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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

In einem Goethe-Institut

Selektion unter dem Integrationsparadigma

Der Sprachnachweis für nachziehende Ehegatten steht seit seiner Einführung 2007 in der Kritik. Trotzdem hält die Bundesregierung daran fest – als Integrationsmaßnahme. Die Realität in einem Goethe-Institut zeigt aber etwas ganz anderes: Beim Sprachnachweis geht es um Selektion von Menschen.

Goethe-Institut, Porto Alegre, Sprache, Deutsch, Deutschland
Ein Goethe-Institut in Porto Alegre © Jaan-Cornelius K. @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMiriam Gutekunst

 Selektion unter dem Integrationsparadigma
Miriam Gutekunst ist Kulturanthropologin und lebt in München. Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie in Marokko zur Bedeutung von Liebe und Heirat im Kontext des Europäischen Grenzregimes. Ihre Schwerpunkte sind kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, postkoloniale Theorie und Gender Studies. Mit KollegInnen hat sie ein neues Onlinemagazin an der Schnittstelle von Kulturanthropologie und Journalismus gegründet: Transformations.

DATUM9. Juli 2015

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RESSORTLeitartikel, Meinung, Politik

QUELLE Eine länger Fassung dieses Beitrags wurde bereits veröffentlicht in: movements - Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung.

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Es würden auch immer wieder Analphabetinnen kommen, berichtet mir außerdem eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts. Oft würden sie am Anfang nicht sagen, dass sie nicht lesen und schreiben können, fingen den Kurs trotzdem an und müssten dann irgendwann abbrechen. Dem wird nun vorgebeugt: Es wurde ein Formular eingeführt, dass bei der Anmeldung auf Französisch, also in lateinischer Schrift, ausgefüllt werden muss. Wer dazu nicht in der Lage ist, kann sich nicht einschreiben und muss sich selbst darum kümmern, das Alphabet zu lernen.

Auch Siham hatte sich zunächst im Goethe-Institut eingeschrieben. Das Formular gab es damals noch nicht und so saß sie für einige Sitzungen in einem Kurs, zusammen mit TeilnehmerInnen, von denen einige sogar studiert hatten, was sie sehr unter Druck setzte. Von einer anderen Deutschlehrerin habe ich erfahren, dass eine hinsichtlich dem Bildungshintergrund so durchmischte Gruppe durchaus funktionieren kann, da die Solidarität meistens sehr stark ist und auch Nicht-Alphabetisierte Qualitäten mitbringen, von denen andere profitieren können. Zum Beispiel hatte sie die Erfahrung gemacht, dass wer nicht alphabetisiert ist, ein sehr ausgeprägtes Gedächtnis hat und Sprache vor allem über Bilder lernt. Wer ohne Lesen und Schreiben zu können durchs Leben geht, muss sich anderweitig helfen. Doch Sihams Lehrer war streng mit ihr und schon nach kurzer Zeit bat er sie den Kurs zu verlassen und in einer anderen Institution das Alphabet zu lernen. Sie hatte Glück, sie fand eine kleine private Sprachschule, auch in Casablanca, wo ein ehemaliger Lehrer des Goethe-Instituts mit viel Erfahrung und Geduld Frauen und Männern wie Siham das Alphabet beibringt und sie auf die „Start Deutsch 1“-Prüfung vorbereitet. Neben dieser Schule konnte ich keine andere Institution in Casablanca oder Rabat ausfindig machen, in der die Alphabetisierung in deutscher Sprache angeboten wird. Wird der Alphabetisierungskurs zum Beispiel im Institut français, dem französischen Kulturinstitut, gemacht, müssen die TeilnehmerInnen dieser Kurse, die einen Deutschtest auf A1-Niveau bestehen müssen, anschließend trotzdem wieder in der deutschen Sprache bei Null beginnen, was doppelte Kosten verursacht. Die Professorin und Übersetzerin Rachida Zoubid, die auch Rechtsberatung für Menschen anbietet, die zu ihrem Partner oder ihrer Partnerin nach Deutschland ziehen wollen, hat mir von vielen Fällen von Nicht-Alphabetisierten erzählt, die in Deutschland verheiratet sind, aber nicht ausreisen können, weil sie nicht lesen und schreiben und so die Sprachprüfung nicht ablegen können. Bei meinen ersten Forschungen in Tanger habe ich zwei Frauen getroffen, die nie zur Schule gegangen sind. Beide hatten einen Privatlehrer, um das Alphabet zu lernen. Bei einer der beiden Frauen, die zu diesem Zeitpunkt mit einem Österreicher verheiratet war, war ich einige Male beim Unterricht dabei. Ich saß neben ihr, als sie Buchstabe für Buchstabe übte, und konnte so ansatzweise verstehen, was es für eine Ende-Zwanzig-Jährige, die noch nie einen Stift in der Hand gehalten hat, die nie eine Fremdsprache gelernt hat, die nur Darija – den marokkanischen Dialekt – spricht und selbst in ihrer Muttersprache nicht alphabetisiert ist, was es für sie bedeutet, nun Deutsch lesen, schreiben und sprechen zu lernen. Nach einigen Wochen gab sie auf. Eines Tages die Prüfung zu bestehen lag für sie in zu weiter Ferne. Außerdem fand sie keine familiäre Unterstützung für dieses Ziel und musste wieder arbeiten gehen. LehrerInnen des Goethe-Instituts und von anderen Sprachschulen, die mit Nicht-Alphabetisierten gearbeitet haben, haben mir von ihren Schwierigkeiten berichtet, sich an das Format des Unterrichts zu gewöhnen, sich drei Stunden lang zu konzentrieren, geprüft zu werden und von einer enorme Prüfungsangst. Es hätte sogar Fälle gegeben, in denen die Frau nach der Prüfung ihren Mann angerufen hätte, um ihm mitzuteilen, dass sie es nicht geschafft hätte, woraufhin er direkt die Scheidung eingefordert hätte.

