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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Nach Unten getreten

Flüchtlingsfeinde sind nicht nur „neue Asoziale“

Rechte Flüchtlingsfeinde als Asoziale zu bezeichnen kann zwar emotional befriedigend sein, aber es ist auch klassistisch und verzerrt die Sachlage. Eine Replik auf den Huffington-Artikel: „Die neuen Asozialen“. Von Houssam Hamade

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Houssam Hamade © privat, bearb. MiG

VONHoussam Hamade

Der Verfasser ist 1973 geboren, freier Journalist und Autor, sowie im „zweiten Bildungsweg“ Masterstudent der Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität. Neben Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitungen finden sich seine Texte auf der Publikationsplattform Schwarzerschmetterling.net sowie auf seiner Homepage Houssamhamade.net.

DATUM30. Juli 2015

KOMMENTARE8

RESSORTAktuell, Meinung

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In der Huffpost erschien ein Artikel, bei dem es schwer fiel, während des Lesens nicht „Ja“ und „Genau!“ vor sich hin zu jubeln. Es geht darin um „Die neuen Asozialen“, also um die deutschen Pegida- und Sarrazinfreunde, mit denen die Autorin Sabrina Hoffman, zu Recht hart ins Gericht geht. Sie betont das Offensichtliche, dass ein Großteil der Fremdenfeinde, die mit Sarrazin glauben, dass Deutschland durch „Ausländer“ immer dümmer wird, selbst furchtbar dumm, oder besser ignorant sind. Außerdem sind sie herzlos. So schreibt Hoffmann: “Sie sehen nur sich selbst. Und die Probleme, die sie bekommen könnten, wenn eines Tages zu viele Zuwanderer in Deutschland leben. Sie verstehen nicht, was Menschlichkeit ist. Sie stehen mit dem Kopf zur Wand und sehen nur Tapete.“

Das ist sehr schön und treffend gesagt und spricht vielen aus dem Herzen. Der Artikel wurde binnen kurzer Zeit tausende Male auf Facebook geteilt.

Und doch gibt es schwerwiegende Probleme damit. Probleme, die weit verbreitet sind, unter Pegida-Gegnern, und für die der O-Ton des Artikels beispielhaft ist. Zum einen grenzen Inhalt und Sprache des Artikels hart an offenem Klassismus – die Herabsetzung von Menschen auf Grund ihrer Klassen- oder Schichtenzugehörigkeit. Mangelnde Bildung und die Schlechtigkeit des Herzens wird in dem Wort „Die Asozialen“ schon im Titel zusammengebracht. Man kann aber nicht pauschal jeder schlecht gebildeten Person Ignoranz und Hartherzigkeit unterstellen. Das tut Frau Hoffmann zwar so auch nicht, aber sie grenzt sich auch nicht wirklich von solchen Vorstellungen ab. Das wäre aber sinnvoll, denn Klassismus ist ein unterschätztes und zunehmendes Problem. Es vermengt sich oft mit rassistischen Vorstellungen und bildet für sie eine Grundlage. Klassismus bedeutet, dass „Menschen der sogenannten ‚unteren‘ Klassen auf spezifische Art und Weise ausgebeutet, marginalisiert, entmachtet“ werden, „ihre Kultur wird verachtet und sie erfahren Gewalt“, so beschreibt es der Soziologe Andreas Kemper. Im Übrigen hängen zwar verhältnismäßig mehr schlecht gebildete Menschen Pegida-Positionen an, dennoch kommen die meisten Pegidisten aus der Mittelschicht. Rassismus und Ignoranz ist auch und vielleicht vor allem ein Problem der Mitte. Es nur auf „die Unterschicht“ zu schieben, verzerrt die Problemlage.

Dazu ist sehr fraglich, ob die Menschen heute wirklich dümmer sind als früher. Eine umfangreiche Studie belegt, dass die Menschen heute bei Intelligenztests viel besser abschneiden als noch vor hundert Jahren. Aber auch diese Studien werden kritisiert. Generell lässt sich wohl sagen, dass solche pauschalen Verdummungs- oder Verklugungsdiagnosen die gesellschaftliche Realität nicht angemessen wiedergeben. Auch die Autorin des Artikels scheint während des Schreibens unsicher zu werden, schwankt zwischen den Worten Ignoranz (nicht wissen wollen) und Dummheit (nicht wissen können). Letztendlich trifft und formuliert sie das wohl eigentliche Problem: Die Dummen waren noch nie so laut wie heute.

Warum trauen sich die ignoranten Herzlosen heute, lauter zu sein als früher? Warum ist es plötzlich in Ordnung, einfach einmal zu glauben, dass „Ausländer“ dümmer sind als „Deutsche“, während man bei jeder Gelegenheit den eigenen Skeptizismus betont? Es spricht viel dafür, dass Leute wie Sarrazin Wegbereiter dieser Ignoranz und Herzlosigkeit sind. Sarrazin begann mit seinem „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ Dinge zu sagen, die lange nicht wirklich ‚erlaubt‘ waren (weil sie dumm und herzlos sind). Zwar in anderen Worten aber inhaltlich gleich spricht er von überlegenen und unterlegenen Rassen, von der Möglichkeit Intelligenz zu züchten und von sich bedrohlich vermehrenden Kopftuchmädchen. Mit falschen und verdrehten Statistiken machte und macht er den Herzlosen und Ignoranten aller Schichten Mut, die Stimme zu erheben.

