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Migration und Integration in Deutschland

Danke, dass Sie gekommen sind, sich mit Ihrem Fleiß und Ihrer Kraft für unser Land eingesetzt haben, und danke, dass Sie geblieben sind.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Interview mit Mustafa Yeneroğlu

„Nicht die CDU, sondern die AK Partei hat mir ein Angebot gemacht.“

Mustafa Yeneroğlu, in Deutschland groß geworden, steht kurz vor seinem Einzug ins Parlament. Allerdings kandiert er nicht für die CDU, sondern für die türkische AK Partei. MiGAZIN sprach mit ihm über seine Ziele, über Deutschland und die Türkei, über die AK Partei und wieso er Deutschland erhalten bleibt.

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Mustafa Yeneroğlu (AK Partei) © privat, bearb. MiG

VONDerya Kalava

Die Verfasserin hat in Deutschalnd Politik- und Sozialwissenschaften studiert. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Istanbul.

DATUM26. Mai 2015

KOMMENTARE13

RESSORTInterview, Leitartikel

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MiGAZIN: Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, haben in Köln studiert. Wieso kandidieren Sie in der Türkei und schließen sich nicht einer deutschen Partei an?

Mustafa Yeneroğlu: Ihre Frage suggeriert, als sei mein Weg außergewöhnlich. Wenn man sich in beiden Ländern gleichermaßen zu Hause fühlt, ist mein Engagement in der Türkei genauso selbstverständlich. Ich habe schon immer eine starke Bindung zur Türkei gehabt und gepflegt, über meine Sprache, meine Kultur und nicht zuletzt meine Religion. Genauso wie ich mich in Deutschland zu Hause fühle, bin ich auch in der Türkei zu Hause – beide Länder sind wie ein zweiter Wohnsitz für mich.

Dennoch: Wieso haben Sie sich für die konservative AK Partei entschieden und nicht für die konservative CDU?

Yeneroğlu: Wenn die CDU mich mit meinem Selbstverständnis respektiert hätte, wäre das sicher eine Option gewesen. Es war aber die AK Partei, die Bedarf gesehen und mir das Angebot gemacht hat. Und das sagt dann auch etwas über die jeweiligen Verhältnisse und Möglichkeiten aus.

Was meinen Sie?

Yeneroğlu: Ich stehe für eine Politik, die Vielfalt – ob sprachlich, kulturell oder religiös – als Gewinn ansieht und diese nicht nur duldet, sondern aktiv fördert. In Deutschland kann man mit diesem Anspruch und dieser Agenda in den etablierten Parteien kaum Punkten. In weiten Teilen der Politik werden solche Ansätze sogar misstrauisch beäugt, wenn nicht sogar kritisiert und im Keim erstickt.

Seien wir ehrlich: Jemand mit meinem Profil würde in keiner großen Partei in Deutschland ein Zuhause bekommen. Ich gelte als ehemaliger Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) als konservativer Muslim. Über viele Jahre wurde ich sogar als „islamistisch“ und „verfassungsfeindlich“ eingestuft. Erst in den vergangenen Jahren hat sich dieser verzerrte Blick auf die IGMG insgesamt etwas begradigt. In den Augen vieler Politiker bin ich dennoch eher ein Sicherheitsrisiko als ein Parteikollege oder ein Verantwortung tragender Mitgestalter. Und das ist ein tief sitzender Keil zwischen der hiesigen Politik und einem großen Teil der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland.

Führen Sie das bitte etwas aus.

Yeneroğlu: Schauen Sie: Die absolute Mehrheit der Türkeistämmigen sind Muslime, Muslime wie ich. Ich bin ein klassisches Gastarbeiterkind. Meine Biografie weist keinerlei Besonderheiten auf. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe studiert, zahle Steuern, gehe in die Moschee, habe mir noch nie etwas zu Schulden kommen lassen, bin Familienvater und Bayern München Fan gemeinsam mit meinem Sohn. Ich bin der klassische Otto-Normal-Verbraucher.

