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Inva Kuhns „Antimuslimischer Rassismus. Auf Kreuzzug für das Abendland“

Der antimuslimische Rassismus ist in Bundesrepublik in allen Gesellschaftsschichten vertreten. Diese Spielart des Rassismus wird nicht mehr in biologistischer Weise vorgetragen, sondern verschiebt sich auf die kulturelle Ebene. 57,5% der Befragten behaupteten eine Rückständigkeit des Islam, 56,3% halten ihn für eine „archaische Religion“.1

Kurz nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris fühlen sich mehr Menschen „vom Islam bedroht“. Bei einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung macht „der Islam“ 57% der deutschen Bevölkerung Angst. Paradoxerweise ist in Sachsen und Thüringen, wo die wenigsten Muslime in Deutschland leben, das subjektive Bedrohungsgefühl mit 70% am höchsten. In Nordrhein-Westfalen, wo viele deutsche Muslime leben, empfinden 46% so.2

Schon im September berichtete Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, resignierend: „Ob in der Schule oder im Arbeitsalltag, ständig müssen Muslime sich für die Taten von Terroristen rechtfertigen.“3

Die PEGIDA-Aufmärsche im Winter 2014/2015 mit zum Teil bis zu 25.000 Menschen in Dresden waren der stärkste Ausdruck eines antimuslimischen Rassismus, wo der „Untergang des Abendlandes“, der „Verlust westlicher Werte“ und die „drohende Islamisierung“ der Gesellschaft“ beschworen wurden (8f). Dass dort rechte Hooligans des lokalen Fußballvereins Dynamo Dresden wie die Gruppen „Hooligans Elbflorenz“ oder „Faust des Ostens“ mitmarschierten und die Aufmärsche von Personen aus neonazistischen Organisationen mitgestaltet wurden, schien niemanden zu stören.

Die Verantwortlichen für den antimuslimischen Rassismus sind nicht nur am „rechtsextremen“ Rand zu verorten, sondern vor allem in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Medien, Kirchenvertreter sowie prominente Meinungsführer wie Thilo Sarrazin, Heinz Buschkowsky, Henryk M. Broder, Udo Ulfkotte, Akif Pirincci und Necla Kelek sind laut Kuhn für die ideologischen Grundlagen für Organisationen wie PEGIDA oder HOGESA mitverantwortlich (96).

Veronika Bellmann, sächsische Bundestagsabgeordnete der CDU, bemerkte im Januar 2015, dass eine „fortschreitende Islamisierung“ Deutschlands schon „infolge der demografischen Situation, der Geburtenfreudigkeit auf der einen und den Geburtsdefiziten auf der anderen Seite gegeben, unabhängig von Ideologisierung oder Missionierung durch Imame, Hassprediger oder andere“ gegeben sei. Weiterhin behauptete sie, dass „der Islam“ die „Weltherrschaft“ anstrebe. Michael Stürzenberger, ehemaliger CSU-Pressesprecher, bezeichnete „den Islam“ als „Krebsgeschwür“.4

Vor allem in den Debatten um Moscheeneubauten wie in Köln, Duisburg oder Berlin gab es zahlreiche antimuslimische Stellungnahmen, die unter dem Label „Islamkritik“ gesellschaftsfähig wurden.5 Dieser Rassismus richtet sich gegen jene Personen, die aus einer (christlichen) dominanten gesellschaftlichen Position heraus „als solche wahrgenommen und markiert“ werden. Somit sind auch vom antimuslimischen Rassismus Menschen betroffen, die sich gar nicht als solche verstehen (23). Eine Differenz auf kultureller Ebene und eine „Affinität zum Terrorismus“ durchdringen fast alle Debatten zu dem Thema Islam.

Im Falle des antimuslimischen Rassismus sind Kategorien wie Kultur oder Religion synonym für „Rasse“ zu verstehen. Seit den 1980er Jahren gab es gegen Menschen muslimischen Glaubens ein Dutzend Bombendrohungen und über hundert Anschläge gegen Moscheen mit Brandsätzen und Schusswaffen. Kuhn bemerkt dazu: „Doch der erste Schritt zur Menschenhatz ist immer der pauschalisierte Generalverdacht, die rassistische Zuschreibung negativer Eigenschaften auf ganze Personengruppen. Es sind diese politischen Risikogruppen, die Deutschland wirklich lebensgefährlich machen: die ministeriellen Scharfmacher, uniformierten Blockwarttypen und ressentimentgeladenen Populisten, die in jedem Jugendlichen mit nahöstlicher Herkunft den potentiellen ‚Schläfer‘ sehen.“ (8f). Die Reduzierung auf ihren Glauben und die damit verbundene monothematische Einengung der Persönlichkeit in der Dominanzgesellschaft sind für viele Menschen muslimischen Glaubens ein Problem (10).

