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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Ach was?!

Die Strandliegenreservierer

Will man google glauben, so soll des Deutschen Lande eines der beliebtesten Länder der Welt sein. Die Eingeborenen, sprich die Deutschen, sollen jedoch nur dann beliebt sein, wenn sie in ihrem eigenen Land bleiben. Von Bengü Aydoğdu

Strand, Sommer, Liege, Sand, Meer, Urlaub, Sommer
Wen mögen deutsche Urlauber am wenigsten © Dennis Jarvis @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONBengü Aydoğdu

 Die Strandliegenreservierer
Während in den USA Captain Kirk und Mr. Spock erstmals mit „Star Trek“ auf Sendung gehen, macht die in Istanbul frisch geborene Bengü Aydoğdu ihrer Mutter das Leben schwer. Noch heute hört man die Mama sagen: nicht mal meinem ärgsten Feind wünsch' ich ein solches Balg! Später schluckend manch' Staube der Uni-Parkette in Berlin und Düsseldorf, studierte sie Wirtschaft und Jura. Doch der freie, unruhige Geist zwang sie umherzutreiben in manch ausländischen Gefilden. Sie liest, schreibt und dichtet lieber als im Paragrafen-Dschungel und dem Wirtschafts-Wahnsinn mitzustreiten. No lobby no shackles. Unter dem Pseudonym BenSiz erschien 2012 ihr erstes Buch auf türkisch in der Türkei. Weitere folgen. Ihre Brötchen verdient sie als Webdesignerin, Texterin und Jobcoach. Interdisziplinäre Betrachtungen und analoge Weltanschauung sind die Grundpfeiler für die Schreibwerke der Künstlerin. Ach was?!, kommt's über die Lippen, wenn sie aus dem Hexenkessel der Welt erzählt... Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Burkhard Heim oder Sigmund Freud... Oder waren es doch Nietzsche und Rumi...? Sie werden's herausfinden.

DATUM7. August 2015

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Anscheinend hat die Welt die Integration mit den Deutschen irgendwie verpasst. Wen wundert es also, wenn der Deutsche der Welt nacheifert. Ganz die „Wie du mir, so ich dir“- Manier? Nein. Die Kolumnistin wagt es tatsächlich zu sagen, dass die Deutschen im Ausland in der Regel wesentlich gelassener und lebensfroher und durchaus willkommen sind, wenn man von den Strandliegen-Schlachten und Handtuch-Wegwerf-Aktionen absieht.

Es stimmt, dass die meisten deutschen Urlauber, denen man in den überfüllten Meeresregionen der südlichen europäischen Länder begegnet, zeitig am frühen Morgen am Strand Liegen reservieren, indem sie ihre Handtücher drauflegen und dann erst einmal ganz gemütlich frühstücken gehen, um später, viel später zu kommen und sich dem genüsslichen Sonnenbaden hinzugeben. Und weil es viele so machen, sieht der Strand eigentlich schon morgens um 7 Uhr total überfüllt aus, wenn man die Anzahl der mit Handtüchern belegten Liegen sieht. Er ist aber menschenleer. Und diejenigen, die dann zum richtigen Zeitpunkt zum Sonnen an den Strand kommen und die vollen Liegen aber ansonsten leeren Strand sehen, fangen zu Recht an, die Handtücher wegzulegen, um sich selbst einen Platz zu schaffen. Sie werden natürlich später ziemlich lautstark angekeift von den Handtuchlegern, die irgendwann kommen und auf ihrer reservierten Liege einen anderen Sonnenanbeter antreffen. Und das fällt auf. Dann heißt es dort bei den einheimischen und anderen ausländischen Zeugen des Geschehens: „Typisch wieder mal die Deutschen, die Raufbolde, die Unholde!

Nun; die Kolumnistin hat lange genug in Alanya, in Kaş und anderen Regionen der Türkei gelebt, um genau dieses Bild beschreiben zu können. Allein in Alanya sollen aktuell mittlerweile über 20.000 Deutsche leben, die dahin ausgewandert sind abgesehen von den zehntausenden Urlaubern jedes Jahr. Gesamteinwohnerzahl von Alanya wurde 2013 mit ca. 270.000 angegeben.

Das Leben dort ist den deutschen Bedürfnissen ziemlich angepasst. Bratwürste, Schnitzel, deutsches Brot und vieles mehr werden angepriesen. Sogar Schweinefleisch kann man dort kaufen. Überall spricht man deutsch. Wenige der dort lebenden Deutschen haben die türkische Sprache wirklich gelernt. Es ist nicht nötig. In Alanya läuft die Integration trotzdem auf Hochtouren. Die Erzählerin hörte dort oft Sätze wie: „Fast könnte man meinen, man wäre in Alanya in einer deutschen Kolonie.“ Die meisten Türken stört dieser Umstand nicht. Sie haben sich an die hellhäutigen, sonnenverbrannten Typen mit dickem Bierbauch gewöhnt. Oder an die blonden, älteren Frauen, die streunende Katzen und Hunde aufnehmen und den Tierärzten ein gutes Einkommen ermöglichen. Und die Deutschen haben sich daran gewöhnt, dass die Türken ihnen helfen beim Behördengang, beim Immobilienkauf oder wenn sie mal zum Arzt müssen. Auf den Wochenmärkten hört man mehr deutsch als türkisch und die Preisschilder lassen keinen Zweifel daran, dass der ganze Einkaufrummel ziemlich eingedeutscht ist. Das stört aber kaum jemanden. Und die ewigen Nörgler über Fremde, über Kulturvergewaltiger und über die „Schamlosen“ gibt es überall auf der Welt.

