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Das Theaterstück „Schwarz gemacht“ von Alexander Thomas untersucht afrodeutsche Identität

Oktoberfest, Maschinenbau, Wirtschaftswunder, Drittes Reich, blondes Haar, blaue Augen – so die gängigsten Assoziationen zu Deutschland im Ausland. Zugegeben, ich bin auch vor 14 Jahren mit diesen Bildern im geistigen Gepäck aus den USA nach Deutschland eingewandert. Schnell erkannte ich die wahre Vielfalt Deutschlands. Was ich als ein sehr homogenes Land eingestuft hatte, hat in der Tat eine Migrationsgeschichte, die älter als mein Heimatland und die Bundesrepublik Deutschland selber ist. Hier war ein Land mit einer großen und stetig wachsenden Diversität der Bevölkerung – ein Deutschland, in dem die Eingeborenen aussehen, wie die Menschen an jeder anderen Ecke des Erdballs auch und dabei die unterschiedlichsten Dialekte – wie z. B. ausgeprägtes Berlinerisch, Schwäbisch oder auch Fränkisch – sprechen.

„Blackfacing“-Skandal in Berlin 2012

Umso stärker hat mich als Theatermacher der „Blackfacing“-Skandal in Berlin 2012 getroffen. Zwei Theater in zwei sehr verschiedenen Inszenierungen hatten schwarze Bühnenfiguren von schwarz geschminkten weißen Schauspielern spielen lassen. Die Verteidigung eines dieser Theater, dass es keine geeigneten schwarzen Schauspieler in Deutschland gebe, war nicht nur enttäuschend, sie war auch schlichtweg falsch.

Daraufhin habe ich die Reihe „Colorblind?“ am English Theatre Berlin | International Performing Arts Center initiiert. In Form von szenischen Lesungen sollte den Fragen nach ethnischer Identität auf der Bühne und in dramatischer Literatur auf den Grund gegangen werden. Natürlich brauchte ich dafür diverse deutsche und nicht-deutsche Schauspieler und Dank eines glücklichen Zufalls waren der afroamerikanische Schauspieler und Autor Alexander Thomas und der afrodeutsche Schauspieler Ernest Allan Hausmann in der Besetzung der ersten Lesung. Ich war überrascht als mir am ersten Probentag Alexander sagte, er habe ein Stück über Ernest geschrieben. Ich dachte, die beiden hätten sich gerade erst kennengelernt und sagte das Alexander so. Na, antwortete er, nicht über Ernest persönlich, aber über Afrodeutsche.

„Ich fand viel mehr als ich erwartet hatte.“

Auslöser für Alexander, dieses Stück, „Schwarz gemacht“, zu schreiben, war das Bild einer afrodeutschen Klassenkameradin im Schuljahrbuch seiner deutschen Frau. Wie er im Vorwort schreibt: „Ich habe angefangen meine Frau zu bombardieren mit dem, was ich jetzt als ganz typische Fragen und Vermutungen über Afrodeutsche erkenne: „Woher kommt sie? War sie aus Afrika? Aus der Karibik?“ Meine Frau musste ständig wiederholen, dass das Mädchen deutsch sei. Sie war in Deutschland aufgewachsen, sprach Deutsch und ihre Empfindungen und Ansichten schienen dieselben wie die jedes anderen deutschen Kindes zu sein. Daraufhin habe ich angefangen die Geschichte von Afrodeutschen zu recherchieren. Ich fand viel mehr als ich erwartet hatte.“

Identität ist eine komplizierte Angelegenheit. Kommt sie direkt aus dem Individuum, aus einer Gesellschaft, aus einem Nationalstaat? Kann man sie frei bestimmen oder wird sie (zum Teil) von Außen zugeschrieben?

Fast über ein Jahrzehnt Recherchearbeit floss in „Schwarz gemacht“, das genau diese Identitätsfragen stellt – datiert auf das Jahr 1938 in Berlin, als sich die Definition von „Deutschsein“ existentiell zuspitzt. Das Fundament der Dramenhandlung bilden widersprüchliche Erfahrungen verschiedener Afrodeutscher und afrikanischer Migranten unterschiedlicher Generationen, deutsche Filmgeschichte sowie Erkenntnisse über die mindestens bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückgehende Geschichte von Afrikanern im politischen und geografischen Konstrukt, das heute Deutschland heißt. So gibt es Deutsche mit afrikanischen Wurzeln wohl seit dem Kolonialismus im späten 19. Jahrhundert und vermutlich sogar viel früher, im Zusammenhang mit der kurbrandenburgischen Kolonie „Groß Friedrichsburg“ (1683-1717).

