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Studieren im Asylbewerberheim

Berliner Studenten wollen eine Online-Uni für Flüchtlinge gründen

Die Tage ziehen sich endlos hin. Langeweile ist ein großes Problem für viele Flüchtlinge. Wenn sie in Deutschland angekommen sind, haben sie zunächst nichts zu tun. Studieren können sie oft nicht, weil sie keine Papiere haben oder ihr Abschluss nicht anerkannt wird. Markus Kreßler findet das ärgerlich.

Computer, Arbeit, Schreibtisch, Maus, Tastatur, Hand
Arbeit am Computer © f_mafra @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Markus Kreßler, Student, engagiert sich in einem Berliner Projekt für Flüchtlinge. „Wenn ich nach Hause gegangen bin, war ich traurig“, erzählt er. „Ich wusste, mein Leben geht normal weiter. Aber Leute, die genauso clever wie ich sind, sitzen dort in der Flüchtlingsunterkunft und haben keine Perspektive.“

Auf einem Kongress unterhielt sich der 25-jährige Berliner Psychologie-Student mit einem Freund über die Möglichkeiten einer Online-Universität – und sie entwickelten eine Idee: „Wenn die Flüchtlinge die Universität quasi in die Hosentasche stecken und mitnehmen könnten, dann könnten sie etwas Sinnvolles tun.“

Gemeinsam mit Freunden machte sich Kreßler an die Arbeit. Sie wollen eine Online-Universität für Flüchtlinge gründen. Einige Monate hätten sie hin und her überlegt, erinnert er sich. „An was wir auch gedacht haben, wir haben keine Hürden gefunden, an denen diese Idee scheitern muss.“ Mittlerweile ist die Homepage der neu gegründeten „Wings University“ online, Interessenten können sich melden. Im Herbst sollen die ersten Kurse starten.

Eine solche Initiative habe es seines Wissens bislang noch nicht gegeben, sagt Andreas Pott, Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück. „Das ist grundsätzlich eine hervorragende Idee, die man nur unterstützen kann.“ Ein solches Angebot werde sicherlich auf große Resonanz stoßen. Schließlich seien viele Flüchtlinge Akademiker: „Menschen, die fliehen, sind nicht die Ärmste der Armen. Die Allerärmsten haben meist gar keine Mittel, um aufzubrechen.“

Besonders wichtig sei, dass die Flüchtlinge mit einer Online-Universität die Zeit sinnvoll nutzen könnten, sagt Pott. „Bislang gibt es für Flüchtlinge ja geradezu einen Zwang zum Nichtstun. Das ist sehr frustrierend.“ Ob sich die Idee der Studenten realisieren lasse? „Ich glaube, da gibt es noch einige Fragezeichen.“

Viele Dinge sind tatsächlich bislang noch nicht geklärt. Aktuell suche die Gruppe nach Partneruniversitäten, berichtet Kreßler. Die Studenten stellen sich ihr Angebot so vor: Die „Wings University“ soll zunächst eine Anlaufstelle sein. Jeder, der eine Eingangsprüfung besteht, soll einen Studiengang beginnen können. Unterrichtssprache ist Englisch. Aus öffentlichen Online-Kursen von US-amerikanischen Universitäten will das Team Studiengänge zusammenstellen. Die Partneruniversitäten sollen die Prüfungen übernehmen.

Acht Professoren gehören momentan zum ehrenamtlichen Team. Einer von ihnen ist Martin Woesler, Professor für Sinologie und Kulturvergleich in Rom. „Ich mache aus Überzeugung mit“, sagt Woesler. Der Aufwand für die Gründung einer Uni sei enorm. Die Unterstützung vieler Partner sei notwendig, erklärt Woesler. „Natürlich ist das eine Lebensaufgabe.“

Kreßler und seine Mitstreiter planen, im Frühjahr 2016 komplette Studiengänge anzubieten, so ähnlich wie eine Fern-Universität. An Kosten rechnet das Team mit rund 700 Euro pro Jahr und Student. Er hoffe, diese Summe über Fördergelder abdecken zu können, sagt Kreßler.

Andreas Pott ist eher skeptisch, was eine Online-Uni für Flüchtlinge angeht. Der reale Kontakt zu Mitstudenten könne fehlen, der sei für die Integration aber bedeutsam. „Die Initiative ist dennoch auf jeden Fall ein wichtiges Signal, dass sich in der Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren etwas verändert hat: Viele Menschen denken darüber nach, wie man Flüchtlinge teilhaben lassen kann“, sagt Pott. „Auch Universitäten und Schulen müssten sich öffnen. Dafür kann das Projekt der Online-Universität ein Türöffner sein.“ (epd/mig)

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