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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Ein Fuß in den Arbeitsmarkt

Europaweite Anerkennung non- und informeller Kompetenzen

Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist inzwischen möglich. Was aber, wenn der Einwanderer keine formelle Ausbildung absolviert hat, aber über sehr gute Kompetenzen und langjährige Erfahrung verfügt? Für solche Fälle hat ein Forscherteam ein Schema entwickelt.

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Ausländische Hochschulabschlüsse © mauritsreijnoudt @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONRoman Lietz

Roman Lietz war von März 2014 bis April 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter im DIVERSE-Projekt an der Karlshochschule International University. Derzeit ist er akademischer Mitarbeiter an der Hochschule Karlsruhe und promoviert im Fachgebiet Interkulturelle Wirtschaftskommunikation (Universität Jena)

DATUM16. Juli 2015

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RESSORTAktuell, Wirtschaft

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Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Im Europäischen Vergleich steht Deutschland damit sehr weit vorne, wie eine jüngste Studie im Rahmen des EU-Projekts DIVERSE in Koordination des WWELL Research Centre der Katholischen Universität Mailand herausgefunden hat.

Doch wie sieht es mit der Anerkennung non- und informeller Kompetenzen aus? Zahlreiche Einwanderer verfügen über Kompetenzen, die teilweise dringend auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden, doch sie können diese nicht zur Anwendung bringen, da Ihnen der Nachweis für die formale Berufs- oder Ausbildungsqualifikation fehlt. Wie kann zum Beispiel eine tunesische Frau, die zehn Jahre in einem Familienbetrieb als Bäckerin gearbeitet hat, aber nie eine Ausbildungsbank gedrückt hat und keinen Berufsabschluss vorzeigen kann, nachweisen, dass sie über die entsprechenden Kompetenzen verfügt?

Unter anderem diesem Thema widmete sich ein Forschungsteam an der Karlshochschule International University (Karlsruhe) als deutscher Verbundpartner im oben genannten EU-Projekt. Herausgekommen ist ein Audit-Schema, welches non- und informelle Kompetenzen einer Anerkennung zuführt. Wesentlich ist dabei die Verwendung von so genannten Lernergebniseinheiten. Ein Katalog der Lernergebniseinheiten wurde bereits für viele Berufe europaweit definiert. Es handelt sich dabei um kleinteilig beschriebene, kompetenzbasierte Aufgaben, die innerhalb eines Berufs erfüllt werden müssen. Im Falle eines Bäckers sind dieses beispielsweise die Kalkulation von Preisen und Dienstleistungen oder die Entwicklung von Rezepturen und Produktionsmethoden für Backwaren.

Gemäß dem an der Karlshochschule entworfenen Vorschlag für ein Audit-Schema werden diese Lernergebniseinheiten einzeln geprüft. Abschließend erhält der Kandidat ein Zertifikat über die Prüfungen, wodurch bislang non-formale Kompetenzen formalisiert werden. Dieses erfordert allerdings ein Umdenken: Wesentlich ist nicht mehr wo und wie lange eine Person gelernt hat, sondern über welche Kompetenzen eine Person verfügt, unabhängig davon, ob diese formal oder informelle erworben wurden.

Natürlich ist die Prüfung non-formaler und informeller Kompetenzen aufwändiger und kostspieliger als das derzeitige Verfahren für die Anerkennung formaler Abschlüsse, bei dem meistens einfach die Curricula der ausländischen und der deutschen Ausbildungen nebeneinander gelegt werden. Das Forschungsteam der Karlshochschule macht auch hier einen Vorschlag zur gerechten und sozialverträglichen Finanzierung des Anerkennungsverfahrens, indem es die Entwicklung nachfolgender und einkommensabhängiger Verfahrensgebühren empfiehlt. Damit werden die größten Profiteure des Anerkennungsverfahrens stärker belastet und das Risiko für den einzelnen Antragsteller wird minimiert.

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2 Kommentare
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  1. Han Yen sagt:

    Ein Schritt in die richtige Richtung, aber wie immer fehlt den weißen Forschern das richtige ökonomische Verständnis für das Phänomen der transnationalen Diaspora Ökonomie.

    Ein Beispiel zur Illustration: das Phänomen der vietnamesischen Nagelstudios wurde durch transnationale Wissensnetzwerke zwischen USA und Europa generiert. Das Auswanderungsland Vietnam war nicht involviert. In den Nagelstudios wird Learning by doing praktiziert – ein Meisterbrief wird nicht gebraucht, daher funktioniert das.