Die Hauptfigur Klaus ist eine fiktive Komposition aus den Leben und Erfahrungen vier sehr unterschiedlicher Männer: den Afrodeutschen Theodor Michael, Hans-Jürgen Massaquoi, Hans Hauck und dem Schauspieler Louis Brody, geboren 1892 als Ludwig M’bebe Mpessa, in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun.

Während der verwaiste Theodor Michael zuletzt als Zwangsarbeiter und Komparse in Heinrich Goebbels Propagandafilmen die NS-Zeit in Berlin überlebte, war Hans-Jürgen Massaquoi durch seine deutsche Mutter damals ziemlich gut geschützt. Hans Hauck, ein sogenanntes „Rheinlandkind“, geboren 1920 im Saarland, Sohn einer deutschen Mutter und eines algerischen Vaters, der nach dem Ersten Weltkrieg als französischer Soldat im Rheinland stationiert war, war zuerst der Hitlerjugend beigetreten und kämpfte später in der Wehrmacht gegen Russland. Louis Brody hingegen hat zwischen 1915 und 1951 ununterbrochen in Dutzenden Filmen in Deutschland gespielt – von expressionistischen Meisterwerken wie „Metropolis“ bis hin zu Propagandafilmen wie „Jud Süß“ oder „Carl Peters“ – und hat dabei nicht nur überlebt, sondern wurde für seine schauspielerische Tätigkeit auch sehr gut bezahlt.

„Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei. Eine gute und eine schlechte“

Aus diesen besonderen, zum Teil kaum vorstellbaren Biographien hat Alexander Thomas Klaus geschaffen, einen jungen, stolzen, afrodeutschen Schauspieler, dessen innerer Konflikt darüber, ob sich seine Identität durch Heimat oder Herkunft definiert, nach außen widergespiegelt wird in seiner verzweifelten Suche nach Anerkennung als deutscher Reichsbürger durch das NS-Regime.

Klaus freut sich, seinem Land zu dienen, indem er als Schauspieler in Propagandafilme auftaucht, um für die Rückgabe der entzogenen deutschen Kolonien zu werben. Obwohl er innerlich immer noch mit der Behauptung seiner Mutter- „Du hast nicht nur eine Herkunft. Du hast zwei. Eine gute und eine schlechte“ – kämpft, sieht er sich durchaus als Deutscher, ohne Wenn und Aber oder Bindestrich.

Konfrontiert auf der einen Seite mit den sich quasi täglich ändernden Gesetzen darüber, wer oder was „deutsch“ sei oder nicht, auf der anderen Seite durch Auseinandersetzungen mit Maurice, einem afroamerikanischen Aktivisten und Musiker, der in Berlin gestrandet ist und illegal Jazz in einem Nachtclub spielt, muss Klaus letztendlich seine Identität selber bestimmen.

Sobald Alexander mir eine Fassung dieses sonderbaren Stücks geschickt hatte, nahm ich es in die „Colorblind?“-Reihe auf – natürlich mit Ernest Allan Hausmann in der Hauptrolle. Schon bei der ersten Probe in November 2012 wurde mir klar, dass es eine Uraufführung als Vollinszenierung bekommen müsste. Im Februar 2014 war es so weit: „Schwarz gemacht“ wurde unter meiner Regie am 26. Februar 2014 uraufgeführt. Ich freue mich, die Inszenierung jetzt wiederaufnehmen zu können.

Deutschland im 21. Jahrhundert ist ein anderes, viel heterogener, viel bunter als immer noch sehr viele Menschen wahrhaben wollen

Heutzutage, knapp achtzig Jahre nach der Handlung des Theaterstücks, wo sich Deutschland zu einem der am schnellsten wachsenden Migrationsländer der Welt wandelt, sind diese grundsätzlichen Identitätsfragen auch hierzulande wichtiger als je zuvor. Die immer stärker wachsende, globale Migrationsrate hat eine neue Welt und eine neue Ordnung entstehen lassen, die ein neues Denken erfordern. In einer globalisierten Welt müssen wir erst recht aufhören, Menschen Identitäten aufgrund ihres Aussehens zuzuschreiben. Deutschland im 21. Jahrhundert ist ein anderes, viel heterogener, viel bunter als immer noch sehr viele Menschen wahrhaben wollen.