Aus meiner Mitgliedschaft bei der IGMG wird mir aber ein Strick gemacht. Die IGMG wird nicht unter einfachen migrationssoziologischen Binsenweisheiten betrachtet, sondern mit der Brille der Verfassungsschutzämter, deren Einschätzungsunvermögen beim NSU offenkundig wurde. Ungeachtet dessen wird deren „Beobachtungen“ Gewicht beigemessen und ausgerechnet ich gelte dann als eine Gefahr dar für die freiheitlich demokratische Grundordnung. In meinen Augen ist das Realsatire. Das Makabere ist: Ich bin ein großer Verfechter eben dieser Grundordnung, ein großer Fan des deutschen Grundgesetzes. Mir liegt nichts Ferner, als daran zu rütteln.

Und so ähnlich ergeht es leider vielen Muslimen in Deutschland. Sie mögen Deutschland und ihre Grundordnung, fühlen sich hier wohl, von der Politik aber nicht vertreten, missverstanden und ausgegrenzt.

In den vergangenen Jahren hat sich aber doch einiges getan. Inzwischen haben alle Parteien Abgeordnete mit türkischen Wurzeln in ihren Reihen.

Yeneroğlu: Das stimmt. Allerdings können viele dieser Abgeordneten nicht ihre Überzeugungen vertreten aus diversen Gründen. Meine Beobachtung ist die, dass türkeistämmige Politiker – parteiübergreifend und insbesondere im Hinblick auf Muslime oder der Türkei – eine gewisse Haltung einnehmen müssen, um Karriere in der Politik machen zu dürfen. Es gibt leider zu viele Beispiele, wo Politiker nach ihrer Wahl in ein Parlament ganz andere Töne einschlagen „müssen“, plötzlich werden sogar Moscheebesuche zu einem Problem.

Haben Sie Beispiele dafür?

Yeneroğlu: Natürlich: Als die CDU Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf Ende 2014 von einer IGMG Moscheegemeinde besucht wurde, gab es heftige Kritik in ihrer Partei. Sie wurde massiv angefeindet. Dabei hatte Frau Giousouf die Gemeindemitglieder empfangen, weil auf deren Moschee zuvor zwei Brandanschläge verübt worden war. Frau Giousouf wollte sich mit dem Empfang also nur solidarisch zeigen und ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen. Selbst das ging Teilen der CDU zu weit. Und im April dieses Jahres wurde Armin Laschet dafür kritisiert, eine IGMG Moschee besucht zu haben. Weil Herr Laschet als stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU Gewicht in der Partei hat, hielt sich Kritik innerhalb innerparteilich zwar in Grenzen, dafür wurde der Besuch aber in den Medien offen kritisiert. Solche Debatten gehen an den Muslimen nicht spurlos vorbei, sie prägen und führen dazu, dass sie sich der hiesigen Politik verschließen.

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13 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. devil hunter sagt:

    Herr Yeneroglu ist der beste türkischstämmige Politiker seit es Gastarbeiter in Deutschland gibt.
    Ich finde er sollte eine Türken/Migranten-Partei gründen !!! Yeahh

  2. Matthias sagt:

    Es wäre interessant Herrn Yeneroglu erneut zu interviewen und zur aktuellen Türkeipolitik zu befragen.

  3. devil hunter sagt:

    @Matthias
    Dann schauen sie sich mal die Sendung vom 24.05. und 29.05.2016 bei Anne Will an.
    Da ist, wie meisten in allen Talk Shows in DE, alle gegen einen und trotzdem macht Herr Yeneroglu jeden Platt.
    Wenn das nicht reicht hat Herr Yeneroglu auch einen eigenen Kanal bei YouTube. (Leider nicht alles auf Deutsch) wo er ausführlich auf die aktuelle Türkeipolitik und die EU sehr ausführlich Stellung bezieht.


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