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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

RAMSA Präsidentin Durmaz

Wir brauchen funktionierende Strukturen gegen antimuslimischen Rassismus.

Heute vor sechs Jahren wurde Marwa El-Sherbini vor dem Landgericht Dresden aus islamfeindlichen Motiven heraus ermordet. Der Rat muslimischer Studierender und Akademiker hat diesen Tag zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ ausgerufen. MiGAZIN sprach mir der Präsidentin Hatice Durmaz.

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Präsidentin des Rates muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA), Hatice Durmaz © privat, bearb. MiG

MiGAZIN: RAMSA hat den 1. Juli zum „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“ ausgerufen. Warum?

Hatice Durmaz: Anlass für die Initiierung des Aktionstages war der Mord an Marwa El-Sherbini, bzw. der fünfte Todestag im Jahr 2014. Am 1. Juli 2009 wurde die Pharmazeutin Marwa El-Sherbini und ihr ungeborenes Kind vor dem Landgericht Dresden aus islamfeindlichen Motiven heraus ermordet. Es gab kaum Reaktionen auf dieses Verbrechen. Die späte und spärliche Berichterstattung zum antimuslimischen Motiv und fehlende Teilhabe in der Öffentlichkeit und der Regierung führte dann tatsächlich zur Unsicherheit und Angst unter den Muslimen. Der ehemalige Generalsekretär des Zentralrates der Juden Stephan Kramer hat es damals auf den Punkt gebracht: ‚Der Mord an Marwa El-Sherbini ist das Ergebnis der beinahe ungehinderten Hasspropaganda gegen Muslime von den extremistischen Rändern der Gesellschaft bis hin in deren Mitte.‘

Was hat sich getan seit der Ermordung von El-Sherbini?

Durmaz: Die Ideologie und der Hass, die den Nährboden für Verbrechen wie den Mord an Marwa El-Sherbini liefert, ist nach wie vor eine große Gefahr. Der Anstieg von Übergriffen und Anschlägen auf muslimische Einrichtungen und Moscheen haben immens zugenommen, allein im Jahr 2014 wurden 45 Anschläge registriert, innerhalb von einem Monat wurden 3 Moscheen in Brand gesetzt. Schmierereien und Sachbeschädigungen, Schändungen mit Schlachtabfällen oder Fäkalien bis hin zu Drohbriefe und Brandanschlägen. Noch vor wenigen Tagen gab es in München einen Anschlag auf eine Moschee.

Zur Person: Hatice Durmaz ist Kölnerin, Historikerin und Sozialmanagerin. Seit April 2014 ist sie Präsidentin des Rates muslimischer Studierender und Akademiker (RAMSA).

Angriffe auf Muslime, vor allem Frauen mit Kopftuch sind keine Ausnahmen mehr. Vor zwei Monaten wurde ein Mitglied der örtlichen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern, eine muslimische Studentin (mit Kopftuch), physisch angegriffen. Die Situation ist sehr besorgniserregend. Das alles unterstreicht die Notwendigkeit, dringend auf den sich verbreitenden antimuslimischen Rassismus zu reagieren.

Was erhoffen Sie sich von dem Tag gegen antimuslimischen Rassismus?

Durmaz: Das erste Aktionsjahr war aus unserer Sicht ein großer Erfolg. Zahlreiche Organisationen und Einzelpersonen haben die Initiative unterstützt, hunderte Menschen verschiedenen Glaubens aus ganz Deutschland haben sich an unserer Onlineaktion beteiligt. In verschiedenen Universitäten wurden Veranstaltungen angeboten. In sozialen Netzwerken fand eine Fotoaktion mit Slogans gegen Rassismus und antimuslimischen Rassismus statt. Dadurch entstand sowohl eine innermuslimische als auch allgemeine Diskussion um das Phänomen und den Umgang damit. Das ist gut und notwendig. Uns war und ist es auch wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Es gab allerdings auch hasserfüllte und menschenverachtende Angriffe von antimuslimisch und antisemitisch gesinnten Menschen. Es fiel auf, dass insbesondere die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg Menschenfeinden ein Dorn im Auge ist.

Was macht Ihnen in diesem Kontext besonders Angst?

