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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Ausländische Studierende

Deutschland gelingt es nicht, Fachkräfte zu halten

Ausländische Studierende an deutschen Hochschulen gelten als Idealzuwanderer. Zwar möchte ein Großteil von ihnen in Deutschland bleiben, doch zu viele scheitern am Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt – mangels Netzwerke, Erfahrung und Deutschkenntnissen.

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Hochschulabsolventen © Luftphilia @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Ausländische Studierende an deutschen Hochschulen gelten als ‚Fachkräfte von morgen‘: sie sind nach ihrem Abschluss hoch qualifiziert, verfügen zum Teil über gute Sprachkenntnisse und sind mit dem Land vertraut. Doch es gelingt immer noch nicht ausreichend, diese Hochqualifizierten nach ihrem Abschluss für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Dabei wollen mehr als zwei Drittel der internationalen Absolventen gerne erste Arbeitserfahrungen in Deutschland sammeln.

„Beim Berufseinstieg stehen internationale Absolventen vor höheren Hürden als einheimische Studierende. Das zeigt sich beispielsweise in einer überdurchschnittlich langen Jobsuche. So sind 30 Prozent der internationalen Absolventen, die in Deutschland bleiben, ein Jahr nach Abschluss noch auf Arbeitssuche“, sagte Dr. Cornelia Schu, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs bei der Vorstellung der Studie, die von der Stiftung Mercator und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert wurde.

„Die Hürden, an denen internationale Absolventen beim Berufseinstieg scheitern, sind fehlende berufliche Netzwerke und Erfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, aber auch unzureichende Deutschkenntnisse“, sagte Schu. „Viele benötigen intensive Unterstützung bei der Jobsuche, finden an ihrem Hochschulstandort aber nur lückenhafte Angebote vor, die zudem häufig zu spät einsetzen.“

Unternehmen müssen spezielle Angebote entwickeln

Die Studie untersucht erstmals international vergleichend die Unterstützungsangebote und –strukturen für den Berufseinstieg internationaler Studierender in Deutschland, Kanada, den Niederlanden und Schweden. „Für jedes zweite Unternehmen in Deutschland sind ausländische Hochschulabsolventen heute schon wichtig, um den eigenen Fachkräftebedarf zu decken“, sagte Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. „Und die Nachfrage wird weiter steigen.

Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sollten mit geeigneten Maßnahmen schon in der Studienphase Netzwerke zu ausländischen Studierenden aufbauen und Praxisangebote speziell für diese Zielgruppe entwickeln.“ Dr. Felix Streiter, Leiter des Bereichs Wissenschaft der Stiftung Mercator, erklärte: „Deutschland braucht seine internationalen Hochschulabsolventen. Sie gut in die deutsche Gesellschaft und Arbeitswelt zu integrieren, ist eine gemeinsame Aufgabe von Hochschulen, Kommunen und Unternehmen.“

Zu wenig Personal in Deutschland

In Deutschland, so die Studie, scheitert ein nachhaltiges Unterstützungsangebot vor allem an der dünnen Personaldecke der Serviceeinrichtungen an den Hochschulen: In Deutschland betreut ein Mitarbeiter des Career Service durchschnittlich etwa 7.300 Studierende. Bei den International Offices ist ein Mitarbeiter im Durchschnitt für etwa 2.100 Studierende zuständig. Eine intensive Betreuung ist so kaum möglich. Kanada und Schweden sind zumindest beim Career Service besser aufgestellt:

Kanada hat einen Personalschlüssel von etwa 1 : 3.000, in Schweden liegt er bei etwa 1 : 5.000. Während in den Niederlanden die Angebote der Career Services zu einem sehr frühen Zeitpunkt einsetzen, beginnen sie in Deutschland meist erst zum Ende des Studiums und enden in vier von zehn Fällen deutlich vor dem Ende der 18-monatigen Suchphase.