Die Exklusionsmechanismen des antimuslimischen Rassismus schaffen eine Abgrenzung nach außen und eine Identitätsstiftung im Innern. Das „fortschrittliche und aufgeklärte Abendland“ auf der einen Seite, das von sich selbst verkörpert wird, und das „rückständige, primitive Morgenland“ auf der anderen Seite werden quasi als naturgegebener Dualismus betrachtet. Kuhn bezieht sich auf Edward Saids Erörterung des „Orientalism“, dem ein „komplexer Prozess des Fremd- uns Different-Machens, (…) eine dualistische Logik zugrunde liegt: ‚die anderen‘ und ‚das abendländische zivilisierte Selbst‘.“ (30). Spätestens seit der westlichen Aufklärung sieht der „Okzident“ den „Orient“ bzw. „den Islam“ als unterlegen und unterentwickelt an, der der „Zivilisierung“ durch den Westen bedürfe.

Die Ursprünge dieser rassistischen Zuschreibungen muslimischer Menschen finden sich bereits im Umfeld der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert. Im Laufe der Jahrhunderte besaßen diese Konstruktionen des antimuslimischen Rassismus immer ihre konjunkturellen Dynamiken. Der heutigen Zeit angepasst wurde nun das alte Feindbild „Islam“ reaktiviert und mit neuen „Thesen“ gefüllt (36). Das traditionelle Islambild bekam durch die Golfkriege und dem Anschlag am 11. September die neue Komponente des „kriegerischen Islam“ (35).

Der Islam in Deutschland erfuhr erst im 20. Jahrhundert eine stärkere Ausprägung. Im Jahre 788 gab es bei einem Besuch von muslimischen Vertretern bei dem späteren Kaiser Karl in Aachen die ersten Kontakte zwischen dem Islam und westlicher Welt.6 Erst im 18. Jahrhundert beginnt aber die eigentliche Geschichte des Islams in Deutschland mit der Gründung dauerhafter islamischer Gemeinden. 1914 wurde in Berlin die erste Moschee errichtet. Im Zuge der rassistischen Politik der Nationalsozialisten befanden sich in allen Konzentrationslagern auch arabische und muslimische Häftlinge. Durch die Anwerbung von „Gastarbeitern“ seit Mitte der 1950er Jahre kamen vermehrt Muslime in die BRD. Heute leben nach Schätzungen ca. 4 Millionen Menschen muslimischen Glaubens in der BRD.

Laut Kuhn bildet der antimuslimische Rassismus in der westlichen Welt auch „Legitimationsstrategien hinsichtlich geopolitischer Expansion und einer neuen Kriegspolitik seitens der NATO-Staaten, als deren Anlass die Anschläge am 11.9. dienten“. (45). Der Ausbau des Überwachungsstaates im Inland steht im Zusammenhang mit einer „zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik“ wie in Afghanistan und im Irak (46). Der Militäreinsatz in Mali wurde damit begründet, den „Islamismus“ einzudämmen. Mit Hilfe dieses Feindbildes wurden geopolitische Einflussnahmen in der afrikanischen Welt verschleiert. Die neue „terroristische Bedrohung durch Islamismus“ diente als Vorwand, um Bürgerrechte außer Kraft zu setzen und einen permanenten Sicherheitsdiskurs zu installieren.

