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Liebe

Nur einen Klick entfernt?

Noch nie war es so einfach, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Soziale Netzwerke und Dating-Portale machen es möglich. Immer mehr Paare treffen sich im Netz – über Ländergrenzen hinweg. Dieser scheinbar grenzenlosen digitalen Welt stehen aber staatliche Grenze entgegen. Von Miriam Gutekunst

Khalid1 klickt auf den blau-weißen Kreis in der App-Liste auf seinem Smartphone. Eine weiße Weltkugel erscheint. Bunte Punkte lassen die Kontinente erkennen, darüber der Schriftzug „Shake to Chat“. Durch ein kurzes Wischen über den Bildschirm bringt er die Kugel zum Drehen. Plötzlich holt er aus und tippt mit dem Zeigefinger kurz auf den sich immer noch drehenden Erdball. Einer der bunten Punkte wird nun größer, das Foto einer jungen Frau mit langen braunen Haaren erscheint. Sie lächelt in die Kamera: Jenny, 26, San Francisco, CA. Khalid lacht: Durch diese App habe er Freunde in der ganzen Welt. Er trägt eine etwas verstaubte rote Kappe und über einem ausgeblichenen Pullover eine neongelbe Warnweste. Eigentlich ist er gerade bei der Arbeit: Khalid verdient sein Geld im Moment als Parkwächter an der Strandpromenade in der marokkanischen Hafenstadt Tanger. „Ich kann sechs Sprachen sprechen“, sagt er in fließendem Deutsch.

Khalid hat zwei Jahre in Deutschland studiert. Als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet, ist er wieder nach Marokko gekommen. Doch er will bald zurückzukehren, denn seine Freundin wartet dort auf ihn. „Ich heirate sie einfach und dann bekomme ich einen Stempel in den Pass“, sagt er.

Skout nennt sich die App, von der Khalid so begeistert ist. Auf der Homepage wird mit dem Spruch „The world has no limits, so why should you?“ geworben. Seoul, London, San Francisco, New York – neben dem Kennenlernen von Menschen auf allen Kontinenten, bietet die App sogar digitale Stadtführungen von Locals in angesagten Metropolen an: „Got wanderlust? Passport lets you virtually travel to anywhere in the world“, wird diese Funktion beschrieben.

Digitale Technologien wie Skout suggerieren eine Welt ohne Grenzen. Doch für manche sieht die Realität anders aus: Während ein kleiner Teil der globalen Bevölkerung hochmobil durch die Welt reist, ist ein Großteil der Menschen weltweit in ihrer Mobilität stark eingeschränkt. Vor allem an den Rändern der Europäischen Union – aber auch der USA und Australien – konnte man in den letzten Jahren stärkere Kontrolle der Grenzen beobachten.

Für Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ wie zum Beispiel Marokko gibt es nicht viele legale Möglichkeiten, um in den Schengenraum zu reisen. Als „Drittstaaten“ gelten alle Länder, die nicht der Europäischen Union angehören. Um ein Touristenvisum ausgestellt zu bekommen, muss die „Rückkehrbereitschaft“ nachgewiesen werden. Ein junger Mann wie Khalid, der nicht verheiratet ist und dessen Gehalt unter dem Durchschnittseinkommen liegt, hat daher kaum eine Möglichkeit, nach Deutschland einzureisen. Zu Arbeitsvisa haben vor allem Hochqualifizierte Zugang. Studienvisa erhält auch nur eine kleine Minderheit: In Deutschland angekommen, haben viele StudentInnen, die nicht von ihrer Familie unterstützt werden können, dann Schwierigkeiten das Studium zu finanzieren und die im Vergleich zum Herkunftsland hohen Lebenshaltungskosten zu stemmen. So erging es auch Khalid. Will er sich also nicht illegal auf den Weg machen, bleibt Europa für ihn vielleicht für immer ein verschlossener Ort.

Unüberwindbare Distanz?

Was diese restriktive Migrationspolitik für ein Paar bedeutet, das sich ebenfalls über territoriale Grenzziehungen hinweg gefunden hat, zeigt die Geschichte von Najim und Zineb. Auch sie haben sich im virtuellen Raum das erste Mal getroffen – auf einer Kennenlern-Plattform für muslimische NutzerInnen. „Find your muslim life partner“ ist hier der Slogan, wie auf muslima.com zu lesen ist. Während bei Skout die globale Vernetzung im Mittelpunkt steht – „from friendships to romance“ – ist das Angebot dieser Internetseite spezifischer: den Partner für das Leben finden. Zineb sagt selbst, dass sie sich auf dieser Seite nicht registriert hätte, um zu chatten, sondern wirklich um jemanden zu finden, den sie heiraten könne. Sie ist Ende zwanzig und lebt in einer kleinen Stadt in Marokko. „Ich bin niemand, der oft rausgeht und zu Hause habe ich Internet und auch Zeit“, sagt sie.

