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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Ach was?!

Schwarmintelligenz

Schon mal was von Schwarmintelligenz gehört? Bei Fischschwärmen kann man das beobachten. Oder in Formation fliegenden Vögeln. Die Schwarmintelligenz wird von Forschern Angesichts der Ameisenvölker als Superhirn bezeichnet. Was der eine nicht kann, kann der Schwarm umso besser.

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Bengü Aydoğdu © privat, bearb. MiG

VONBengü Aydoğdu

Während in den USA Captain Kirk und Mr. Spock erstmals mit „Star Trek“ auf Sendung gehen, macht die in Istanbul frisch geborene Bengü Aydoğdu ihrer Mutter das Leben schwer. Noch heute hört man die Mama sagen: nicht mal meinem ärgsten Feind wünsch' ich ein solches Balg! Später schluckend manch' Staube der Uni-Parkette in Berlin und Düsseldorf, studierte sie Wirtschaft und Jura. Doch der freie, unruhige Geist zwang sie umherzutreiben in manch ausländischen Gefilden. Sie liest, schreibt und dichtet lieber als im Paragrafen-Dschungel und dem Wirtschafts-Wahnsinn mitzustreiten. No lobby no shackles. Unter dem Pseudonym BenSiz erschien 2012 ihr erstes Buch auf türkisch in der Türkei. Weitere folgen. Ihre Brötchen verdient sie als Webdesignerin, Texterin und Jobcoach. Interdisziplinäre Betrachtungen und analoge Weltanschauung sind die Grundpfeiler für die Schreibwerke der Künstlerin. Ach was?!, kommt's über die Lippen, wenn sie aus dem Hexenkessel der Welt erzählt... Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Burkhard Heim oder Sigmund Freud... Oder waren es doch Nietzsche und Rumi...? Sie werden's herausfinden.

DATUM18. Mai 2015

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Die Forschungsberichte lesen sich zum Teil wie spannende Geschichten aus Science-Fiction und Fantasy. Fast hat man Lust, selbst eine Ameise oder ein Fisch oder ein Vogel im Schwarm zu sein. Es wird von einer kollektiven Intelligenz in Fachkreisen gesprochen. Was der eine als Individuum nicht hat, soll der Schwarm fast in Perfektion haben. Nun ja. Als Modell bei Ameisen, den Fischen oder Vögeln ist diese Annahme tatsächlich nicht zu kippen, scheint es. Was ist aber Intelligenz? Intelligenz soll ganz einfach definiert werden als die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Warum aber kann der Einzelne ein Problem nicht lösen, während das Kollektiv dies zu tun scheint? Welche Wirkmechanismen sind da wohl am werkeln?

Die Wissenschaft ist begeistert. Was bei den Tieren hervorragend funktioniert, soll beim Menschen auch zünden. Es geht das Gerücht umher, der Mensch könne im Kollektiv bessere Entscheidungen treffen. Ich habe mir das Treiben angeschaut. Mal im buchstäblichen Sinne, mal hier und da herumgestochert und gelesen, um mir ein Bild von dieser sogenannten Sehwarmintelligenz zu machen. Fazit: Dieser Schwarmintelligenz begegnen wir tagtäglich überall. Bei Sportveranstaltungen, bei Rettungsaktionen, bei Unfallereignissen und ähnlichen Phänomenen, die irgendwie mit Gefahr in Verbindung stehen. In solchen Situationen scheint diese Schwarmintelligenz, also die Entscheidungs- und Problemlösungsfähigkeit im Kollektiv besser zu funktionieren. Wenn der Mensch aufhört permanent zu denken und zu grübeln und einfach seiner intelligenten Biologie das Zepter in die Hand gibt und einem inneren kollektiven Impuls folgt, dann scheint er tatsächlich intelligenter zu sein als im denkenden Zustand.