Es ist nicht möglich eine Statistik anzufertigen, wie groß der Anteil an Personen ist, die zu ihrem Partner oder ihrer Partnerin ausreisen möchten, es aber nicht können, weil sie den Sprachnachweis nicht erbringen können. Es ist auch schwierig festzustellen, wie lange sie im Schnitt die Sprache erlernen, wie oft sie die Prüfung wiederholen oder wie viele die Prüfung nie antreten. Trotzdem zeigen die Fallbeispiele, dass viele Menschen aufgrund des Sprachnachweises daran gehindert werden, zu ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu ziehen. Verglichen mit den Alphabetisierungsraten in Marokko ist dies keine Überraschung: Diese lag 2012 bei 67.1 %. Fast ein Drittel der marokkanischen Bevölkerung ist also nicht alphabetisiert und diese Zahlen beziehen sich auf die Alphabetisierung in arabischer Schrift. Unter den marokkanischen Frauen zwischen 15 und 24 liegt die Alphabetisierungsrate bei 74 % und bei den Männern in diesem Alter bei 88.8 %.

Durch den Sprachnachweis im Kontext des „Ehegattennachzugs“ findet eine Selektion statt. Das Erlernen der deutschen Sprache als Bedingung, um nach Deutschland einzureisen, ermöglicht es, dass bestimmte Menschen, die innerhalb des neoliberalen Migrationsregimes als „unbrauchbar“ und „unproduktiv“ kategorisiert werden, von der Einreise abgehalten werden. Auf einer Tagung des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften (iaf e.V.) und der Türkischen Gemeinde in Deutschland am 25. September 2008 in Berlin sprach der damalige innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag Dr. Hans-Peter Uhl klare Worte: „Wollen Sie die Masseneinwanderung von Analphabeten?“ Es gäbe ein „nationales Interesse, keine Analphabeten in Deutschland zu haben“.

