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Migranten unter der Lupe

Je durchmischter der Stadtteil, desto höher der Bruttolohn

Einer aktuellen Studie zufolge wirkt sich die Zusammensetzung eines Wohnumfelds auch auf die Löhne von Migranten aus. Je höher dort die Quote von Einwanderern gleicher Herkunft ist, desto niedriger sei der Bruttolohn des Einzelnen. Unumstritten sind diese Befunde aber nicht.

Migranten, die in Deutschland mit vielen Menschen aus ihrer Herkunftsregion zusammenleben, verdienen weniger und gehen mit geringerer Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung nach als Zuwanderer, die in durchmischten Stadtteilen leben. Das hat eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen ergeben. „Das Leben in einer solchen Enklave bringt für ihre Bewohner langfristig wirtschaftliche Nachteile“, bilanziert das Institut. Doch das ist in der Forschung umstritten.

Die Wissenschaftler haben Daten von knapp 2.400 Personen ausgewertet. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Einwanderer der ersten Generation, die im Durchschnitt bereits fast 25 Jahre in Deutschland lebten. Den höchsten Anteil an der Stichprobe hatten Migranten aus der Türkei und Osteuropa, die kleinsten Gruppen stammten aus Griechenland, dem Nahen Osten und Asien.

Laut der Untersuchung wirkt sich die Zusammensetzung eines Wohnumfelds auch auf die Löhne aus. Je höher dort die Quote von Einwanderern gleicher Herkunft ist, desto niedriger sei der Bruttolohn des Einzelnen: „Mit jedem zusätzlichen Prozentpunkt des Anteils der entsprechenden Ethnie nimmt er um fast drei Prozent ab. Das entspricht durchschnittlich mehr als 60 Euro monatlich.“ Dabei gebe es nur geringe Unterschiede zwischen den verschiedenen Herkunftsländern, betonen die Forscher.

Effekte hat der „ethnische Cluster“ auch auf die Beschäftigungswahrscheinlichkeit: Sie sinke, wenn der Anteil von Menschen aus dem gleichen Herkunftsland in der Nachbarschaft hoch sei. Aber: „Eine Ausnahme scheinen Einwanderer aus Westeuropa zu sein, sie profitierten offenbar vom Zusammenleben mit Menschen gleicher Herkunft.“

Die Studie gebe erstmals Hinweise darauf, dass das Leben in Stadtteilen mit Menschen aus dem gleichen Herkunftsland ein Grund dafür sein könnte, dass Einwanderer selbst bei gleichem Bildungsniveau durchschnittlich weniger verdienen als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Das Leben unter Menschen aus gleichen Herkunftsstaaten führe langfristig offenbar zu Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt, resümiert das RWI.

Andreas Hieronymus, Geschäftsführer des Instituts für Migrations- und Rassismusforschung in Hamburg, kritisiert diese Schlussfolgerungen. Er verweist auf die Fallstricke bei der Datenerhebung nach ethnischen Kriterien.

„Aus einer neuen qualitativen Untersuchung in Berlin wissen wir, dass nicht die ethnische Isolation Ursache für die geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt ist, sondern eher eine Folge davon.“ Seine Studie der Open Society Foundation namens „White Working Class in Berlin“ betrachtet die ökonomische, soziale, politische und kulturelle Partizipation im Ostberliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf.

Hieronymus bemängelt zudem die Datengrundlage der RWI-Studie. In Deutschland gebe es den „Ausländer“ und inzwischen den Menschen mit „Migrationshintergrund“, der aber je nach Statistik und nach Bundesland unterschiedlich definiert sei: „Die Studie verwundert, weil es in Deutschland keine ‚ethnische‘ Datenerhebung gibt, die Studie aber die Auswirkungen der Ethnienzusammensetzung eines Wohnumfelds auf die Löhne zu untersuchen verspricht.“

Die RWI-Erhebung konstruiere Obergruppen, bei denen sich die Frage stelle, ob es sich dabei um „ethnische Gemeinschaften“ handelt. So bekämen etwa Italien, Griechenland und die Türkei ihre je eigene Ethnie, während Länder in Mittel- und Südamerika als eine Ethnie zusammengefasst würden. Die Gruppe „Islam“ umfasse Teile des Nahen Ostens, der Subsahara, des Maghreb und Pakistans, aber nicht die Türkei und auch nicht Indien, das die größere muslimische Bevölkerung habe, kritisiert der Migrationsexperte.

Es bedürfe „einer gesellschaftlichen Debatte um Partizipationsdaten jenseits des Migrationshintergrunds“, fordert Hieronymus. Nur so könnten wissenschaftlich gesicherte Aussagen über Diskriminierungsprozesse gemacht werden. Erfreulicherweise gebe es inzwischen in der Wissenschaft wie auch in den Ministerien einen „zaghaften Beginn einer Diskussion“ darüber. Es gehe darum, wie verlässlich Partizipationsdaten erhoben werden können, statt vermeintliche Ethnizitäten zu konstruieren. (epd/mig)