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Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Google-Maps

Nazis mit Online-Karte gegen Flüchtlinge

Neonazis haben eine interaktive Google-Karte ins Netz gestellt, auf der Flüchtlingsunterkünfte markiert sind. Mit Hilfe dieser Karte sollen Menschen Asylbewerberunterkünfte umgehen können. Die Amadeu Antonio Stiftung vermutet ganz andere Motive hinter dieser Karte.

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Die interaktive Google-Karte zeigt, wo Flüchtlinge in Deutschland leben © Google

Deutschland wird von roten Punkten überflutet: So wirkt es auf der Google-Karte „Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft“. Bei jedem Punkt sollen Flüchtlingsunterkünfte stehen oder gerade geplant werden. Die Karte kursiert prominent in sozialen Netzwerken. „Die Autoren wollen offensichtlich eine große Menge inszenieren“, sagt Robert Lüdecke, Sprecher der demokratiefördernden Amadeu Antonio Stiftung. „Ob große Sammelunterkunft oder Privatwohnung, alle Punkte sind gleich groß. Die Leute sollen erschrecken. Sie sollen denken: Die Flüchtlinge sind ja überall.“

Die Stiftung fordert dazu auf, die Karte bei Google zu melden. „Wir befürchten, dass die Karte eine Art Reiseroute für rassistische Gewalttäter wird. Wir hoffen, dass Google die Karte löscht“, sagt Lüdecke. In den sozialen Netzwerken hatte sich die Karte zunächst durch einen Boykott-Aufruf des politischen Geschäftsführers der Piratenpartei Hessen, Alexander Schnapper, verbreitet. Mit Screenshots erstellte der Internetaktivist eine Anleitung, wie Nutzer die Karte als „unangemessenen Inhalt“ bei Google melden können. „Eine nützliche Technologie wird hier für fremdenfeindliche Motive missbraucht“, sagt Schnapper.

Offen rechtsradikale Formulierungen finden sich in der Legende der Karte nicht. „Wir bejahen den grundsätzlichen Anspruch auf Asyl, lehnen aber Asylmissbrauch kategorisch ab“, heißt es dort unter anderem. Diese Camouflage sei typisch für die Strategie von Neonazis im Internet, erläutert Lüdecke: „Sie agieren als Wolf im Schafspelz. Die Aktivisten verstecken sich oft hinter dem demokratischen Recht auf Information.“

Die Karte ist offenbar schon seit Monaten im Netz zu finden. Dahinter steht laut Legende eine Kampagne gegen „Asylantenheime“. In der Diskussion über Asyl spielt Sprache laut wissenschaftlichen Studien eine große Rolle. Da das Wort „Asylant“ oft abwertend verwendet wurde, wird es seit den 90er Jahren nur noch selten verwendet.

Sie wollten mit der Karte auf einen angeblich drohenden „Volkstod“ hinweisen, teilen die Initiatoren dem Evangelischen Pressedienst mit. Die Aktion solle die „Errichtung solcher Heime“ ganz verhindern oder stören. Die Initiatoren stehen nach eigenen Angaben der Partei „Der III. Weg“ nahe, die in den Verfassungsschutzberichten von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg aus dem Jahr 2014 auftaucht.

Die Partei sei „ideologisch an das Gedankengut der nationalsozialistischen Partei NSDAP“ angelehnt, heißt es in dem NRW-Bericht. Der politische Schwerpunkt liege beim Thema Asylpolitik und habe eine „betont fremdenfeindliche Ausrichtung“. „Der III. Weg“ sei bisher kaum zu Wahlen angetreten und habe 2014 rund 200 Mitglieder gehabt. Die Initiatoren nutzten „den Schutz des Parteienprivilegs, um Neonazis eine Alternativorganisation anzubieten“, heißt es in dem Bericht.

