbrach und bekam dann dort Asyl. Seine Eltern und Geschwister leben in einem Golfstaat, wo sie schon vor dem Krieg arbeiteten. Wo genau, will Ahmad nicht sagen: Zum einen weil er wütend ist auf die Golfstaaten, die den Syrern nicht zu Hilfe kommen, zum anderen weil er Angst um seine Familie hat – deshalb will er auch nicht seinen ganzen Namen nennen und auch kein Foto von sich in der Zeitung sehen. Alle seine Verwandten seien nach Damaskus oder in andere Länder geflohen und nun überall verstreut, erzählt er. Freunde von ihm haben es über Calais nach England geschafft – in einem Kühlcontainer, in dem sie fast erfroren wären.

Von der Stimmung im Münchner Ankunftszentrum ist er beeindruckt. „Ich habe das Gefühl, dass die Hilfe der Deutschen, die hier arbeiten, wirklich von Herzen kommt.“ Auch über die vielen Kleider- und Essensspenden aus der Bevölkerung ist er überrascht. In Großbritannien gebe es immer noch Leute, die große Vorbehalte hätten. „Selbst bei Freunden muss ich immer wieder betonen, dass ich mein eigenes Geld verdiene, Steuern und Krankenkassenbeiträge zahle und niemandem auf der Tasche liege.“ Andererseits gebe es auch dort sehr hilfsbereite Menschen: So hat eine der Firmen, für die Ahmad arbeitet, ihm sein Flugticket nach München gezahlt, als sie hörten, dass er dort helfen will.

Die Situation als Flüchtling lasse die Menschen über sich hinauswachsen, glaubt Ahmad. „Das bringt einen an seine Grenzen. Aber deshalb wollen die Menschen, wenn sie erst mal in Sicherheit sind, auch wirklich hart arbeiten, damit sie ihren Kindern einmal eine bessere Zukunft ermöglichen können.“ Ihm mache es zum Beispiel nichts aus, auch mal 16 Stunden am Tag zu arbeiten, wenn er damit seine Familie unterstützen kann.

Einige der Flüchtlinge in München fragten ihn auch nach Rat, für die Weiterreise. Manche haben Verwandte oder Freunde in anderen deutschen Städten, andere möchten in die Niederlande oder nach Schweden zu Bekannten. Doch dazu kann Ahmad nichts sagen. „Ich erkläre ihnen nur, dass schon alles geregelt wird. Es braucht nur Zeit, weil jetzt einfach so viele Menschen auf einmal nach Deutschland kommen.“

Ahmad selbst war seit über fünf Jahren nicht mehr in Syrien, keiner in der Familie weiß, ob ihr Haus in Dar’a, im Süden des Landes, noch steht. Ob er damit rechnet, eines Tages zurückzukehren? „Ich hoffe es“, sagt Ahmad. Aber er wagt keine Prognosen. „Es ist alles so kompliziert dort. Ich weiß auch keine Lösung. Es gibt Leute, die sagen: ‚Geh doch zurück und kämpfe für dein Land!‘ Dann antworte ich: ‚Aber auf welcher Seite?‘ Ich weiß nicht, wer die Guten sind. Jede Gruppe kämpft für sich.“

Der junge Mann ist dankbar dafür, in London in Sicherheit zu sein, Arbeit zu haben und Geld zu verdienen. In München hilft er nun anderen Flüchtlingen, diesem Ziel ein Stück näherzukommen. (epd/mig)

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