Doch, was ist aber mit den Entscheidungen, die in Kommissionen, Parteisitzungen oder Plenumssitzungen von irgendwelchen Funktionsträgern in irgendwelchen Gremien oder Stadträten oder ähnlichem im Namen und zum Wohle aller oder wessen auch immer getroffen werden? Sind diese Zusammenkünfte tatsächlich von mehr Intelligenz durchtränkt, sprich von einer Schwarmintelligenz? Ich bezweifle das. Menschen, die die eigene Karriere auf die Fahnen geschrieben haben kommen zusammen, debattieren zum Beispiel über Themen wie Migration und Asylpolitik und genießen dabei die Muse der Schwarmintelligenz? Beileibe nein!

Das, was sich da abspielt, nennt man defensive Eingabe, also im Klartext: „Bring-erst-den-eigenen-hintern-in-sicherheit“-Taktik und dann mach den Rest. Vor allem soll alles Handeln politisch korrekt sein. So halten es die meisten Akteure auf diesen Weltbühnen, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, die festgefahrene Regelwerke – von den Konservativen auch liebevoll „Traditionen“ genannt – entmachten sollen, damit wieder Fahrt in die Mühlen kommt. Doch sind diese Hamsterrad-Verhaltensweisen nicht nur im konservativen Lager oder in den pegidamäßigen Herden zu finden. Sie sind auch zu finden in den vielen Gemeinden der Christen und der Moslems. Zum Beispiel ist eine Moscheegemeinde mit einer anderen im Dauerclinch. Wegen irgendeiner Auslegung im Koran oder so was. Sie verwenden viel Energie darauf, sich gegenseitig auszubooten. Und das alles auch noch politisch gefärbt. Die meisten haben sich auf die eine oder andere Seite von irgendwelchen geistigen Führern geschlagen und wähnen sich im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. Aber ohne Gott/Allah. Er wird nicht gefragt. Ich dachte, die Religion sei eigentlich nur ein Weg, der zu Gott führen sollte. Von Umwegen durch viele, viele konträre und feindlich gesinnte geistige Führer steht nirgendwo in den heiligen Schriften etwas.

Ich versuchte in all diesen Debattierrunden unabhängig ihrer politischen oder religiösen Färbung, die Schwarmintelligenz zu entdecken. Doch mitnichten. Sie war nicht da. Vielmehr sah ich einen Götzendienst an einzelnen fremden Meinungen. Keine Kreativität, kein Spannungsfeld, keine konträren Abwägungen, kein Fortschritt. Nur Hintern, die sich in Sicherheit wägen wollen und dem Geist vorschreiben, wie gedacht werden soll und dem Mund gebieten, nur das zu sagen, was dem eigenen Lager nicht schadet.

Und diese Menschen sitzen zumeist an den Hebeln der Gesellschaft. Sie sind die Imams, die Stadträte, die Integrationsberater, die Stadtteilbeauftragten, die Projektmitarbeiter, die Geschäftsführer, die Abgeordneten. Viele Deutsche, einige Türken und noch weniger von den Anderen sollen nun entscheiden über Migranten und deren Probleme. Über Flüchtlinge sollen Funktionäre entscheiden, die nicht mal in der Kindheit um die Ecke geflohen sind. Über die Integration sollen Menschen entscheiden, die zu Hause einen Hort voller Vorurteile pflegen. Über die Armut debattieren Menschen als Entscheidungsträger, die noch nie eine finanzielle Krise erlebt haben. Kinderlose Frauen und Männer sollen über Erziehung und deren Methoden in der Schule Entscheidungen treffen. Und ein großes, vielfältiges Mischethno-Volk voller bunter Wünsche, bunter Träume, bunter Ängste und bunter Hoffnungen soll nun den Entscheidungen dieser zumeist grauen und unkreativen Menschen vertrauen, die als oberste Regel an die eigene Sicherheit, an die eigene Karriere denken? Ich bin manchmal am verzweifeln. Ich begegne täglich solchen Menschen und täglich verdiene ich mein Brot im Rachen dieser Löwen. Noch ein Muckser von mir und ich bin beruflich „tot“. Ganz nach dem Champignon-Prinzip: Kopf raus-Kopf ab. Wenn das nicht ein Irrenhaus ist, dann bin ich es wohl, die verrückt ist …

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