Den Aufruf der Amadeu Antonio Stiftung, die Karte zu melden, hätten zahlreiche Menschen unterstützt, berichtet Lüdecke. „Wir bekommen sehr viele Rückmeldungen. Viele Menschen machen deutlich, dass sie mit der Karte nicht einverstanden sind.“ Auch wenn Google die Karte nun nicht lösche, sei zumindest eine positive Debatte über Flüchtlingsunterkünfte in Gang gekommen.

Das Angebot MyMaps sei eine neutrale Plattform, die man zum Veröffentlichen von geografischen Information nutzen könne, teilt Lena Heuermann, Pressesprecherin von Google Deutschland, auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes mit. „Wir werden selbstverständlich jede Karte entfernen, die gegen unsere Richtlinien verstößt und überprüfen derzeit, ob das hier der Fall ist.“

Dass man eine Karte für diese Thematik auch ganz anders einsetzen kann, zeigt der private Blog wie-kann-ich-helfen.info, den unter anderem Pro Asyl unterstützt. Auf der Seite des Blogs können Internetnutzer Projekte melden, bei denen Flüchtlinge Unterstützung bekommen. Diese Projekte werden dann auf einer Google-Karte eingetragen. Und auch die Amadeu Antonio Stiftung hat eine Karte erstellt: Dort sind fremdenfeindliche Aktionen in Deutschland dokumentiert. Leere Stellen gibt es kaum. (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. aloo masala sagt:

    Im Artikel heißt es:

    „Die [Amadeu Antonio] Stiftung fordert dazu auf, die Karte bei Google zu melden. „Wir befürchten, dass die Karte eine Art Reiseroute für rassistische Gewalttäter wird. Wir hoffen, dass Google die Karte löscht“, sagt Lüdecke.“

    Diese Aussage steht im krassen Widerspruch zum Selbstverständnis der Amadeu Antonio Stiftung, deren erklärtes Ziel laut Webseite darin bestehe, eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken.

    Ein fundamentaler Pfeiler der Demokratie ist das Recht auf Meinungsfreiheit. Die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, beinhaltet somit auch sich für die Meinungsfreiheit stark zu machen. Was das bedeutet, brachte der emeritierte Linguistiker Noam Chomsky auf den Punkt:

    „Wenn wir nicht an die Meinungsfreiheit von Leuten glauben, die wir verachten, dann gilt sie grundsätzlich nicht.“

    Die perfide und verachtenswerte Karten-Aktion der Asylgegner ist ein legitimer Akt der Meinungsäußerung und hat den Charakter einer Demonstration. Die Meinungsäußerung ist legitim, weil sie keinen Aufruf zu Gewalttaten beinhaltet. Unliebsame Meinungen mit dem Verweis auf mögliche Gewalttaten zu unterdrücken zeugt nicht vom Willen die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, sondern von einer faschistischen Ideologie, die nur bestimmte Meinungen innerhalb der ideologisch akzeptierten Schranken zulassen möchte. Das ist etwa das Verständnis von Meinungsfreiheit von Mussolini, Hitler und Stalin. Sie waren auch für Meinungsfreiheit, aber nur für die Sichtweisen, die ihnen gefielen und ihrer ideologischen Sichtweise entsprachen.

    Die Forderung der Amadeu Antonio Stiftung ist eine demokratische Bankrotterklärung, die von Phantasielosigkeit zeugt, sie löst kein Problem und überzeugt keinen Nazi und Rassisten. Benjamin Maack von Spiegel Online zeigt, wie man kreativer und vor allem demokratischer auf die dumpfe Aktion der Asylgegner hätte reagieren können. Der Link ist hier:

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/google-fluechtlingskarte-loeschen-hilft-nicht-kommentar-a-1044064.html

    PS: Grundsätzlich ist die Meinungsfreiheit ein Schutz der Bürger gegen Eingriffe des Staats. Doch das Grundgesetz, insbesondere auch die Meinungsfreiheit wird als ein „Wertesystem“ betrachtet, das seinen Mittelpunkt in der sich innerhalb der sozialen Gemeinschaft frei entfaltenden menschlichen Persönlichkeit finde.

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