Trotzdem wird in den aktuellen Debatten um den Ehegattennachzug immer wieder das Argument der Integration angebracht. Das Konzept der Integration wird dabei zwar auf unterschiedlichste Weise von verschiedenen Akteuren definiert und interpretiert – immer jedoch im Sinne des Integrationsparadigmas und als Defizitunterstellung gegenüber MigrantInnen. Im Kontext des „Ehegattennachzugs“ ist die größte Angst, dass die MigrantInnen „unter sich“ bleiben – im Falle Marokkos in der muslimisch-arabischen Gemeinschaft, im Falle der Frauen auch noch zu Hause. Hier wird Integration der Vorstellung von „Parallelgesellschaften“ entgegengestellt. Dass Sprache das Leben in einem anderen Land erleichtert, steht nicht zur Diskussion. Aber dass ein bestimmtes Sprachniveau bereits vor der Einreise erreicht werden muss und Bedingung für das Visum ist, deutet auf andere Ziele hin als das der „Integration“: Hier geht es um eine Vorsortierung entsprechend des ökonomischen Potentials und der Wettbewerbsfähigkeit von MigrantInnen am Arbeitsmarkt.

Das „Gebot der Nützlichkeit“ hat spätestens seit der Einführung der Green Card durch den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang 2000 wieder Einzug in die Migrationspolitik erhalten und zieht sich durch unterschiedlichste Initiativen, auch auf EU-Ebene. Wer Abitur gemacht, vielleicht sogar studiert, bereits andere Fremdsprachen gelernt hat und sowohl die arabische als auch die lateinische Schrift beherrscht (und das trifft bei vielen jungen Menschen in Marokko zu), wird keine Probleme haben, die „Start Deutsch 1“-Prüfung beim ersten Mal zu bestehen. Wer dann auch noch in Casablanca oder Rabat und Umgebung lebt und ausreichend finanzielle Mittel hat, kann sich sogar den umfangreichen „Vorintegrationskurs“ beim Goethe-Institut leisten, wo die Erfolgsquote in der Prüfung bei über 90 % liegt. Aber für jemanden, der nicht alphabetisiert ist, wie Siham, bedeutet der Sprachnachweis vor allem, noch länger von ihrem Mann getrennt zu leben. Wenn Siham endlich in Deutschland ist, möchte sie auf jeden Fall zu Hause bleiben: den Haushalt machen, ein Baby bekommen, sich um ihren Mann und dessen Mutter kümmern, die im selben Haus lebt. Das Gehalt ihres Mannes reiche für beide zum Leben, erklärt sie mir. Sie ist überzeugt: Wenn sie erst in Deutschland ist bei ihrer „deutschen“ Familie, wird sie auch schnell die Sprache lernen. Die Erfordernis des Sprachnachweises ändert nichts an ihrem Lebenskonzept Hausfrau und Mutter zu sein.

*Namen geändert.

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2 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Die Erfordernis von Deutschkenntnis vor der Erteilung eines Visums für den Ehegattennachzug und was dies in den Heimatländern der Betroffenen zur Folge hat, ist wirklich kraß. Eine Sprache erlernt man am besten, wenn der Sprachkurs in demjenigen Land abgehalten wird, in dem die jeweilige Sprache gesprochen wird, weil er Lernende dann dazu genötigt ist, das Gelernte in der Praxis anzuwenden und damit zu festigen.
    Die meisten verwechseln Integration, nämlich die unversehrte Aufnahme eines neuen Teils in ein bestehendes Ganzes, mit Assimilation, der Angleichung unter Aufgabe wesentlicher Eigenheiten. Die Deutschlehrer sollten so ehrlich sein, ihren Schülern /-innen nicht zu verschweigen, daß in der BRD von den Einwanderern Assimilation anstatt Integration erwartet wird, während viele Deutsche selbst integrationsunwillig sind, und daß dort insbesondere muslimische Frauen auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden, ansonsten Menschen ausländischer Herkunft allein schon auf Grund ihrer Hautfarbe und ihres Familiennamens.

  2. Mike sagt:

    Einem anderen Artikel von Migazin zufolge sind selbst dem EuGH zufolge Sprachteste unter bestimmten Voraussetzungen zulässig so what?



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