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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Manifest der Vielfalt

Ausländer rein: Wie uns Integration gelingen kann

Zuwanderer wollen auf der einen Seite Teil des neuen Wir sein, auf der anderen Seite werden sie immer wieder zu „Anderen“ gemacht. Wie können sie angesichts dieser dilemmatischen Situation mehr Macht und Einfluss generieren, ihren Platz in der Gesellschaft selber bestimmen? Von Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan

Manifest der Vielfalt
Manifest der Vielfalt

VONHaci-Halil Uslucan

Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan ist wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) der Universität Duisburg-Essen.

DATUM28. Mai 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Evident ist, dass sozialer Einfluss in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe stets von Abhängigkeitsbeziehungen determiniert ist. Gruppen, die mehr Macht haben, die einen hohen Status besitzen, sind eher in der Lage, sozialen Einfluss auszuüben. So ist also mit Blick auf Zuwanderer nicht allein die demographische bzw. numerische Größe einer Gruppe relevant – denn diese werden zahlenmäßig immer größer-, sondern ihre gesellschaftliche Macht.

Historisch lässt sich bspw. dieser Aspekt daran exemplifizieren, dass etwa die Macht der Priester in der Geschichte, der Wissenschaftler, der Banker stets groß war und auch noch ist, gleichwohl ihre tatsächliche Zahl im Vergleich zu der Allgemeinbevölkerung deutlich geringer ist.

Unter diesen Bedingungen, also unter der Bedingung einer hohen Machtausstattung (finanzielle, symbolische Macht) kann auch eine Minderheit von der Norm abweichen, ohne Sanktionen zu befürchten und jenseits der Fremdplatzierung den eigenen Platz in der Gesellschaft skizzieren (Vgl. Moscovici, 1979).

Zuwanderer zwischen „Wir“ und „Andere“

Zuwanderer wollen auf der einen Seite Teil des neuen Wir sein, auf der anderen Seite werden sie immer wieder zu „Anderen“ gemacht. Wie können sie angesichts dieser dilemmatischen Situation mehr Macht und Einfluss generieren, ihren Platz in der Gesellschaft selber bestimmen?

Individuell ist das möglich, wenn Menschen ein hohes Selbstwertgefühl haben; so ist man weniger anfällig für Konformismus und Beeinflussung und somit resistenter gegen gesellschaftliche Fremdplatzierungen. Ängstliche Menschen dagegen sind eher geneigt, konformistisch zu denken und zu handeln.

Generell ist das Bestreben nach einer Validierung/Bestätigung des eigenen Urteils durch andere stärker ausgeprägt, wenn zum einen Unsicherheit und Ungewissheit hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten bestehen; und zum anderen, wenn der zu verhandelnde Gegenstand (der eigene Platz in der Gesellschaft etwa) nicht eindeutig feststellbar, nicht eindeutig messbar ist, wie bspw. soziale Tatbestände und Konstruktionen in modernen Gesellschaften. Dann sind Menschen geneigt, den eigenen Platz in der Gesellschaft durch andere bestimmen zu lassen.

Ein Miteinander von Zuwanderern und Einheimischen

Gerade wenn Personen mit hohem Ansehen in der Mehrheitsgesellschaft bestimmte (gehässige) Diskurse pflegen, so geht von ihnen ein bedeutender Einfluss aus; und zwar insbesondere auf Personen, die sich in bestimmten Fragen unsicher, unschlüssig oder indifferent sind, so etwa, ob die Integration von Migranten gelungen/gescheitert ist, ob Migranten prinzipiell willkommen oder abzulehnen sind, welche gesellschaftliche Rolle ihnen zusteht bzw. welche ihnen zugewiesen werden sollte.

Denn bei Konstanthaltung aller anderen Faktoren ist die Glaubwürdigkeit des Senders die entscheidende Variable für eine Meinungsänderung auf Seiten des Empfängers einer Botschaft.

