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Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Fachkräftemangel

Asiens Bedeutung im Bereich der erwerbsorientierten Einwanderung wächst

Die Zahl der Erwerbspersonen soll bis 2050 um mehr als 34 Prozent schrumpfen. Eine Herausforderung für den Wirtschaftsstandort Deutschland, die Lösungen und Strategien fordert weit über europäischen Grenzen hinaus.

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Fachkräfte © courtneyBolton auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiGAZIN

Aufgrund der Flüchtlingsdramen, die sich derzeit im Mittelmeer abspielen, liegt der Fokus der Einwanderungsdebatte in Deutschland gezwungenermaßen auf Einwanderer, die als Flüchtlinge kommen. Kommunen klagen über hohe Kosten und die EU will mit Quotenregelungen dem Problem Herr werden. Dabei mahnen die Initiativen zur Fachkräfteanwerbung schon seit geraumer Zeit, dass von nationalstaatlicher Seite Schritte unternommen werden müssen, um dem drohenden Fachkräftmangel in der Zukunft adäquat zu begegnen. Und so bekommen auch die Themen Fachkräftemangel und Fachkräfteanwerbung ein immer stärkeres Gewicht bei der Zuwanderungsdebatte.

Finanzkrise und demografischer Wandel sorgten für drei Programme zur aktiven Rekrutierungspolitik

Das Statistische Bundesamt schätzte jüngst die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2060 ohne Zuwanderung auf etwa 60 Millionen Menschen. Das würde einem Rückgang um 25 Prozent entsprechen. Die Zahl der Erwerbspersonen würde bis 2050 sogar um mehr als 34 Prozent schrumpfen. Der Ruf nach qualifizierten Einwanderern wird also lauter und die Bundesregierung hat mit drei Programmen zur aktiven Rekrutierungspolitik erste Schritte unternommen.

  • MobiPro-EU: Auf der Webseite thejobofmylife.de konnten sich von 2013 bis Januar 2015 an einer Ausbildung interessierte junge Menschen aus Europa registrieren, um vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und der Bundesagentur für Arbeit bei einer dualen Ausbildung gefördert und begleitet zu werden. Mit 9.000 Bewerbungen war die Nachfrage größer als erwartet, sodass das eigentlich bis 2018 laufende Programm vorerst aus Kostengründen ausgesetzt wurde.
  • Triple Win: Dieses Programm hatte die Vermittlung von Pflegekräften aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und den Philippinen zum Ziel. Es entstand in Kooperation der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit mit der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das Programm war umstritten, da auch in den Herkunftsländern ein Pflegekräftemangel herrscht. Der Erfolg war mit 130 vermittelten Pflegekräften überschaubar.
  • Make it in Germany: Dieses breit angelegte Informations- und Koordinationsportal entsprang der Fachkräfteoffensive der Bundesregierung 2013. Es richtet sich an ausgebildete Fachkräfte, Studierende und Auszubildende in und außerhalb der EU. Die Region Asien spielte dabei eine wesentliche Rolle, da die Länder Indien, Indonesien und Vietnam als Pilotländer fungierten. Genaue Zahlen über den Erfolg wurden bisher nicht veröffentlicht. Laut BMWi sollen aber 15.000 Anfragen internationaler Fachkräfte eingegangen sein.

Asien hat ein großes Potenzial an Fachkräften

Bei Auswanderungen aus asiatischen Ländern sind die Vereinigten Staaten noch immer Zielland Nummer eins. Hier ist vor allem China zu nennen, das durch eine Generationen anhaltende Abwanderung eng mit den USA verknüpft ist. Deutschland spielt als Zielland eine eher untergeordnete Rolle.

Als bevölkerungsreichste Region der Welt ist das potenzielle Angebot an Humankapital in Asien enorm. Für das Thema Fachkräfte sind besonders die Zuwanderungen aus Gründen der Ausbildung oder zu Erwerbszwecken relevant. Qualifizierte Arbeitskräfte können aber auch aus Gründen der Familienzusammenführung nach Deutschland kommen.

In Deutschland aufhältige Ausländer zum 31. Dezember 2012:

Region / Land Anzahl Prozentualer Anteil
EU-28-Staaten 3,67 Millionen 45,0 Prozent
Resteuropa, Türkei 2,72 Millionen 33,4 Prozent
Asien 1,07 Millionen 13,1 Prozent
Afrika 363.700 4,5 Prozent
Amerika 245.600 3,1 Prozent
Australien 14.800 0,2 Prozent
Sonstige 58.800 0,7
Gesamt    8,15 Millionen 100 Prozent

Quelle: Ausländerzentralregister (AZR)

Die Tabelle zeigt, dass Asien nach Europa die wichtigste Herkunftsregion für in Deutschland aufhältige Drittstaatsangehörige darstellt. Die Region kann also in Zukunft einen bedeutsamen Baustein zur Fachkräftesicherung bilden. Dafür ist es wichtig, diese Menschen langfristig an Deutschland zu binden. Erleichterungen in der Gesetzgebung, beispielsweise beim Arbeitsmarktzugang, sind dafür notwendig. Es müssen aber auch langfristige Perspektiven und Anreize für Neuzuwanderer geschaffen werden. Das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geschaffene Schlagwort Willkommenskultur für die Phasen Vorintegration und Erstorientierung muss dabei das gesamte Spektrum des gesellschaftlichen Lebens abdecken. Dazu gehört beispielsweise auch eine Rechtsberatung zu Fragen des Arbeitsrechts. Teilweise komplexe Anstellungsverträge und Fragen des Datenschutzes im Arbeitsverhältnis müssen ausländischen Fachkräften begreifbar gemacht werden. (etb/wk)

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Ein Kommentar
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  1. Beate Raabe sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren
    Ich möchte Sie auf zwei kleine sachliche Fehler in dem Artikel Asiens Bedeutung in der erwerbsorientierten Einwanderung aufmerksam machen. 1. Das Programm MobiPro Eu (Internet: http://www.thejobofmylife.de) wurde kurzzeitig im April 2014 gestoppt, läuft jedoch jetzt 2015 weiter.
    2. In dem Projekt Triple Win werden Pflegekräfte aus Drittstaaten für Deutschland gewonnen. Mit den Herkunftsländern sind Vermittlungsabsprachen getroffen. Bei der Auswahl der Herkunftsländer legt die Bundesagentur für Arbeit als Projektpartner großen Wert darauf, dass die Standards der Weltgesundheitsorganisation eingehalten werden. Dies bedeutet konkret, dass nur in solchen Ländern Bewerber rekrutiert werden, die den eigenen Bedarf an Pflegekräften gedeckt haben und die über diesen Bedarf hinaus Pflegekräfte ausgebildet haben.
    Ich bitte darum, diese Aspekte bei der zukünftigen Berichterstattung zu berücksichtigen.
    Mit freundlichem Gruß
    Dr. Beate Raabe
    Pressestelle Zentrale Auslands- und Fachvermittlung



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