Eine weitere Ursache für diese Lauterwerden ist der erstarkende, und insbesondere während der Fußball-WM zelebrierte Patriotismus. Selbstverständlich ist nicht jeder „Patriot“ automatisch rassistisch, aber dieser begünstigt nachweislich fremdenfeindliche Einstellungen.

Insgesamt sollte man also vorsichtig sein, beim Beschimpfen von Pegidisten und Flüchtlingshassern als Asoziale und Dummköpfe. Es ist zwar befriedigend, aber man bereitet damit dem Klassismus den Boden. Auch ist es wichtig zu Erkennen, dass das Erstarken rechter Stimmen ein Problem der „Mitte der Gesellschaft“ ist, und nicht nur der Unterschicht.

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8 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Die Flüchtlingsfeinde sind keine Asozialen, sondern schlichtweg Verfassungsfeinde – gleich welcher Klasse oder Schicht sie angehören –, da sie das im Grundgesetz für die BRD garantierte Grundrecht auf Asyl grundsätzlich ablehnen. Wie die Umsetzung dieses Gesetzes im einzelnen geregelt wird, müssen sie dem Staat überlassen und dürfen dies nicht in die eigene Hand nehmen, wie bspw. durch Brandanschläge auf Unterkünfte für Asylbewerber oder Angriffe auf Personen, denn das ist kriminell.
    Genauso verhält es sich mit der Forderung nach Verhinderung einer angeblichen „Islamisierung“ Deutschlands. Eine Islamisierung kann von außen erfolgen – gleich ob gesteuert oder nicht – oder von innen, indem bspw. gebürtige deutsche Sachsen von ihrem im GG verankerten Recht auf freie Wahl und Ausübung der Religion Gebrauch machen, zum Islam konvertieren und dann ihre neue Religion praktizieren. Auch das ist eine Erscheinungsform von „Islamisierung“.
    Zudem haben Muslime mit bundesdeutscher Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltstitel das Recht, sich in den „Neuen Bundesländern“ niederzulassen, in denen es bisher nur verhältnismäßig wenige muslimische Einwohner gibt. Die Tatsache, daß unter den gegenwärtigen Asylbewerbern verhältnismäßig viele (oder wenige, je nachdem, wie man es sehen will) Personen islamischer Religionsangehörigkeit oder dunklerer Hautfarbe sind, sind Umstände, die man zu akzeptieren hat, wenn man sich zum GG und damit auch zum Grundrecht auf Asyl bekennt.
    Daher kann man die Pegida-Anhänger als Verfassungsfeinde ansehen, und der Rechtsstaat ist gefordert, solche Umtriebe nicht zu dulden. Wo man von Migranten die Absolvierung von Integrationskursen fordert, wäre es vielleicht angebracht, von Pegida-Anhängern die Absolvierung von Umerziehungskursen zu fordern.

  2. DG sagt:

    Herzlichen Dank für diesen wohlüberlegten Artikel!

    Im ersten Moment war ich zwar bereits beim Lesen der Überschrift versucht zu sagen „naja, auf eine Schreibübung aus der Content-Schleuder Huffington zu antworten, das ist ja ganz schön viel Liebesmüh“, aber das wäre wohl auch Klassismus.

    Ansonsten möchte ich nur bekräftigend hinzufügen, dass wir es uns mit den Ismen generell zu leicht machen. Einfach nur „geht gar nicht!“ rufen und die Meinungen ausgrenzen ist zwar bequem, aber die Gesellschaft tatsächlich in Richtung offener, mitfühlender und gerechter Gemeinschaft zu verändern ist ein arbeitsintensiver Prozess voller Begegnungen und Aushandlungen zwischen den unterschiedlichsten Positionen.

  3. Frank sagt:

    Wenn Menschen aus Sorge auf die Straße gehen und friedlich demonstrieren, wie es eben die „Spaziergänger“ in Dresden und anderswo machen, dann nennt man dies Demokratie (auch und gerade dann, wenn der Grund der Demonstration einem als Außenstehenden nicht passen sollte). Daher rate ich der Person karakal, sich selbst einmal die Grundzüge des Deutschen Grundgesetzes beibringen zu lassen. In diesem Sinne.

