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Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Manifest der Vielfalt

Wir müssen Grenzen anerkennen, um sie aufzulösen

Wenn ich nicht mit meiner WG in einem Bett liege und Türkisch für Anfänger schaue, leite ich in einem Haus für Flüchtlinge eine Spielestunde. Zusammen gehen wir ins Theater, malen Knickbilder und spielen Halli-Galli.

Manifest der Vielfalt
Manifest der Vielfalt

VONAlexander Kauschanski

Alexander Kauschanski ist in Deutschland aufgewachsen, in den USA ein Jahr zur Schule gegangen und arbeitete in Peru als Freiwilliger mit dem Goethe-Institut an einer Schule im Deutschunterricht mit. Heute studiert er in Leipzig Politik- und Sozialwissenschaften. Wenn er nicht mit seiner WG in einem Bett liegt und Türkisch für Anfänger schaut, arbeitet er als Jugendjournalist und leitet in einem Haus für Flüchtlinge eine Spielestunde. Zusammen gehen sie ins Theater, malen Knickbilder und spielen Halli-Galli. Auf die Frage seiner Identität gibt es keine Antwort, die ein Satz einfangen könnte. Denn ein Mensch ist vor allem eins: ein komplexes Wesen aus Körper und Geist, aus Erfahrung der ständigen Gegenwart erwachsen. Ein Wesen noch nicht einmal Wissenschaftler zu dekodieren vermögen.

DATUM22. Mai 2015

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Auf die Frage meiner Identität gibt es keine Antwort, die ein Satz einfangen könnte. Denn ein Mensch ist vor allem eins: ein komplexes Wesen aus Körper und Geist, aus Erfahrung der ständigen Gegenwart erwachsen. Ein Wesen, das noch nicht einmal Wissenschaftler zu dekodieren vermögen.

Wir leben in einer Welt der Grenzen, der Formen, der Schemen. Sie ziehen sich über die Landflächen und Meere und bestimmen, wer wir sind. Ich bin in diesem blauen Punkt geboren, der gehört zu diesem Land, mein Geburtsort ist dort.

Dann beginnen wir im Laufe unseres Lebens, zu reisen. Wir schreiten über unseren Kosmos der unsichtbaren Grenzen. Sie ziehen sich um unsere Zimmer, um unsere Häuser und Gärten, sie ziehen sich von Straße zu Straße, selbst um Menschen ziehen sich Grenzen, die wir mit Respekt umkreisen oder in einer freudigen Umarmung überschreiten.

Menschen, die keine Grenzen erkennen, sind nicht mehr fähig, zu trennen. Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselt, hat das verlernt. Da fließen ein paar Gehirnströme nicht mehr. Die Konzepte, in die wir die Welt sortieren, vereinfachen und ordnen, sind ihm nicht mehr zugänglich. Er kann die Grenzen nicht mehr spüren, sie zu überschreiten ist unmöglich, denn sie bestehen nicht mehr.

Seine Frau war nichts anderes als ein Hut und die Tasse nichts anderes als der weiße Himmel, seine Katze war ein Buch und seine Kinder waren bunte Lichterketten. Die Unterschiede verschwanden, lösten sich auf in Farben und Schemen, verschwammen in sinnliche Eindrücke eines abstrakten Gemäldes. Kunstvoll gesetzte Farbkleckse, oder nicht einmal das. Ein wilder Wirrwarr an Eindrücken. Konkrete Dinge wurden abstrakt und abstrakte konkret. Eine Leben ohne Konturen, ein Abgrund, ein Wunder, kein Limit, nur Alles, dann nichts.

Manche Menschen sehnen sich nach einer grenzenlosen Welt. Und die Idee klingt verlockend. Denn wer hat bestimmt, wem und welcher Gruppe, welcher Gemeinschaft und welchem Erben dieses und jenes Stück Land gehört? Wem das Leben in einem stabilen Staat zusteht und wem das Leben in Hunger und Elend gebührt?

Die Auswahl ist willkürlich. Aus Traditionen erwachsen und irgendwann festgestampft. Für den reichen Thronfolger der Dynastie des Wohlstandes von Vorteil wie für den sozialen Verlier von Nachteil. Nein, manche Grenzen sind nicht schön und sollten vielleicht in einer erträumten Wunschwelt nicht da sein, verwischen, verschwinden, den Raum für die bunten Farben des globalen Aquarellgemäldes öffnen.

Da dem aber nicht so ist, können wir unsere Frauen nicht mit Hüten verwechseln und die Grenzen in unseren Köpfen einfach ausradieren. Sie bestehen zwischen Herkunft und Identität, zwischen Sprache und Kulturen, zwischen Wissen und Machen, zwischen Ländern und Seen, zwischen Freunden und Feinden.

Wir müssen Grenzen anerkennen, um sie aufzulösen. Wir müssen Grenzen anerkennen, um an ihnen zusammenzukommen. Wir müssen Grenzen ehren, weil sie die Vielfalt fördern. Und wir müssen Grenzen auslösen, wo sie nur Kummer und Leid bringen. Wir müssen Grenzen wandern lassen und sie überspringen.

Wir müssen uns über die Grenzen bewegen wie Schlittschuhläufer übers Eis. Wir müssen uns an Grenzen erinnern, um sie auch mal vergessen zu können. Wir müssen in unseren Grenzen für die Grenzen der anderen kämpfen. Und wir müssen unsere Grenzen umarmen, wir müssen sie öffnen und manchmal auch schließen. Denn Grenzen prägen unsere Identität, unser Selbst, wer wir sind, wer wir waren, wo wir herkommen, wer wir sein wollen.

Nur wenn wir am Boden unserer Grenzen bleiben, können wir es schätzen, gemeinsam fortzulaufen, können wir den Asphalt überwinden und uns im Himmel fliegend bei den Sternen treffen und träumen. Auf die fernen Lichter und die unsichtbaren Grenzen schauen und träumen, von einer Welt, die es noch nicht gibt.

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