„Wenn eine Frau sexuell belästigt wird, muss sie Vertrauen in funktionierende Strukturen haben, die diese Belästigung ernst nehmen, auffangen und bekämpfen. Bei antimuslimischem Rassismus ist es nicht anders.“

Durmaz: Es ist auffällig, dass das Bewusstsein für den antimuslimischen Rassismus in der breiten Gesellschaft nicht existiert. Inzwischen sind Diskriminierungen so selbstverständlich, dass sie gar nicht wahrgenommen werden. Ein weiteres Problem ist: Wer über Rassismus und Diskriminierung spricht, begebe sich in eine bequeme Opferhaltung. Schon die einfache Benennung von Fakten ist problematisch und lässt Betroffene oftmals resignieren. Sehen Sie: Wenn eine Frau sexuell belästigt wird, muss sie Vertrauen in funktionierende Strukturen haben, die diese Belästigung ernst nehmen, auffangen und bekämpfen. Bei antimuslimischem Rassismus ist es nicht anders.

Hinzu kommt, dass die sogenannte Islamkritik – unter dem Deckmantel der Islamfeindlichkeit – salonfähig geworden ist. Islamfeindlichkeit wendet sich auch gegen Menschen, die sich gar nicht oder nicht in erster Linie als Muslime verstehen, aber als solche angesehen werden. Verhaltensweisen einzelner oder soziale Phänomene, die ganz andere Ursprünge haben, werden als religiös-kulturelle deklariert und somit verallgemeinert. Die Anzahl der immer ansteigenden Islamexperten und Islamkritikern fördern weder den Dialog noch die Begegnung oder den Frieden. Vielmehr gefährden sie durch ihre unsachliche und undifferenzierte Herangehensweise unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Selbstverständlich müssen Muslime Kritik einstecken können und sie sollten auch selbstkritisch sein. Was aber unter dem Deckmantel der Islamkritik inzwischen daherkommt, ist etwas ganz anderes.

Welche Akteure sind mit am meisten verantwortlich für die steigende Islamfeindlichkeit?

Durmaz: Natürlich spielt die undifferenzierte mediale Berichterstattung über die Muslime eine große Rolle. Sie wirken in die Gesellschaft meinungsbildend hinein. Die Bilder und Informationen aus den Medien beeinflussen die Entwicklung von politischen Einstellungen und Ideologien. Und das hat eine Wirkung auf unsere Wahrnehmung. Denken wir da zum Beispiel an sprachliche Stereotypen.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen auch inzwischen populäre „Islamkritiker“. Sie dürfen ihre teilweise volksverhetzende Meinungen öffentlich kundtun. Das wirkt meinungsbildend. Es senkt die Hemmschwelle, muslimisch aussehende Menschen verbal und physisch zu attackieren.

Aber auch Politiker etablierter Parteien, die undifferenziert über den Islam und die Muslime urteilen, spielen eine wichtige Rolle. Und weil sie Vertrauen genießen, ist die Wirkkraft ihrer Aussage besonders groß.

Ist Ihre Organisation auch in anderen Feldern des Rassismus aktiv?

Durmaz: Wir arbeiten das ganze Jahr gegen Rassismus, aber an einem solchen Tag wird diese Arbeit natürlich viel mehr und bewusster wahrgenommen. Wir sind eine eingetragene Beratungsstelle der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wir organisieren und unterstützen die Teilnahme unserer Mitgliedshochschulgruppen sowohl an lokalen Aktionen und Initiativen als auch an bundesweiten wie zum Beispiel die internationalen Wochen gegen Rassismus. Darüber hinaus sind wir seit der Gründung nicht nur im muslimisch-christlichen, sondern gerade auch im muslimisch-jüdischen Dialog aktiv, durch den wir uns auch für die Bekämpfung des Antisemitismus einsetzen. Wir sind auch sehr engagiert, über ethnische Grenzen hinweg. Vor allem hier haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

Welche Forderungen stellen Sie an die Politik?

Durmaz: Unsere Hauptforderung ist die systematische Erfassung antimuslimischer Straftaten. Wir wünschen uns, dass der antimuslimische Rassismus und dessen Dimension, der bis hin zur Gewalt an Muslimen reicht, vor allem von Politikern ernstgenommen, thematisiert und bekämpft wird. Wir brauchen interkulturelle Schulungen und Diversity-Training für Behörden sowie langfristige Präventions- und Beratungsstrategien. Auch Solidarisierung mit Opfergruppen, die Ausgrenzungen, Übergriffe und Attacken erlebt haben und von Islamfeindlichkeit betroffen sind, sind wichtig.

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