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Desinteresse

Tröglitzer wehren sich nicht gegen die Rechten

Der Leiter der KZ-Gedänkstätte Wille in der Nähe von Tröglitz bemängelt mangelndes Engagement der Bevölkerung gegen Rechtsextreme. In der DDR habe es keine offizielle Entnazifizierung gegeben. Daraus speise sich heute noch die extreme Gesinnung.

VONElisa Makowski

DATUM9. April 2015

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Asylbewerberheim in Tröglitz beklagt Lothar Czossek, Leiter der nahen KZ-Gedenkstätte Wille, mangelndes Engagement der Dorfbevölkerung gegen Rechtsextreme. „Die Tröglitzer wollen Flüchtlinge aufnehmen, aber kaum jemand ist bereit, sich öffentlich dazu zu bekennen“, sagte er am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst. Die Menschen fühlten sich zwar von den Rechtsextremen belästigt. Aber: „Der Ort wehrt sich nicht.“ Im sachsen-anhaltischen Tröglitz war in der Nacht zu Samstag ein Gebäude in Brand gesteckt worden, in dem 40 Asylbewerber Unterkunft finden sollten.

Der 86-Jährige wünscht sich ein konsequentes Vorgehen des Rechtsstaates gegen Neonazis: „Ich hoffe, dass die NPD verboten wird. Die Rechtsextremen sind derartig verbohrt, die nehmen ansonsten auf nichts Rücksicht.“ So seien in den vergangenen Monaten für Proteste gegen das geplante Asylbewerberheim in Tröglitz Neonazis aus dem gesamten Burgenlandkreis mit Bussen angereist.

Anders als in Westdeutschland habe es in der DDR keine offizielle Entnazifizierung gegeben, fügt Czossek hinzu. Daraus speise sich heute noch die extreme Gesinnung. „Auch wenn die Tröglitzer selbst nicht rechtsextrem sind, ist das Desinteresse der Menschen an der Politik extrem angestiegen“, beklagte Czossek. An dem Vorhaben, Flüchtlinge in Tröglitz aufzunehmen, solle man festhalten.

Czossek leitet die KZ-Gedenkstätte Wille in Rehmsdorf bei Tröglitz, ein ehemaliges Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Seit 1972 dokumentiert er die Geschichte des Lagers. Für sein Jahrzehnte langes Engagement wurde er 2013 mit dem Obermayer German Jewish History Award ausgezeichnet. Mit dem Preis werden nicht-jüdische Deutsche geehrt, die in besonderer Weise die jüdische Kultur und Geschichte in Deutschland rekonstruieren.

Lothar Czossek selbst beobachtete im Krieg, wie täglich vor allem jüdische Zwangsarbeiter ins nahe gelegene Werk der Braunkohle-Benzin-AG (Brabag) zur Arbeit marschierten. „Ich bin Augenzeuge, ich darf nicht schweigen“, erklärte der Lehrer im Ruhestand. Für den Preis wurde er von Angehörigen ehemaliger Häftlinge vorgeschlagen.

In Rehmsdorf habe man ihm stets Freiheiten gelassen und ihn auch in seiner Arbeit unterstützt, sagte er. Dennoch habe er sich vereinzelt anhören müssen, dass er mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte aufhören solle. In den vergangenen zwei Jahren habe er zwei Drohbriefe erhalten. In einem stand zu lesen: „Fünf Millionen Deutsche sind durch den jüdisch-bolschewistischen Terror umgekommen, kümmer‘ dich mal lieber um die als um die Juden.“ (epd/mig)

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4 Kommentare
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  1. karakal sagt:

    Ein NPD-Verbot tut es nicht, da deren Mitglieder sonst in den Untergrund gehen und dann schwerer überwachbar sind, und einen „Nationalsozialistischen Untergrund“ haben wir bereits. Da diese Partei von V-Leuten des „Verfassungsschutzes“ durchsetzt ist, wäre dessen Auflösung viel nötiger als ein Verbot der Partei.
    Ansonsten sollte man den Neonazis Umerziehungs- bzw. Integrationskurse verpassen. Es ist eigentlich ein Unding, von Asylanten und ausländischen Immigranten die Teilnahme an Integrationskursen zu verlangen, nicht jedoch von in Deutschland geborenen und aufgewachsenen rassistischen Rechtsextremisten, damit auch diese sich in die freiheitlich-demokratische pluralistische Gesellschaft integrieren.

  2. Monika Fares sagt:

    Stimme karakal voll zu! Klasse auf den Punkt gebracht!

  3. Cill sagt:

    Also der Vorschlag, Integrationskurse für die Neonazis sozusagen zwangsweise durchzuführen, gefällt mir. Aber die Lehrer/innen in den Kursen brauchen eine Zulage, damit sie die Mischpoke ertragen können.

  4. Realist sagt:

    Herr Czossek mag in mancherlei Hinsicht recht haben. Doch kann man das Jahr 1945 nicht mit dem Jahr 2015 vergleichen. Das Problem liegt darin, dass man aus der Sicht der heutigen „einfachen Menschen“ nicht vorbehaltlos für alles und jeden da sein kann. Das schlucken die Leute nicht. Man kann das ignorieren oder die Konsequenzen daraus ziehen. Mit Verbotsschildern ändert man jedenfalls die Menschen nicht. Es gibt den moralischen Edelmenschen und den perfekten Demokraten nicht, darum ist es angebracht, über Verteilungskonflikte und Verteilungsgrenzen in unserer Gesellschaft zu sprechen. Sie sind doch die tiefere Ursache für das Erstarken der Rechten in Europa.



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