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Forscherin

Beim Islam sollten Medien mehr auf Sprache achten

Andere Länder, andere Sitten. Das gilt vermutlich auch für Journalisten, wie Daniela Wehrstein berichtet. Zwar unterscheiden sich deutsche und französische Journalisten nicht sonderlich voneinander, doch gibt es Unterschiede – im Fall von Tuğçe beispielsweise.

Zeitung, Medien, Zeitschriften, Kiosk
Zeitungsstand (Symbolfoto) © Ed Yourdon @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Journalisten sollen nach Ansicht der Romanistin Daniela Wehrstein mehr auf ihren Sprachgebrauch beim Thema Islam achten. Oft würden Themen implizit und unbewusst miteinander verknüpft, sagte Wehrstein, die über das Islambild in deutschen und französischen Medien promoviert hat, am Freitagabend in Saarbrücken. Dabei unterschieden sich die deutschen und französischen Journalisten bis auf ihren Sprachgebrauch nicht sonderlich voneinander.

Vielfach spiele die Sozialisation in der Wahrnehmung eine große Rolle. „Zutreffende Fakten können zu unzutreffenden Schlüssen führen“, erklärte Wehrstein. Als Beispiel nannte sie einen Fall, in dem eine Frau aus Tunis, die polizeilich erfasst war, von zwei Männern in Marseille getötet wurde, wobei Steine eine Rolle spielten. In solchen Fällen verknüpften Journalisten die Nationalität oft mit der Religionszugehörigkeit. Ein Medium titelte beispielsweise „Die erste Steinigung in Europa“. Letzten Endes war die Religion laut Wehrstein aber nicht das Mordmotiv.

In anderen Situationen erzeugten manche Wörter sofort eine bestimmte Assoziation, sagte Wehrstein. So wie „einerseits“ zu „andererseits“ gehöre, so werde „Kopftuch“ mit „Unfreiheit“ verknüpft und der „schwarze Bart“ stehe für Radikalismus und Terrorismus. Auch der Begriff „Deutschtürke“ erzeuge eine Abgrenzung. Jeder Einzelne müsse sich verdeutlichen, was auch das Unausgesprochene aussage. Hierfür forderte Wehrstein unter anderem eine bessere Medienkompetenzausbildung für Schüler.

Interessant ist der Romanistin zufolge der unterschiedliche Umgang mit dem Fall Tugçe. Die Studentin hatte in einem Schnellrestaurant in Offenbach zwei 14-jährige Mädchen vor Belästigungen durch drei junge Männer in Schutz genommen. Einer der drei schlug sie später nieder, bei dem Sturz zog sie sich tödliche Kopfverletzungen zu.

Französische Medien hätten häufig betont, dass eine „türkische Studentin“ zwei deutsche Mädchen beschützt habe, obwohl Tugçe Deutsche war, sagte Wehrstein. Dass sie einen doppelten Studiengang belegt habe, verdeutlichte für diese Journalisten ihre Offenheit. Dabei sei es nur in Frankreich nicht üblich, dass Lehramtsstudenten mehrere Fächer studierten. „Auch Journalisten haben einen begrenzten Wissenshorizont“, so die Forscherin.

In den deutschen Medien sei dagegen das „Türkische“ mit zunehmender Berichterstattung verschwunden und es sei vielmehr von der weltoffenen, engagierten jungen Frau die Rede gewesen, erklärte Wehrstein.

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5 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Unübersehbar werfen die meisten Journalisten in inflationärer Weise Begriffe wie „Islamist“, „Dschihadist“, „Terrorist“ u. ä. bunt durcheinander und mischen darin auch noch Begriffe, die eigentlich gar nicht islamisch sind, wie „Heiliger Krieg“ und „Gottesstaat“, was alles zur Desinformation der Medienkonsumenten und zur Volksverhetzung gegen die Muslime beiträgt. Einen Satz wie „Die Dschihadisten (oder: Gotteskrieger) kämpfen in … für die Errichtung eines Gottesstaates“, sollte man richtiger besser so formulieren: „Die Terroristen der Organisation Soundso behaupten, in … für die Errichtung eines islamischen Staates (oder: einer islamischen Ordnung) zu kämpfen.“ Man mag sich fragen, ob jene Journalisten tatsächlich so unwissend sind, oder ob sie vorsätzlich ihren Beitrag zur Volksverhetzung und zur Vertiefung des Zerrbildes vom Islam beitragen. Auch die stets gebrauchte Übersetzung „Gott ist groß“ für das arabische „Allahu akbar“ ist nicht richtig, da es sich hier um eine Steigerungsform handelt: „Gott ist größer.“ Wollen diese Journalisten damit zeigen, daß sie nicht Arabisch können?

