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Von importierten Billiglöhnern zu qualifizierter Einwanderung

Die Bundesrepublik Deutschland hat zwischen 1955 und 1968 mit neun Ländern aus drei Kontinenten Anwerbeabkommen abgeschlossen. Italien, Spanien, Griechenland, die Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien sowie das damalige Jugoslawien stellten Arbeitnehmer bereit, die zum wirtschaftlichen Aufschwung ab 1955 maßgeblich beitragen würden. In Zeiten von Vollbeschäftigung, Absenkung des Rentenalters, hohen Lohnsteigerungen (bis zu 67%), Reduzierung der 48-Stunden-Woche auf 40 Stunden und Arbeitslosenquoten von 1% stand das politische Deutschland an einem Scheideweg:

Den Wirtschaftsboom aufgrund von Fachkräftemangel ersticken oder Fachkräfte anwerben und die Funktionsfähigkeit der Industrie sichern. Ich bin mir sicher, dass die damalige Bundesregierung diese Optionen genauestens durchleuchtet und die möglichen Konsequenzen zum Wohle der deutschen Bevölkerung abgewogen und bewertet hat. Es ist gekommen, wie es gekommen ist: Um die Funktionsfähigkeit der Industrie zu sichern wurde das Fundament für das Einwanderungsland Deutschland gelegt.

Damals wie heute war es die Industrie, die die Impulse für Einwanderung geliefert hat. Damals wie heute ist es aber nicht die Verantwortung der Industrie, gesamtgesellschaftlich Einwanderung zu gestalten. Es wurden Fachkräfte nach dem Rotationsprinzip gerufen, also: „Ali 1, Ali 2 und Ali 3, ihr seid jetzt zwei Jahre zum Malochen da, dann kommen neue Alis.“

Den Ford-Werken in Köln hat es gereicht, wenn der Fließbandarbeiter wusste was zu tun ist und das wurde notfalls mit Bilderbüchern erklärt. Es wurden Billiglöhner gebraucht, die schnell und hart schuften konnten ohne lange angelernt zu werden. Praktisch nicht-existent waren Konzepte, wie man diese Menschen in die Gesellschaft aufnehmen könnte, selbst wenn es nur für die zunächst angedachten zwei Jahre wäre. Man verfrachtete sie in Ghettos, wo sie unter sich gewohnt haben und schlägt heute die Hände über den Kopf und ruft „Parallelgesellschaft!“.

Man steckte ihre Kinder in Schulen in „Ausländerklassen“ und brachte ihnen die deutsche Sprache nicht bei und ruft heute „Sprache ist der Schlüssel der Integration!“. Man erlaubte ihnen keine Moscheegebäude und wundert sich heute über „Hinterhofmoscheen“. Sie verstehen, worauf ich hinaus will? Während heutzutage manch ein Politiker immer noch von „importierten“ Menschen spricht, kommen durch diese Risse die Architekturfehler der damaligen Politik zum Vorschein. Wir im 21. Jahrhundert der Bundesrepublik Deutschland sind es, die endlich die Fehler der Anwerbeabkommen erkennen und das Thema Einwanderung zeitgemäß aufsatteln müssen. Dazu gehört auch, mit Vergangenem abzuschließen.

Niemand sollte von meinen Großeltern, die seit mehr als 40 Jahren hier leben und nur gebrochen das typisch türkische Deutsch sprechen, erwarten, dass sie im Alter nachträglich Deutsch lernen. Der Zug ist abgefahren, lassen wir es einfach gut sein.

Was wir aber tun können und sollten, ist, die hochemotionale Debatte rund um Einwanderung in Deutschland zu entladen, um auf eine sachliche Ebene zu gelangen. Über 15 Millionen Menschen in Deutschland haben Einwanderungsgeschichte. Sie leben hier und gehören mit all ihren Eigenschaften und Gewohnheiten, ob wir sie mögen oder nicht, zur Gesellschaft. Auch wenn das Quell vieler Unstimmigkeiten zwischen Mehrheitsgesellschaft und Einwanderer die bereits erwähnten Architekturfehler sind, ist es nur bedingt möglich diese Fehler nachträglich zu korrigieren – zu mindestens nicht ohne Eingriff in Privatsphären oder Menschenrechtsverletzungen. Und die bisherigen Lösungsangebote waren auch nicht sonderlich hilfreich. Weder die Sozialdemokratie, die im größtenteils integrationspolitische Stigmata hervorgebracht hat, noch das rechtskonservative Leugnen der Realitäten, „Deutschland ist kein Einwanderungsland“, haben ein belastbares Konzept für Einwanderung geliefert.

Die gesellschaftliche Komponente von Einwanderung ist die Aufgabe einer realitäts- und zukunftsgeleiteten Politik, die aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Konsequenzen für die Zukunft zieht.

Es heißt also, den Blick nach vorne zu richten und nach 60 Jahren Anwerbeabkommen und fehlgeleiteter Scheuklappen-Politik, die Realität als Seismograph unserer Tagesordnung zu verstehen. Ein gut durchdachtes Einwanderungsgesetz, das nicht nur pauschal „nach kanadischem Vorbild“ gebaut wird, sondern auch und vor allem mit bundesrepublikanischen Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart angereichert ist, wird ein erster ausgezeichneter Aufschlag sein. Hier gilt es klar zu differenzieren:

Einwanderer, Zuwanderer, Asylsuchende, Flüchtlinge, Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Fachkräfte, EU-Ausland, Drittländer, Migrationshintergrund, Einwanderungsgeschichte und viele weitere Begrifflichkeiten greifen ineinander und finden im politischen Diskurs oft synonyme Verwendung. Ein mögliches Einwanderungsgesetz muss dieses Potpourri an Vokabeln messerscharf differenzieren, definieren und entsprechend anwenden. Dem muss ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs vorweggehen, angeleitet von den Politikern und Meinungsmachern Deutschlands. Und weil gut Ding Weile haben will, sehe ich auch keine Eile, die Sau durch das Dorf zu treiben.

Seit den ersten Anwerbeabkommen dauerte es nun fast 60 Jahre bis ein Einwanderungsgesetz diskutiert wird, da kommt es auf einen fixen Endspurt nicht mehr an. Es genügt schon, wenn am Ende dieser Debatte auch die Letzten in unserer Bundesrepublik erkennen, dass Einwanderung das Öl im Getriebe der Industrie und die Industrie das Rückgrat unserer Gesellschaft ist.