MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Ach was?!

Wie gut, dass ich mich nie einmische

Juni. Morgens kurz vor 7 Uhr auf Deutschlands Autobahnen. Kein Stau. Der Verkehr fließt. 40 km einfache Strecke fahre ich jeden Morgen und jeden Nachmittag von Montag bis Freitag, um meiner Arbeit Willen. Meine einzigen Begleiter: die Moderatoren des Radiosenders WDR 5. Nachrichten und Informationen am frühen Morgen vertreiben aber weder Kummer noch Sorgen.

Bengü Aydoğdu, migazin, kolumne, ach was
Bengü Aydoğdu © privat, bearb. MiG

VONBengü Aydoğdu

Während in den USA Captain Kirk und Mr. Spock erstmals mit „Star Trek“ auf Sendung gehen, macht die in Istanbul frisch geborene Bengü Aydoğdu ihrer Mutter das Leben schwer. Noch heute hört man die Mama sagen: nicht mal meinem ärgsten Feind wünsch' ich ein solches Balg! Später schluckend manch' Staube der Uni-Parkette in Berlin und Düsseldorf, studierte sie Wirtschaft und Jura. Doch der freie, unruhige Geist zwang sie umherzutreiben in manch ausländischen Gefilden. Sie liest, schreibt und dichtet lieber als im Paragrafen-Dschungel und dem Wirtschafts-Wahnsinn mitzustreiten. No lobby no shackles. Unter dem Pseudonym BenSiz erschien 2012 ihr erstes Buch auf türkisch in der Türkei. Weitere folgen. Ihre Brötchen verdient sie als Webdesignerin, Texterin und Jobcoach. Interdisziplinäre Betrachtungen und analoge Weltanschauung sind die Grundpfeiler für die Schreibwerke der Künstlerin. Ach was?!, kommt's über die Lippen, wenn sie aus dem Hexenkessel der Welt erzählt... Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Burkhard Heim oder Sigmund Freud... Oder waren es doch Nietzsche und Rumi...? Sie werden's herausfinden.

DATUM18. Juni 2015

KOMMENTARE2

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Täglich bestätigt sich irgendwie irgendwo auf dieser Welt, dass das Menschengeschlecht ein Genie darin ist, Lebensfeindlichkeit gut zu organisieren und dieses auch gut zu verbergen hinter der Maske der Redlichkeit und der Rechtmäßigkeit. Geht das wirklich? Oh ja. Alles ist Definitionssache. Der Irrsinn des Menschen als auch die Fantasie, diesen gut zu verpacken, kennt keine Grenzen. Man kann sogar Scheiße gut verkaufen, wenn man weiß wie. Der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni hat seine Fäkalien in 30 Gramm Portionen in Dosen eingeschlossen und diese zum Goldpreis verkauft. Eine Dose erzielte im Jahr 2008 bei Sothebys einen Auktionsspreis von 97.250 englischen Pfund (ca. 132.000 Euro). Alles Schlechte kommt vom Menschen. Wie auch das Gute selbstredend. Ich höre die Nachrichten.

Eine jesidische Familie aus Armenien lebt seit 4 Jahren in Bonn und wartet auf den Entscheid des Asylantrages. Mutter mit 4 Kindern. Gut integriert und in Deutschland angekommen. In der Nacht vom 1. Juni zum 2. Juni werden sie abrupt herausgerissen aus ihrem Leben und innerhalb weniger Minuten zum Flughafen abtransportiert. Die Mutter wird gefesselt, den Kindern werden die Schulranzen abgenommen. Ausführende: die deutsche Staatsgewalt mit der Aufgabe der Abschiebung. Asylantrag abgelehnt. Betroffene aus Nachbarschaft und Schule versuchen zu helfen. Die Anwältin der Mutter erfährt erst nach der Abschiebung Kenntnis von dieser Umsetzung. Die Familie hat wohl nicht einmal Wechselwäsche mitnehmen dürfen. Ich denke, Applaus für die Deutsche Staatsgewalt. Was für ein stramm organisiertes Rechtssystem. In der Nacht, wenn alle schlafen kann sie walten ohne Klagen.

Tuğçe Albayrak. Einige erinnern sich bestimmt noch an diesen Namen. Vor einem Jahr wurde sie in einen Pöbelstreit verwickelt und starb an den Verletzungen des körperlichen Übergriffs eines Angreifers. Dieser Übergriff wird ganz harmlos „Backpfeife“ genannt. Doch Gewalt, egal wie sie sich zeigt, zu verharmlosen, ist ein Freibrief für noch mehr Gewalt. Hauptsache gut verpackt und rhetorisch gut verteidigt. So geht es auch in Tuğçes Fall zu. Am Dienstag wurde er verurteilt zu drei Jahren Haft. Die Anwälte des Täters wollten Bewährung für ihn rausholen.

Zivilcourage hat seinen Preis. Manchmal ist es der Tod, weil dem Pöbelgeist einer Gesellschaft zu wenig Grenzen gesetzt werden. Eben keine Zivilcourage. Diesen Preis zahlen wir alle zusammen. Wir trennen uns innerlich und äußerlich voneinander und hegen offene oder geheime Feindseligkeiten gegeneinander. In diesem Fall heißt der Täter Sanel M. Er könnte auch Mehmet S. heißen oder Stefan M. oder wie auch immer. Keiner ist gefeit vor Gewalteinwirkung in seinem Alltag. Sie lauert überall und kann jeden von uns treffen. Jeden Tag. Jeden Tag in Deutschland. Eine Stimme erreicht mich. Ich lausche ihr.

Wie gut dass ich kein Asylant bin. Wie gut, dass ich mich nie einmische. Wie gut, dass ich nicht arbeitslos bin. Wie gut, dass ich einen Beruf habe. Wie gut, dass ich nicht auswandern muss. Wie gut, dass ich dieses Jahr wieder Urlaub machen kann. In Griechenland. Die sind fast Pleite und die Reisen sind sehr billig geworden. Das muss ich ausnützen. Mein Name? Horst Schelgenmeier. Ich bin Techniker. Und Deutscher. Bei uns ist die Welt in Ordnung. Die Technik und die deutsche Gründlichkeit macht’s. Schönen Tag noch.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Rochus sagt:

    „Die Technik und die deutsche Gründlichkeit macht’s. Schönen Tag noch“

    Auch das fällt nicht vom Himmel!

  2. Veritas sagt:

    Nett ge-/beschrieben der Artikel. Und eigentlich gar nicht kontrovers, sondern aufzeigend. Und der einzige Kommentar dazu ist : @Rochus: Auch das fällt nicht vom Himmel!
    Mann o Mann sag ich nur! Der eine sagt A, der andere versteht B. Deutsche Gründlichkeit in Ehren, aber wenn der Ottonormalverbraucher in Deutschland nur bis zu seiner eigenen Nasenspitze guckt, dann ist was faul im Land der Techniker. Liebet kalte Maschinen, scheut aber Nähe und Mitgefühl zu Menschen. Es könnte ja problematisch werden, nicht wahr lieber Rochus?



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...