    Analoge Tatsachen lassen sich für Ethnofood Branche, schwarze Musikstile oder Salsa Studios, Yoga Studios … feststellen. Diaspora Kultur hat nie besonders viel zu tun mit der Kultur des Auswanderungsland, sondern immer wesentlich mehr mit den Geschmäckern der Dominanz Gesellschaft. Multikulturalismus als ursprünglich weiße angelsächsische Ideologie hat es sehr lange geschafft Ursprungsmythen zu erzeugen, die anschlußfähig sind an den rechten Ethnopluralismus. Einwander wußten schon immer, dass sie eine innovative translokale sozio-kulturelle Formation sind.

    Informelles Learning by doing vergrößert natürlich das Bruttonationalprodukt, weil die Beschäftigten dann produktiver werden. Die Anerkennung von Qualifikationen erzeugt aber eine weitere Segregation auf dem Arbeitsmarkt zwischen denen, die Glück hatten in ein solches Programm hinein zu kommen und solchen, die es nicht konnten. Im Falle eines überlaufenden Marktes z.B. Kebab Buden wäre eine Abschottung durch Qualifizierungshürden sinnvoll, damit nicht die Profite und die Lohnsumme in der Branche zu weit absinken. In anderen Branchen schädigt man eher die Konsumentenrendite, die Lohnsumme und die Fiskalströme aus diesen Märkten.

    Die BRD hat immer noch ein Einnahmeproblem, weil sie es erlaubt dass transnationale Firmen Star Bucks, Amazon, Google, SAP, Deutsche Bank, sich durch Steueroptimierung über Steueroasen arm rechnen und sich vor ihren gerechten Anteil an der Steuerlast drücken. Die Folgen dieser Politik trägt dann eine andere transnationale Institution – die transnationale Familie – die über Einkommenssteuer, Verbrauchssteuer und Grundsteuer bereits anteilsmäßig die Steuerlast in den Einwanderungsländern in übertriebender Weise mitträgt und zusätzlich über Verbrauchsteuern und Grunderwerbssteuern den steuerflüchtigen transnationalen Konzernen die Infrastruktur für den Abtransport von Rohstoffen und Halbfertigprodukte und billigen Massenkonsum in den Auswanderungsländern bezahlt.

    Deutsche Steuerpolitik wird systematisch von den Norwegern, Briten, Schweizern, Niederländern, Liechtenstein und Luxemburg behindert, die Onshore-Offshore Konzern Konstruktionen mit der Involvierung von Steueroasen rechtlich möglich gemacht haben. Deutsche Banken, Versicherungen, Kanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben da ebenfalls ihre Hände im Spiel.

    White Collar Crime ist kein Kavaliersdelikt, und sollte eigentlich als Ausländerkriminalität sichtbar gemacht werden. Denn das ist die Sorte Ausländerkriminalität im Inland und auf den Steueroasen, die uns wirklich schädigt. Weiße Ausländerkriminalität ist unsichtbar gemacht worden durch Politik und Medien.

    Der deutsche Rassismus trifft dann aber nicht weiße Einwanderer aus der EU, die nachgewiesender Maßen die Wählerbasis für diese Art Steuerpolitik in den Auswanderungsstaaten waren, die den deutschen Fiskus schädigen, sondern ironischerweise die postkolonialen Einwanderern, deren Arbeits- und Konsumverhalten der deutschen Exportindustrie die Infrastruktur bezahlt in den Ein- und Auswanderungsländern. EU Einwanderer werden sogar Vorrechte gewährt. Ebenso sind die Kindergärten, Bibliotheken, Schulen der alteingesessenen Minderheiten z.B. deutsche Dänen … weiterhin intakt, während die mit der Dominanzgesellschaft geteilten öffentlichen Bibliotheken für die transnationalen Minderheiten durch Schließung weg fallen. Transnationalen Minderheiten wird immer noch mit dem Multikulti Keule rassifiziert, obwohl eigentlich nur bei den alteingesessenen Minderheiten (siehe Förderalistische Union Europäischer Volksgruppen) von staatllichen Multikulturalismus gesprochen werden kann.

  2. Marco sagt:

    Sehr geehrter Autor,

    im Artikel steht „Natürlich ist die Prüfung non-formaler und informeller Kompetenzen aufwändiger und kostspieliger als das derzeitige Verfahren“. Man kann auch genau andersrum argumentieren: Das derzeitige Verfahren ist aufwändiger, weil z.Z. jeder Arbeitgeber bei jedem Bewerber/jeder Bewerberin einzeln die informellen Kompetenzen neu prüfen muss, oder ihn erst gar nicht einstellt, weil ihm genau dieses prüfen zu teuer und zeitaufwändig ist. Insofern vermute ich, dass das von Ihnen beschriebene Verfahren letztendlich Kosten spart, weil es Mindeststandards zertifiziert. Genau wie ein Hauptschulabschlss, ein Gesellenbrief oder ein Hochschulabschluss.



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