Nur Großunternehmen aktiv

An der Schnittstelle zwischen Studium und Beruf spielen neben den Hochschulen auch Unternehmen, die kommunale Politik und die Arbeitsagenturen eine Rolle. In Deutschland rekrutieren bislang vor allem Großunternehmen und Forschungseinrichtungen aktiv in dieser international begehrten Zielgruppe. Kleinere Unternehmen nutzen diese Chance der Personalgewinnung – anders als in Kanada – bislang so gut wie gar nicht. Und auch die Großunternehmen sind nach Einschätzung der Hochschulen an jedem zweiten Hochschulstandort wenig oder nicht aktiv.

Die kommunale Politik in Deutschland geht zum Teil bereits aktiv auf internationale Absolventen zu: An vier von zehn Hochschulstandorten bestehen Initiativen, um internationale Absolventen in der Region zu halten, vor allem in Kooperation mit den örtlichen Arbeitsagenturen.

Bleiberegelungen aktiv bewerben

Wie die Studie zeigt, gibt es zwar an einzelnen Hochschulstandorten rege Aktivitäten der Beteiligten, doch es fehlt ein kooperatives Übergangsmanagement, d. h. eine systematische Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Arbeitgebern, Ausländerbehörden, Kommunalpolitik und regionalen Mittlerorganisationen. „Um internationalen Absolventen den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern, müssen Hochschulen, Unternehmen, Politik und Behörden enger zusammenarbeiten. Wir müssen weg vom Silo-Denken, wo jeder nur seinen Bereich im Blick hat. Was wir brauchen, ist ein regionales Übergangsmanagement, bei dem alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Davon würden auch die einheimischen Absolventen profitieren“, lautete das Fazit von Dr. Cornelia Schu.

Als weitere Handlungsempfehlungen nannte sie eine nachhaltige Finanzierung der Unterstützungsangebote an Hochschulen durch Bund und Länder; Hochschulen sollten in die Lage versetzt werden, bedarfsgerechte Angebote dauerhaft bereitzustellen. Politik und Verwaltung sollten Deutschlands absolventenfreundliche Bleiberegelungen aktiv bewerben. Die Kommunen, die in der Regel ein langfristiges Interesse daran haben, die internationalen Studierenden als ‚Fachkräfte von morgen‘ zu binden, sollten im regionalen Übergangsmanagement die Rolle des Koordinators wahrnehmen. Die Zahlen sprechen für sich: Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, werden zwischen 2015 und 2020 knapp 240.000 internationale Studierende einen deutschen Abschluss erwerben. (mig/svr)

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4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Realist sagt:

    Es bringt auch nichts der halben Welt 1,0 Noten schenken (Deutsche eingeschlossen!). Das weckt völlig falsche Hoffnungen, die dann bitter enttäuscht werden, wenn in Betrieben wirklich Leistung verlangt wird.

  2. Pierro sagt:

    „mangels Netzwerke, Erfahrung und Deutschkenntnissen“

    Und mangels verfügbarer Arbeitsplätze. Der Fachkräftemangel ist doch nur eine Mär der Arbeitgeber zwecks Senkung der Lohnkosten.

  3. tektonischerzerstörer sagt:

    wer will denn schon freiwillig in deutschland bleiben , wenn er anders wo bessere chancen, ein angenehmeres arbeitsklima , und selbstverwirklichung finden kann ???

    realist scheint wohl der archetyp des arroganten deutschen zusein ,der allen ernstes die selbstbeweihräucherung und den fetisch der eigenen leistung glaubt !

    lieber realist , deutschland ist nicht um sonst im euro und will es bleiben . ja frührer war der vorsprung durch technik groß , aber heute gibt es auch tolle produkte aus anderen ländern , die wesentlich günstiger zuhaben sind 😉

  4. Norman Plattek sagt:

    Man kann sich darüber ja auch nicht wundern. Wenn die Fachkräfte auf den aktuellen Markt die Voraussetzungen der Betriebe nicht erfühlt werden können. Deutschland ist zwar auch kein Paradies auf Erden, aber trotzdem lebt man hier relativ gut. Man muss nur auch was von sich geben und Qualität leisten.



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