  4. Martin sagt:

    Das Problem welches ich sehe ist eine Kälte in der Gesellschaft welche auch aktiv gefördert wird, mit dem Argument der Leistungsgesellschaft in der jeder gegen jeden ausgespielt wird von oben nach unten. Natürlich sind gerade Leute die abgehängt sind wütend und ohnmächtig und kanalisieren ihre Wut gegenüber Ausländern denn die kann man fertig machen man hat einen greifbaren Feind . Das System der Ausbeutung lässt sich nicht bekämpfen in den Augen der Menschen. Das sie aber ein Mittel dagegen haben nämlich Wahlen und Proteste aber das wäre mit Aufwand verbunden. Deshalb wird lieber bequem vom Sofa aus gegen Minderheiten gehetzt. Und auch der Mittelstand lässt seine Wut raus da er ja selbst täglich um seinen Job fürchten muss. Und in einer Masse ist das hetzen gleich was ganz anderes, denn es haben ja alle gemacht.

  5. Claus Schlaberg sagt:

    Wahrscheinlich zielt die merkwürdige Rede von ‚Flüchtlingsfeinden‘ auf Kritiker einer ‚Willkommenskultur‘ ab. Solche Kritik braucht selbstverständlich überhaupt nichts mit Rassismus, ‚rechter Hetze‘ oder Herzlosigkeit zu tun zu haben.
    Bei mir beispielsweise ist der Punkt ein völlig anderer – und ich bin damit nicht allein:
    Es ist schlichtweg nicht zutreffend, dass sämtliche Migranten der seit 2015 eingetretenen Migrationswelle durch Not und Perspektivlosigkeit zur Migration nach Mitteleuropa gezwungen wurden. Es haben mehrere Faktoren dazu beigetragen – und das wird leider ständig falsch dargestellt! Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass sich Leute ‚aus Lust und Laune‘ auf den Weg gemacht haben. Ein Faktor ist, dass Migrieren einfacher geworden ist, insbesondere für nicht ganz mittellose Menschen. Zum Beispiel die allgegenwärtigen Smartphones haben die Kommunikation der Betroffenen untereinander und mit Menschen der Zielländer erleichtert. Hinzu kommt, dass u.a. die Politik hierzulande Anreize geschaffen hat. Und es spricht einiges dafür, dass sich dies für die Entwicklung in den Herkunftsländern nicht gerade günstig auswirken wird.
    In dieser Angelegenheit wurde und wird sehr pauschalisiert – man sehe sich einmal diesen Beitrag der ARD an und beachte, wie das Wort „Flucht“ gebraucht wird:
    http://www.tagesschau.de/ausland/rueckkehr-irak-101.html?ref=yfp)
    So pathetisch es klingt: Manche beklagen mangelnden Wahrheitssinn.

  6. Peter Fuchs sagt:

    Lieber Herr Schlaberg,

    zum Thema „Wahrheitssinn“ gibt es vom Autor ebenfalls einen ganz hilfreichen Text. Der interessiert Sie sicher.
    https://www.transform-magazin.de/ohne-luegen-keine-wahrheit/

    Zum anderen: Selbstverständlich muss man nicht unbedingt rassistisch sein, wenn man Sorgen hat und die Flüchtlingspolitik kritisch besprechen möchte. Aber es ist leider sehr oft so. Insofern wäre es hilfreich, wenn sich kluge Besorgte von den rassistischen Besorgten klarer abgrenzen würden. Und zwar mit Hilfe von konkreten Beispielen. Mir ist allerdings nicht klar, was sie meinen. Selbstverständlich wird jede Regel auch missbraucht. Das ist eben so und lässt sich schlicht nicht vermeiden, weil jede Regel wieder andere Löcher bietet. Die andere Wahrheit ist, dass Millionen Menschen in allergrößter Not eben nicht als Flüchtlinge anerkannt werden. Und ganz realistisch gesehen ist das ein viel größeres Problem als die aufgeblasenen Befindlichkeiten mancher Besorgter (das ist nicht beleidigend gemeint. Ich versuche es nur zu sagen, wie es ist).

  7. Claus Schlaberg sagt:

    Lieber Herr Fuchs,
    „Zum Interpretieren der Tatsachen müssen wir verstehen, wie sie sich verändern lassen.“ Das halte ich für Unfug. Man kennt das aus den 68er-Diskussionen, v.a. unter Einfluss Marcuses, in denen gefordert wird, sich nicht durch den Gebrauch einer bestehenden Sprache auf ein Erhalten von Bestehendem festzulegen. Ich muss eine Sprache gebrauchen, um korrekt zu beschreiben. Das schließt nicht aus, dass ich etwas tue, um sie zu verändern. Doch das ist etwas anderes als Beschreiben.
    Beschreiben ist nun für eine Demokratie erforderlich, wenn sie nicht von Veränderungsdrang zerstört werden soll. Dazu zählt die Beschreibung von Migrationsgründen. Wer pauschal offene Grenzen will, müsste auf Sozialversicherung verzichten wollen und einen Weltstaat anstreben (entschuldigung, ich vergaß: das Ende aller Staaten). Es solle keine Perspektiven mehr geben, nur noch die Dritte-Person-Sicht. Das führt jetzt zu weit, aber ich bin sicher, dass das zum Ende des Menschseins führte.
    Wieder ganz heute und hier: Keine Behörde wird durch Interviews Wahrheiten über individuelle Lebensumstände im Nahen Osten ermitteln können. Der Bamf-Skandal war nur ein Symptom.



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