Von Minderheiten dagegen, die lediglich die Mehrheitsposition wiedergeben, geht kaum ein innovativer Effekt aus – denn sie bieten informativ nichts Neues-, auch wenn sie in der Integrationsdebatte quasi als „Kronzeugen“ herangezogen werden, weil ihnen höhere Authentizität durch die Erste-Person-Perspektive unterstellt wird. Personen, die dagegen von der Mehrheitsposition stärker abweichen, beweisen hingegen Mut und zwingen, andere Aspekte sozialer Wirklichkeit zu berücksichtigen, auch wenn diese Meinung nicht geteilt wird.

Gruppennormen werden häufig von typischen Repräsentanten der Eigengruppe konstituiert werden; und zwar sowohl mit Blick darauf, was sie über die Eigengruppe als auch, was sie über die Fremdgruppe kommunizieren.

Prominente Persönlichkeiten sollten Vorbildrollen übernehmen

Deshalb sind vor diesem Hintergrund für die Frage der gelingenden Integration sowohl prominente Menschen mit Zuwanderungsgeschichte als auch einheimische/deutsche Personen des öffentlichen Lebens besonders aufgefordert, durch eine differenzierte Wahrnehmung des jeweils Anderen Vorbildrollen zu übernehmen, um negativen Stereotypisierungen und daraus resultierenden Vorurteilen entgegen zu wirken.

Denn je pluraler und vielseitiger das Bild des „Anderen“, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, über diese dann stereotypisch im Alltag zu kommunizieren, weil der „Andere“ bzw. die Minderheit stets mit verschiedenen Facetten ihres sozialen Seins im Bewusstsein repräsentiert wird.

Deshalb braucht dieses Manifest der Vielfalt sowohl die Zuwanderer, als auch die „Etablierten“ bzw. „Einheimischen“, will sie einer pluralen, gleichberechtigten Gesellschaft normative Geltung verschaffen und ihre Akzeptanz in den Köpfen und Herzen verankern.

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2 Kommentare
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  1. wiebke sagt:

    Der Autor hat zweifellos recht in Bezug auf die Mechanismen, die den Zugewanderten zum ‚Anderen‘ stempeln. Es gibt aber einen Faktor, den er hier nicht berücksichtigt und der die Sache noch komplizierter macht.
    Ich war als Deutsche im europäischen Ausland, mein familiärer Hintergrund erlaubte es, mich sofort zu inkludieren, wer wollte, indem mein deutscher Anteil sozusagen unter denTisch fiel. Einige meiner neuen Landsleute versuchten das eifrig. Und ich merkte, wie sich bei mir Widerstand dagegen bildete. Es ging um meine Loyalität gegenüber meinem Herkunftsland (dem ich durchaus kritisch gegenüber stehe), aber auch um meine Identität. Schon um diese nicht zu gefährden, hatte ich eher Angst davor, in eine einflussreiche Position aufzusteigen. Ich wollte mich nicht entscheiden müssen, wo ich hingehöre, was ich als Voraussetzung dafür empfunden hätte. Was natürlich nicht sein muss. Governor Schwarzennegger in Kalifornien hat seinen österreichischen Hintergrund nie verleugnet und teilweise auch in Diskussionen freimütig eingebracht.

  2. surviver sagt:

    Apropo: Integrationsforschung

    Mich würde es mal wirklich ernsthaft interessieren, wie die sogenannten „Integrationsforscher“ und Professoren wie Dr. Bade oder Herr Uslucan über die europäischen, insbesondere in Deutschland, denken, was „Migranten“, Ausländer, Muslime ….etc. angeht.

    Ich fühle mich jeden Tag als türkischstämmiger Bürger dieses Landes von den Medien nicht vertreten.
    Überall beobachte ich, als selbsternannter „Medienforscher“, nur Propaganda, Hetze, einseitige und negative Berichterstattung in Bezug auf Menschen mit muslimischem backround.
    Ich habe festgestellt, und das ist keine Einbildung, dass in den „öffentlich-rechtlichen“ und Co., nur negativ berichtet wird und fühle mich dadurch discreditiert und herabgewürdigt.

    Wieso wird dieses Thema nie wirklich angesprochen, auch von sogenannten „Migrationsprofessoren“?

    Fällt das denn keinem auf?



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