Schon nach einer Woche hat sie online Najim getroffen. Kurz darauf haben beide ihr Postfach geschlossen, um keine weiteren Anfragen mehr zu erhalten. Das ist mittlerweile zwei Jahre her und seitdem treffen sich die beiden täglich, oft stundenlang – allerdings nicht physisch an einem Ort, sondern nur virtuell. Zineb sitzt in Marokko vor ihrem Laptop, Najim in Deutschland. Bei den beiden greifen gleich zwei Systeme von restriktiven Einreisepolitiken: Zineb hat die marokkanische Staatsbürgerschaft und bekommt als junge, unverheiratete Frau ohne Festanstellung kein Visum für die Bundesrepublik ausgestellt. Najim lebt zwar seit fünfzehn Jahren in Deutschland und hat eine Daueraufenthaltsgenehmigung, aber er ist irakischer Staatsbürger. Mehrere Male hat er bereits bei der marokkanischen Botschaft versucht, ein Besuchsvisum zu beantragen, doch das wurde immer wieder ohne Begründung abgelehnt.

Für den Moment bleibt den beiden nur, ihre Beziehung virtuell zu führen. Zineb war live dabei als Najim auf der Suche nach einer neuen Wohnung war – er hat ihr Fotos geschickt, sie hat auf Google Street View die Gegend erkundet. Najim hat über Skype bereits ihre ganze Familie kennengelernt. Neben ausgiebigen Gesprächen, schauen sie zusammen Filme, essen gemeinsam oder lassen auch die Webcam an, wenn sich jeder mit sich selbst beschäftigt. Digitale Technologien machen es heutzutage einfach über beliebig große Distanzen Kontakt zuhalten und Nähe herzustellen, trotzdem ist die Situation für Zineb und Najim auf keinen Fall ein Dauerzustand. Eine Möglichkeit gibt es noch: sie werden nun für Zineb ein Heiratsvisum beantragen.

Wer aus einem sogenannten „visumpflichtigen Drittstaat“ kommt und mit einer Person verheiratet ist, die Staatsbürger eines EU-Mitgliedstaates ist oder eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt, hat grundsätzlich das Recht, in den Schengenraum einzureisen und bei dem Ehepartner zu leben. Der Schutz von Ehe und Familie ist sowohl im Grundgesetz, als auch in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sowie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Auf dieses Recht möchten sich Zineb und Najim – und auch Khalid – berufen.

Digitale Technologien als Liebesbeweise

Doch in Zeiten strenger Migrationskontrollen an den Grenzen Europas ist eine Heiratsurkunde nicht mehr unbedingt ausreichend, um als „nachziehender Ehegatte“ ein Visum zu bekommen. Für die Behörden und Konsulate stellt die Migration durch Heirat ein „Schlupfloch“ im System dar – wie in Gesprächen mit MitarbeiterInnen dieser Institutionen deutlich wurde. Daher wird mit allen Mitteln versucht, diesen Weg nach Europa zu kontrollieren und zu regulieren. Eine erste Hürde, die von Deutschland 2007 eingeführt wurde, ist der Nachweis eines Deutschzertifikats für das Niveau A1, das niedrigste Niveau nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen. Zineb, die Freundin von Najim, hat diese Prüfung bereits bestanden und auch für Khalid ist dieses Zertifikat kein Problem, da er bereits auf Deutsch studiert hat. Nur mit diesem Sprachzertifikat kann das Visum für einen „Ehegattennachzug“ überhaupt beantragt werden.

Es folgen Befragungen und Nachforschungen im Konsulat im Ausland und in der Ausländerbehörde in Deutschland. Die SachbearbeiterInnen sollen herausfinden, ob es sich um eine sogenannte „Scheinehe“ handelt. So bezeichnen die Behörden eine Ehe mit dem alleinigen Ziel, dem Partner ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen, was als ausländerrechtliche Straftat angesehen wird.

Diese Überprüfungen führen soweit, dass der Partner in Deutschland aufgefordert wird, Beweise für die „Echtheit“ der Beziehung vorzulegen: Flugtickets, Ein- und Ausreisestempel im Reisepass, aber auch Nachweise über ihre regelmäßigen Skype-Kontakte. Die Begegnung im Netz wird dabei zum „Liebesbeweis“.

Weder Khalid und seine Freundin, noch Zineb und Najim werden hier Schwierigkeiten haben, virtuellen Kontakt vorzuweisen. Aber wie weit dürfen Behörden gehen, um Einblick in das Privatleben zu erhalten? Die meisten Paare legen vieles offen, reichen sogar Whatsapp-Nachrichten und andere online geführte Konversationen ein, weil sie davon ausgehen, dass sie keine Wahl haben.

Khalid ist bewusst, dass es am Ende vielleicht doch nicht so „einfach“ – wie er am Anfang gesagt hatte – wird, bis er seinen Stempel im Pass hat. Er ist mittlerweile wieder in sein Smartphone vertieft und tippt Nachrichten in das Whatsapp-Fenster auf dem Display. Er steht mit seiner Freundin in jeder freien Minute in Kontakt. Gerade habe sie ihm geschrieben, dass es in Deutschland 18 Grad habe. Er blickt auf, als ein weißer SUV vorfährt und der Fahrer mit einem Hupen darauf aufmerksam macht, dass er hier parken möchte. Khalid springt auf und verlässt zugleich für einen Moment den Ort, an dem er sich täglich mit seiner Freundin trifft, die gerade über zweitausend Kilometer entfernt auf ihr Smartphone blickt.

  1. Namen geändert  []