Also, Fazit: man sollte google nicht immer alles glauben. In Alanya wird die Aussage, der Deutsche möge doch im eigenen Land bleiben, der Lüge gestraft. Der Türke ist in seiner Heimat ein Mensch, der eine Willkommenskultur pflegt. So scheint es zumindest in Alanya zu sein. Man spricht nicht umsonst von der türkischen Gastfreundschaft im Allgemeinen. Und wenn er im Gegenzug einer anderen Willkommenskultur begegnet, dann teilt er nicht nur seine Tafel und seine Freundschaft mit seinem Gastgeber, sondern dankt es ihm, indem er dessen Bräuche und Werte mitübernimmt, solange diese den seinigen nicht zuwiderlaufen.

Ach was?! schallt es nun wieder zurück. Das sei ja viel zu speziell. Die Türken wären überhaupt nicht bereit, sich auf was einzulassen in Deutschland. Und außerdem würden sie in diesen Touri-Gegenden in der Heimat sowieso die blonden Frauen immer vulgär anmachen. Die hätten kein Benehmen. Die Türken wären geldorientiert und nur deshalb würden sie so tun, als ob sie die Deutschen im eigenen Land akzeptieren.

Nun, ja… Es stimmt, dass Frauen in solchen Touri-Gegenden öfter angemacht werden. Aber, dass das auf die Türkei und den Türken beschränkt ist, bezweifelt die hier Erzählende. Oft war sie in Griechenland unterwegs und oft musste sie tätliche Grabscherei von Griechen abwehren. In Spanien war das nicht anders. Macho-Gehabe und Testosteronattacken sind kein Länderproblem, sondern ein Männerproblem. Dass gewisse gesellschaftliche Wertesysteme dieses vom menschlichen Reptilhirn stammende Verhaltenskodex unterstützen, stimmt. Aber das ist ein anderes Thema. Und das Thema Geld und des Menschen Lechzen danach, macht vor des Deutschen Grenze keinen Halt. Geldverdienen ist ein Hauptmotiv im Zusammenleben einer Gesellschaft in aller Herrenländer. Weshalb sollte es also dort verpönt werden, während es hier angepriesen wird? Wenn man weiß, dass der Mensch an sich ein wandelnder Widerspruch auf zwei Beinen ist, dann wundert man sich nicht darüber.

Und so empfiehlt das Schreiberling, über jegliche Meinungsbildner, als da wären Medien, Politiker, Eltern, Lehrer und der Nörgler‘ Stimmen hinauszublicken und selbst zu beobachten, ohne irgendwelche getrübten Meinungsfilter anzuwenden. Echtes Wissen ist selbst erfahrenes Wissen. Alles andere ist Wissen aus zweiter und dritter Hand. Und dieses geborgte Wissen darf durchaus angezweifelt werden – dieser Artikel inbegriffen – es sei denn das Leben bringt eine Bestätigung für dessen Richtigkeit.

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Ein Kommentar
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  1. in Alanya haben niemals 20.000 Deutsche gelebt. Die letzte offiziell bekanntgegebene Zahl war knapp 2,500 mit Aufenthaltserlaubnis, dazu zählen aber auch Immobilienbesitzer, die diese lediglich für einen Telefonanschluss benötigen. Nach dem neuen Gesetz ist dies allerdings weder nötig (die erforderliche Personalnummer bekommt man auch so) noch möglich (hält sich ein Ausländer länger als 120 Tage im Jahr im Ausland auf, erlischt die Aufenthaltserlaubnis automatisch).
    Übrigens sind die Alanyaner grundsätzlich allem und jedem gegenüber sehr pragmatisch eingestellt. Im Sommer hat eh keiner Zeit, sich über irgendwas aufzuregen, zu demonstrieren oder was auch immer – die arbeiten alle.
    Es stimmt auch nicht wirklich, dass die wenigsten Deutschen in Alanya türkisch sprechen. Es ist nur die kleine, aber laute und gut sichtbare Minderheit aus besagten hellhäutigen Bierbäuchen und blondierten und lederhäutigen Blondinen, die es weder will noch schafft, türkisch zu lernen. Die aber immer und überall besonders hör- und sichtbar sind. Die vielen anderen, die türkisch sprechen, sieht man dann eher weniger. Warum? sie machen dasselbe wie die Alanyaner: sie arbeiten.



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