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Der hässliche Deutsche und die menschenfreundlichen Südländer

„Die deutsche Frage ist zurück“ liest man in Blättern wie der New York Times oder der Financial Times! Etwas erschreckend, wie schnell und bereitwillig im Jahr 2015 nationale Vorurteile und Zuschreibungen auf allen Kanälen Konjunktur haben. In den sozialen Medien und in der Boulevardpresse ohnehin. Aber ebenso, wie die verlotterten Griechen nicht nur von der Bildzeitung erfunden wurden, so ziehen jetzt auch die Deutschland Stereotypen durch alle Medien unabhängig von Niveau und Machart.

Eigentlich schon eigenartig zu einer Zeit, in der sich die europäischen Länder in einem historischen Ausmaß durch Migration vermischen. Sicher kann man nachvollziehen, dass manche im deutschen Bestehen auf Einhaltung von Fiskaldisziplin und bestehenden Vereinbarungen ein Überlegenheitsgefühl erspüren und allein schon das Gerede von „nicht gemachten Hausaufgaben“ hat natürlich etwas schrecklich Schulmeisterliches. Trotzdem fragt man sich, mit welcher Politik die deutsche Regierung diese Vorwürfe eigentlich hätte verhindern können. Im Grunde hat sie nichts anderes vertreten, als die große Mehrheit der Europäer für richtig hält. Und sich nun an einzelnen Stilfragen oder Formulierungen hochzuziehen, scheint mir die Dinge etwas umzudrehen: es war vor allem die neue griechische Regierung, die die Nerven ihrer Partner mit uneinlösbaren Wahlversprechen, Unverschämtheiten und irrationalen Kehrtwendungen strapaziert hat.

Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Frage stellen, ob wohl die eingewanderten Deutschen ebenso so hässlich sind wie die „Ur“-Deutschen? Oder ob vielleicht Hoffnung auf mehr Schönheit in der Zukunft besteht, wenn doch jedes zweite Neugeborene in Deutschland einen Immigrationshintergrund hat?

Den Wettbewerbsdruck der globalisierten Wirtschaft jedenfalls können keine Rhetorik und keine wohlmeinenden Politiker oder „Experten“ von Griechenland nehmen. Eine griechische Regierung kann nicht die Regeln der Weltwirtschaft aus den Angeln zu heben. Das war von Anfang an klar und gilt unabhängig davon, ob man diese Regeln schätzt oder nicht.

Es ist wirklich verblüffend, dass die neuen Machthaber in Athen, insbesondere der Ministerpräsident als ihr Anführer, so populär sind wie nie zuvor, obwohl sie von all ihren Versprechen und Ankündigungen überhaupt nichts umsetzen konnten. Vielleicht gibt es ein etwas gestärktes Selbstwertgefühl im Land und das wäre dann tatsächlich ein Erfolg. Rechnerisch und sachlich aber hätte das Ergebnis von sechs Monaten Regierungsarbeit aus griechischer Sicht schlechter nicht sein können. Die Regierung hat einen Fehler nach dem nächsten gemacht, vieles auch inzwischen als Fehleinschätzung eingestanden. Sie hat alle zarten Pflänzchen der wirtschaftlichen Verbesserung vollständig zertreten und damit auch die Chancen auf eine wirklich veränderte Politik von vornherein vertan, weil sie die Situation sowie die Überzeugungen und die politischen Zwänge ihrer europäischen Partner völlig falsch eingeschätzt hat. Vielleicht hätte mit einem innovativen Konzept, das die Situation in den Partnerländern und deren politischen Spielräume angemessen hätte berücksichtigen müssen, ein teilweiser Politikwechsel gelingen können. Mit Arbeitszeitverlängerungen statt Entlassungen und Lohnkürzungen zum Beispiel, mit der Bitte um kostengünstige Unterstützung bei der Beseitigung der staatlichen Organisationdefizite unter griechischer Führung, mit der Streckung von Kreditlinien statt dem ständig propagierten Schuldenschnitt. Stattdessen gab es nur Interviews und Vorträge eines philosophierenden Finanzministers, aus denen nie hervorging, wie es denn nun eigentlich gehen sollte. Trotz allem: Das Volk bejubelt seinen jungen Ministerpräsidenten.

Vielleicht hat es ja recht, das Volk und Herr Tsipras wird noch zu einer großen historischen Figur. Bisher sieht es nicht so aus, als habe er die Krise als Chance erkannt, die vielfältigen Missstände im Land mit Macht anzugehen. Aber manchmal braucht es einen zweiten Anlauf und vielleicht gelingt es ihm noch, dem geschenkten Vertrauen gerecht zu werden. Ein hoffnungsvolles Vorbild könnte er in Indien finden, wo 1991/1992 der seinerzeitige Premierminister Rao und sein Finanzminister Manmohan Singh (der spätere Premierminister) die drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes und die Forderungen des IWF dazu genutzt haben, gegen vielfältigste Widerstände fast handstreichartig das Land zu modernisieren und von einem Teil der erdrückenden Bürokratie und des völlig ausgeuferten Staatssektors zu befreien.

Jedenfalls sollten die Europäer aufhören, sich an der Griechenlandfrage zu entzweien. Das Bild vom hässlichen prinzipienreitenden Deutschen, der die Schwachen demütigt und den menschenfreundlichen Südländern, die auch mal fünfe gerade sein lassen, hält einer sachlichen Überprüfung ohnehin nicht stand. Jedes Land verfolgt seine eigenen Interessen mehr oder weniger hart, da sind die Deutschen keine Ausnahme. Die Alternativen zu den Vorschlägen der Gläubiger hätten von den Griechen kommen müssen und sie sind nicht gekommen: politische Vorträge und weltanschauliche Diskussionen können das Problem nicht lösen. Austerität hin oder her wären zusätzliche Gelder für Griechenland in Europa einfach nicht mehrheitsfähig ohne einen wenigstens halbwegs plausiblen Weg zu einem ausgeglichenen Haushalt. Also blieben nur die Ideen der Geldgeber als Verhandlungsbasis – und was die für den richtigen Weg halten, war ja bekannt!