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Wir und Ihr

Der Absturz des Airbus über den französischen Alpen ist jetzt einen Monat her. Er hat für zwei Wochen ein ungeheures Maß an medialer Aufmerksamkeit ausgelöst – bis er dann durch die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer abgelöst wurde.

Die Betroffenheit und das Mitgefühl vieler Deutscher mit den getöteten Fluggästen war spontan und echt; wohl deshalb hat sich dann jeder private Radiosender bemüßigt gefühlt, einen Reporter nach Haltern oder Montabaur zu schicken und jede Fernsehanstalt musste Diskussionen über Flugsicherheit veranstalten, um auf dieser Mitleidswelle Quoten zu erzielen.

Das Mitgefühl für die ertrunkenen Flüchtlinge ist ebenso echt und auch das ist groß. Die Betroffenheit wird aber offenbar von vielen weniger unmittelbar empfunden. Für mich ist es schwer nachzuvollziehen, dass den meisten Menschen dieser Flugzeugabsturz so viel näher geht als das Elend der Flüchtlinge. Aber wahrscheinlich liegt das daran, dass viele Deutsche schon mal nach Barcelona geflogen sind oder jemanden kennen, der das getan hat, während den meisten lebenden Deutschen persönliche Fluchterfahrungen erspart geblieben sind – sofern sie nicht immigriert sind. Vielleicht spielt auch die Nationalität der Opfer eine Rolle. Ich frage mich bei diesen Gelegenheiten jedes Mal, warum es so wichtig ist, wie viele Deutsche unter den Opfern einer Katastrophe sind – aber offenbar ist das für viele Menschen eine wichtige Frage.

Vielleicht fehlt mir hier die Fähigkeit zur nationalen Emotion, aber jeder der betroffenen Menschen hatte Träume und ein Leben vor sich, hat Ängste und Qualen ausgestanden, hat eine Familie, die um ihn trauert – unabhängig davon, wo er herkommt und wie er umgekommen ist.

Deshalb finde ich es gerade zu diesem Zeitpunkt ungeheuer deprimierend, dass die türkische Regierung bizarre Drohungen ausstößt, weil der Bundespräsident und viele andere europäische Spitzenpolitiker anlässlich des hundertjährigen Erinnerns an die grauenhaften Massaker an den osmanischen Armeniern von Völkermord sprechen. Als ob dieses Gemetzel und die damit verbundene Schuld erträglicher würden, wenn man dafür eine weniger schreckliche Bezeichnung wählt. Auch die Armenier waren lauter einzelne Opfer, die jeder für sich gelitten haben und umgekommen sind – nur dass es entsetzlich viele waren.

Im Zusammenhang mit den aktuellen Flüchtlingsdramen zeigt dieser Vorgang, wie unreif der Zusammenhalt der sogenannten zivilisierten Welt noch immer ist. Es ist wenig tröstlich, dass die Türken mit dieser Haltung nicht alleine stehen. In Japan gibt es regelmäßig peinliche Verlautbarungen, wenn Jahrestage der in Korea und China begangenen Greueltaten anstehen. In China sind die Unmenschlichkeiten der Kulturrevolution, des „Großen Sprungs“ und überhaupt der kommunistischen Machtergreifung bis heute weitgehend tabuisiert. Selbst in Russland, wo sich ja der Sozialismus abgeschafft hat, wird über die Verbrechen der Stalinzeit gerne geschwiegen. Ich bin sicher, das russische Volk würde die Aversionen und Ängste einiger ihrer Nachbarn besser verstehen, wenn im Land mit der Vergangenheit offener umgegangen würde.

Wie kann man von aktuellen Politikern und Gesellschaften erwarten, dass sie ihren Beitrag zu menschlichem Elend erkennen und anschließend die unbequemen aber richtigen Dinge tun, wenn sie zu Erkenntnis und Eingeständnis noch nicht einmal mit hundert Jahren Zeitabstand in der Lage sind.

In einer globalisierten Welt kommt mir dieses Wir und Ihr – Denken völlig überholt vor. Die Armenier sind auf unmenschliche Weise verfolgt und umgebracht worden. Wie kann es zu einer solchen Frage nach hundert Jahren Geschichtsforschung derart unterschiedliche Bewertungen geben? Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, wenn es darum geht, Geld zu verdienen, wird grenzenlos gedacht. Wenn es darum geht, Kosten oder unbequeme Verantwortung zu übernehmen, sind die alten Muster ganz schnell zurück. Ich habe große Hoffnung, dass die jüngeren Generationen, die es häufig schon aus eigener Erfahrung besser wissen, sich diesen vorgestrigen Reflexen entledigen werden und hoffe, es kommen möglichst bald möglichst viele der Jüngeren in verantwortliche Positionen! Auch in der Türkei!