Kuhn schlägt als Gegenstrategien eine Kombination von migrationspolitischen und sozialen Themen vor: „Eine gute Gleichstellungspolitik, interkulturelle Öffnung auf allen Ebenen, Zugang zu Arbeit und Bildung für alle Menschen ist auch eine gute Migrationspolitik.“ (99). Um Partizipation und Inklusion muslimischer Menschen in der BRD voranzubringen, sollten breite gesellschaftliche Bündnisse aus Parteien, Gewerkschaften, religiösen Verbänden, interkulturellen Institutionen sowie antifaschistischer und antirassistischer Gruppen eingegangen werden. Der antimuslimische Rassismus könne laut Kuhn nicht isoliert betrachtet werden. Es wäre auch gleichzeitig „die Frage nach Krieg und Frieden zu stellen, die zutiefst antidemokratische Ausrichtung neoliberaler Wirtschaftspolitik offenzulegen, die von Deutschland forcierten Austeritätsregime mit ihren autoritären Krisenbewältigungsrezepten in Frage zu stellen, einem Sicherheitsregime entgegenzutreten, durch das im Inland Muslime, People of Colour, Asylsuchende und politisch Unliebsame verstärkt Repressionen ausgesetzt sind, der sozialdarwinistischen Diffamierung und Entrechtung der Deklassierten etwas entgegenzusetzen.“ (100).

Der Blog Politically Incorrect (PI) wird leider nur sehr oberflächlich diskutiert und damit seine Verantwortung für den antimuslimischen Rassismus nicht nur in der BRD sträflich vernachlässigt. PI wurde 2004 gegründet und richtet sich laut der Selbstbeschreibung gegen eine befürchtete „Islamisierung Europas“. Der Blog hatte Ende 2011 bis zu 60.000 Besucher pro Tag.7 Damit ist PI wohl der bedeutendste deutschsprachigen Blog dieser Ausrichtung, der bestens mit anderen internationalen antimuslimischen und extrem rechten Personen und Organisationen vernetzt ist.

Die meisten Beiträge dort suggerieren, dass „der Islam“ nicht mit dem Wertekanon christlicher, abendländischer Gesellschaften vereinbar ist und die Scharia in der BRD auf längere Sicht hin das Grundgesetz ablösen soll.8 In den Foren des Blogs finden sich massenhaft rassistische und antimuslimische Beiträge, die die Betreiber unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit akzeptieren. Sebastian Edathy und Bernd Sommer bemerken dort einen Rückgriff auf alte antimuslimische Narrative, die aus der Zeit der „Auseinandersetzung zwischen dem christlichen Abendland und dem islamisch-arabischen Orient“ stammen würden und noch heute in den westeuropäischen Gesellschaften vorhanden seien.9 Außerdem bleiben die Gegenstrategien etwas an der Oberfläche, eine detailliertere Ausführung wäre von Vorteil gewesen.

Trotz dieser Kritikpunkte kann festgehalten werden, dass Kuhns Analyse des antimuslimischen Rassismus und dessen Vertreter eine Bereicherung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Phänomen in der BRD darstellt. Lobenswert hervorzuheben ist ihre Ausarbeitung der Strategien und Aktionsformen und die Verschränkung mit anderen Politikbereichen. Eine lesenswerte Abhandlung, deren Anschaffung sich lohnt.

  1. Decker, O./Kiess, J./Brähler, E. u.a.: Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn 2012 []
  2. Aachener Nachrichten vom 9.1.2014 []
  3. Süddeutsche Zeitung vom 5.9.2014 []
  4. Süddeutsche Zeitung vom 28.5.2011 []
  5. Vgl. dazu Benz, W: Antisemitismus und „Islamkritik“. Bilanz und Perspektive, Berlin 2011 []
  6. Abdullah, M.S.: Geschichte des Islams in Deutschland, Graz-Wien-Köln 1981, S. 24 []
  7. Taz vom 11.2.2012 []
  8. Vgl dazu Müller, D.: Lunatic Fringe Goes Mainstream? Keine Gatekeeping-Macht für Niemand, dafür Hate Speech für Alle – zum Islamhasser-Blog Politically Incorrect, in: März, A. (Hrsg.): Internet: Öffentlichkeit(en) im Umbruch. Marburg 2008, S. 109–126; Schiffer, S: Grenzenloser Hass im Internet. Wie „islamkritische“ Aktivisten in Weblogs argumentieren, in: Schneiders, T.G. (Hrsg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden 2009, S. 341–362; Shooman, Y.: Islamfeindschaft im World Wide Web. in: Benz, W. (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz Feindbild Muslim – Feindbild Jude, Berlin 2009, S. 70–84 []
  9. Sebastian Edathy, S./Sommer, B.: Die zwei Gesichter des Rechtsextremismus in Deutschland – Themen, Machtpotentiale und Mobilisierungsressourcen der extremen Rechten, in: Braun, S./Geisler, A./Gerster, M. (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. Wiesbaden 2009, S. 53ff []