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Ramadan

Das Fasten-Outen der Muslime

„Was? Du fastest im Ramadan? Das ist nicht gesund. Und trinken tust Du auch nichts? Nicht einmal Wasser? Und das im Sommer. Das ist aber gefährlich.“ Kennen Sie das? Ja, ich auch. Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Von Hanaa El Idrissi-Wenzel

Ja, hier bin ich wieder, mitten im Sturm der Entrüstung. Die entsetzten Tiraden gehen weiter. Gepaart mit einem beschwichtigen Lächeln und dem Ich-Weiss-Wovon-Ich-Rede-Blick. Dass ich seit 25 Jahren faste und ich meinen Körper gut genug kenne, interessiert niemanden.

Was mich innerlich wütend macht. Jedes Jahr im Ramadan stehe ich vor der Entscheidung: teilst du dich deinen Kollegen mit oder kommst du auch so durch den Ramadan? In diesem Jahr musste ich mich mal wieder dafür entscheiden. Bei uns auf der Arbeit gibt es feste Kaffee- und Essenszeiten. Und das hat mich in die Bredouille gebracht, mich „outen“ zu müssen. Und das Entsetzen war auch in diesem Jahr sehr groß.

Eigentlich hatte ich mich gut vorbereitet. Am Abend zuvor ging ich alle Vorbehalte durch und formulierte Gegenargumente: Kein Stress, ich mache das seit Jahren; ich bin nicht die Einzige; 23% der Weltbevölkerung oder 1,6 Milliarden Menschen sind Muslime, von denen mindestens die Hälfte fastet wie ich; ich hab das schon im Griff; nein, das Fasten schadet nicht der Gesundheit…

Es gibt noch sehr viele weitere Argumente für das Fasten. Doch die scheinen niemanden zu interessieren. Es geht eher darum, mir zu vermitteln, wie hinterwäldlerisch die ganze Sache ist: „Aber Du trägst doch gar kein Kopftuch und Du bist doch hier geboren und das brauchst Du doch gar nicht.“

Wow!

Die zweite Runde

In der zweiten Runde wird dir von einem Freund berichtet, dem es ganz schlecht während des Ramadan ging, er kaum zu ertragen war: schlecht gelaunt, ungeduldig, aggressiv, krank. Und schwuppdiewupp verteidige ich Menschen, die ich nicht kenne. Ich beschwichtige: Nein, ich werde meine Gesundheit schon nicht auf’s Spiel setzen. Ich erkläre, dass das Fasten nachgeholt werden kann bei Krankheiten, dass das Fasten ohnehin viele Ausnahmen kennt, und das es während der Fastenzeit um mehr als nur um Essensverzicht geht. Ich starte eine sehr abgespeckte und für den Durchnitts-Nichtmuslim eine Einheit Religionskunde mit komparativen Elementen.

Während ich das tue, frage ich mich, wie ich denn jetzt schon wieder dahin gekommen bin? Ich wollte doch nur klarstellen, dass ich die nächsten vier Wochen während der Mittagspause nicht mitkomme. Und so langsam wird die innere Wut größer. Ich kann nicht fassen, wie übergriffig diese Menschen sein können. Was quatschen die mich so voll?

Als ob die wirklich an meiner Gesundheit interessiert wären. Bisher hat mir auch keiner den ungesunden Schokoriegel aus der Hand gerissen oder mich daran erinnert, dass ich am Tag noch nicht genug Wasser getrunken habe. Also was soll das? Und wieso muss ich mich rechtfertigen? Es ist doch meine Sache, was ich tue. Ich rolle ja auch nicht mit den Augen, wenn Kollegen eine Zigarette rauchen. Klar, falls meine Arbeitsfähigkeit nachlässt, können die mich gerne auf mein Fasten ansprechen und ich schaue dann, was ich mache.

Was strahle ich denn aus, dass diese Leute mich so zu bevormunden versuchen? Und dann wird es mir wieder bewusst, was mich eigentlich mehr stört, als diese Diskussion: das Gefühl, „die Andere“ zu sein. Die Andere, die nicht zu „uns“gehört. Die zu blöd ist um zu raffen, wie schlecht das Fasten ist.

Dass ich Stärke aus dem Ramadan ziehe, die mich das ganze Jahr trägt, wird mit „ja, ja, ja“ abgetan. Das macht müde und traurig. Jedes Jahr baue ich eine Brücke und jedes Jahr kommt mir niemand entgegen. Im Gegenteil, sie treten gegen die Pfeiler. Und wenn sie merken, dass die Pfeiler stabil sind, gehen sie – in der festen Überzeugung, sie hätten nur nicht fest genug getreten.

Ich mag nicht „die Andere“ sein.