MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Liebe

Nur einen Klick entfernt?

Noch nie war es so einfach, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Soziale Netzwerke und Dating-Portale machen es möglich. Immer mehr Paare treffen sich im Netz – über Ländergrenzen hinweg. Dieser scheinbar grenzenlosen digitalen Welt stehen aber staatliche Grenze entgegen. Von Miriam Gutekunst

Mail, brief, messages, e-mail, handy, mobile
Mail © digipedia @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMiriam Gutekunst

 Nur einen Klick entfernt?
Miriam Gutekunst ist Kulturanthropologin und lebt in München. Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie in Marokko zur Bedeutung von Liebe und Heirat im Kontext des Europäischen Grenzregimes. Ihre Schwerpunkte sind kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, postkoloniale Theorie und Gender Studies. Mit KollegInnen hat sie ein neues Onlinemagazin an der Schnittstelle von Kulturanthropologie und Journalismus gegründet: Transformations.

DATUM5. Juni 2015

KOMMENTAREKeine

RESSORTFeuilleton, Leitartikel

QUELLE Die englische Version dieses Artikels ist auf Digital Development Debates erschienen.

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Khalid1 klickt auf den blau-weißen Kreis in der App-Liste auf seinem Smartphone. Eine weiße Weltkugel erscheint. Bunte Punkte lassen die Kontinente erkennen, darüber der Schriftzug „Shake to Chat“. Durch ein kurzes Wischen über den Bildschirm bringt er die Kugel zum Drehen. Plötzlich holt er aus und tippt mit dem Zeigefinger kurz auf den sich immer noch drehenden Erdball. Einer der bunten Punkte wird nun größer, das Foto einer jungen Frau mit langen braunen Haaren erscheint. Sie lächelt in die Kamera: Jenny, 26, San Francisco, CA. Khalid lacht: Durch diese App habe er Freunde in der ganzen Welt. Er trägt eine etwas verstaubte rote Kappe und über einem ausgeblichenen Pullover eine neongelbe Warnweste. Eigentlich ist er gerade bei der Arbeit: Khalid verdient sein Geld im Moment als Parkwächter an der Strandpromenade in der marokkanischen Hafenstadt Tanger. „Ich kann sechs Sprachen sprechen“, sagt er in fließendem Deutsch.

Khalid hat zwei Jahre in Deutschland studiert. Als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet, ist er wieder nach Marokko gekommen. Doch er will bald zurückzukehren, denn seine Freundin wartet dort auf ihn. „Ich heirate sie einfach und dann bekomme ich einen Stempel in den Pass“, sagt er.

Skout nennt sich die App, von der Khalid so begeistert ist. Auf der Homepage wird mit dem Spruch „The world has no limits, so why should you?“ geworben. Seoul, London, San Francisco, New York – neben dem Kennenlernen von Menschen auf allen Kontinenten, bietet die App sogar digitale Stadtführungen von Locals in angesagten Metropolen an: „Got wanderlust? Passport lets you virtually travel to anywhere in the world“, wird diese Funktion beschrieben.

Digitale Technologien wie Skout suggerieren eine Welt ohne Grenzen. Doch für manche sieht die Realität anders aus: Während ein kleiner Teil der globalen Bevölkerung hochmobil durch die Welt reist, ist ein Großteil der Menschen weltweit in ihrer Mobilität stark eingeschränkt. Vor allem an den Rändern der Europäischen Union – aber auch der USA und Australien – konnte man in den letzten Jahren stärkere Kontrolle der Grenzen beobachten.

Für Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ wie zum Beispiel Marokko gibt es nicht viele legale Möglichkeiten, um in den Schengenraum zu reisen. Als „Drittstaaten“ gelten alle Länder, die nicht der Europäischen Union angehören. Um ein Touristenvisum ausgestellt zu bekommen, muss die „Rückkehrbereitschaft“ nachgewiesen werden. Ein junger Mann wie Khalid, der nicht verheiratet ist und dessen Gehalt unter dem Durchschnittseinkommen liegt, hat daher kaum eine Möglichkeit, nach Deutschland einzureisen. Zu Arbeitsvisa haben vor allem Hochqualifizierte Zugang. Studienvisa erhält auch nur eine kleine Minderheit: In Deutschland angekommen, haben viele StudentInnen, die nicht von ihrer Familie unterstützt werden können, dann Schwierigkeiten das Studium zu finanzieren und die im Vergleich zum Herkunftsland hohen Lebenshaltungskosten zu stemmen. So erging es auch Khalid. Will er sich also nicht illegal auf den Weg machen, bleibt Europa für ihn vielleicht für immer ein verschlossener Ort.

Unüberwindbare Distanz?

Was diese restriktive Migrationspolitik für ein Paar bedeutet, das sich ebenfalls über territoriale Grenzziehungen hinweg gefunden hat, zeigt die Geschichte von Najim und Zineb. Auch sie haben sich im virtuellen Raum das erste Mal getroffen – auf einer Kennenlern-Plattform für muslimische NutzerInnen. „Find your muslim life partner“ ist hier der Slogan, wie auf muslima.com zu lesen ist. Während bei Skout die globale Vernetzung im Mittelpunkt steht – „from friendships to romance“ – ist das Angebot dieser Internetseite spezifischer: den Partner für das Leben finden. Zineb sagt selbst, dass sie sich auf dieser Seite nicht registriert hätte, um zu chatten, sondern wirklich um jemanden zu finden, den sie heiraten könne. Sie ist Ende zwanzig und lebt in einer kleinen Stadt in Marokko. „Ich bin niemand, der oft rausgeht und zu Hause habe ich Internet und auch Zeit“, sagt sie.

Schon nach einer Woche hat sie online Najim getroffen. Kurz darauf haben beide ihr Postfach geschlossen, um keine weiteren Anfragen mehr zu erhalten. Das ist mittlerweile zwei Jahre her und seitdem treffen sich die beiden täglich, oft stundenlang – allerdings nicht physisch an einem Ort, sondern nur virtuell. Zineb sitzt in Marokko vor ihrem Laptop, Najim in Deutschland. Bei den beiden greifen gleich zwei Systeme von restriktiven Einreisepolitiken: Zineb hat die marokkanische Staatsbürgerschaft und bekommt als junge, unverheiratete Frau ohne Festanstellung kein Visum für die Bundesrepublik ausgestellt. Najim lebt zwar seit fünfzehn Jahren in Deutschland und hat eine Daueraufenthaltsgenehmigung, aber er ist irakischer Staatsbürger. Mehrere Male hat er bereits bei der marokkanischen Botschaft versucht, ein Besuchsvisum zu beantragen, doch das wurde immer wieder ohne Begründung abgelehnt.

  1. Namen geändert  []
Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...