  2. Han Yen sagt:

    Wohlgemerkt – die Volksverhetzung findet mit tatkräftigen Finanzspritzen für TV Journalisten mittels Gebührenzahlungen von den Opfern statt. Die Opfer graben sich sozusagen selber ihre Grube, in der man sie nach ausreichender Hetze dann hinein legen wird.

    Bei der religiösen Gleichstellung des Islams handelt es sich um einen Grundrechtsartikel, dessen Umsetzung ausbleibt. Warum das Erregungswellen verursacht. Niemand versteht es wirklich. Die islamischen Verbände müssen sich nicht den christlichen Konfessionen anpassen, um ihre Grundrechte wahrzunehmen.

    Das Konkordat ist ein grosses Problem für europäische Christen, weil es z.B. französische Europäer in der BRD kirchensteurpflichtig macht, obwohl es in Frankreich keine Kirchensteuer gibt. Auch andere Europäer sind gegen die Privilegien der Kirche.

    Übrigens hat der Vatikan eine Reihe von sehr gut laufenden Staatskirchen Verträgen, die sehr einträchtig sind. Kleine Moscheevereine sind glücklicherweise noch weit entfernt.

    Zu unserem Glück halten Moscheevereine nicht für nötig, mittels einer eigenen Vatikan Bank und intransparenten Finanzpraktiken zum Mekka der Diktatoren zu werden als sicherer Hafen zur Geldaufbewahrung. Selbst die Sharia-konformen Banken in Grossbritannien sind noch nicht auf diese lukrative Idee gekommen mit reichen Diktatoren, Erben und anderen Verbrechern Finanzgeschäfte zu machen, um seine religiösen Prachtbauten zu finanzieren.

    Die Christen sind den Moslems um einiges voraus, was die Einspannung des Steuerzahlers für ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke anbelangt. Selbst von den tausenden von Toten des Kalten Krieges profitierte die Kirche mit ihrem zivilen Kräfteangebot an Missionaren, Nonnen, NGO Heuschrecken während des Kalten Krieges.

    Heutzutage hat sie für ihre Dienste für den Neokolonialismus ein ansehnliches Imperium an For-Profit und Non-Profit Unternehmen spinnen können über den Globus.

    Über den Islam brauchen wir also nicht zu reden, lass uns über die Christen reden.

  3. Katholikin sagt:

    @Han Yen Völliger Blödsinn. Die katholische Kirche ist die Erbin Roms und damit kein „Verein“, sondern eine Weltkirche. Niemand wird gezwungen, Kirchensteuern zu zahlen. Wenn die Muslime es bis heute nicht zustande gebracht haben, eine Einheit zu bilden, können Sie das dem „Vatikan“ (ist nicht „die“ „Kirche“ im katholischen Glaubensverständnis!) nicht anlasten. Ohne Gelder der Kirchen sähe manches in der 3. Welt (und im Integrationssektor) sehr viel schlimmer aus.

  4. Comrigu sagt:

    Ich wusste nicht, dass „Tucge“ ein deutscher NAme ist. Genauso wenig wie jemand namens Markus in der Türkei als Türke angesehen würde.

  5. surviver sagt:

    Journalisten scheinen in Deutschland „Narrenfreiheit“ zu haben, unter dem Deckmantel der Meinungs- und Pressefreiheit, die ganz gezielt missbraucht wird.
    Es kann doch kein Zufall sein, dass den ganzen Tag das Wort „Terrorismus“ immer und immer wieder mit dem „Islam“ in Verbindung gebracht wird.
    Das könnte man auch als Indoktrination von Anti-Islam-Propaganda nennen.
    Es ist doch schon gesellschaftsfähig geworden über Muslime öffentlich zu lästern.
    Han Yen hat völlig Recht. Diese „Volksverblödung“ oder vielleicht „Volksverarschung“ lassen die sich auch noch bezahlen.



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