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Birkenstock, das Kopftuch für die Füße

Seit 30 Jahren trage ich Birkenstockschuhe. Seit Jahrzehnten trage ich auch ein Tuch auf dem Kopf – so wie Fereshta Ludin, „die mit dem Kopftuch“. Ihre Biographie „Die Enthüllung der Fereshta Ludin“ erschien kürzlich, pünktlich zum aktuellen Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, dem zufolge das Kopftuchtragen Lehrerinnen nun nicht mehr pauschal verboten werden kann.

Birkenstockschuhe und Kopftuch…. Ich sehe da gewisse Parallelen. Sind es harmlose Kleidungsstücke, oder sind es Symbole? Wenn ja, wofür? Beginnen wir mit den Birkenstockschuhen. Schon als ich angefangen habe, diese Sinnbilder der Ästhetik zu tragen, waren sie, wenn ich mich recht erinnere, aus der Mode gekommen. Nur Alt-68-er trugen die Dinger – damals schon. Ich fing trotzdem an, sie zu tragen. Möglicherweise aus Gründen fehlendes modischen Bewusstseins oder auch, um zu provozieren. Keine Ahnung. Mit Sicherheit aber aus einem Grund: Die Dinger sind erstens ewig haltbar und zweitens unglaublich bequem.

Letztes Jahr hat mir eine ebenso exzentrische, gute Bekannte, die nicht nur mit Birkenstockschuhen, sondern darüber hinaus auch im Hochsommer mit pinkfarbenen Ohrenwärmern herumläuft, ihr Ersatzpaar geschenkt. Und zwar diese geschlossenen, die schon in den Achtzigern in Lehrerkreisen als so unübertroffen hässlich galten, dass nur die echten Holzfällertypen und Deoverweigerer, Kategorie Hemmingway, sie trugen. Meine Kinder wollen vor Scham nun schier im Boden versinken, wenn ich damit in die Öffentlichkeit gehe. „Mama! Muss das sein?“ „So gehe ich nicht raus mit dir!“ …und immer wieder: „WARUM?“ Man sollte meinen, ein Kopftuch sei schlimm genug.

Warum? Sehr berechtigte Frage. Wie bereits erwähnt – die Antwort darauf weiß ich bis heute nicht so genau. Zu Anfang waren die Birkenstocks noch nicht so verschrien. Sie waren nur „ein bisschen aus der Mode gekommen“ und „ziemlich hässlich“. Heute sind sie „unerträglich hässlich“ und „Inbegriff einer Provokation“. Die Zeiten sind härter geworden und das Denken zunehmend undifferenzierter. Birkenstockschuhe sind, wie das Kopftuch, zum Symbol einer „Totalverweigerung“ geworden. Der Fehdehandschuh, wütend vor die Füße geknallt. So wird es zumindest von Millionen von Empfängern wahrgenommen. Nur: Was sagt eigentlich der Sender dazu? Und Verweigerung wogegen eigentlich? Es wäre einer konstruktiven Diskussion sehr zuträglich, dies näher zu erörtern. So einfach ist es nämlich nicht. Und was, wenn die empfangene Botschaft, die „Message“, in keinster Weise mit der gesendeten, beabsichtigten, übereinstimmt? Die gesendete Botschaft muss keineswegs identisch sein mit der empfangenen. Sie kann identisch sein. Sie kann auch gewisse Ähnlichkeiten aufweisen – sie kann aber auch völlig verschieden sein. Resultat: Das sogenannte Missverständnis.

Wenn ich zu meinem Mann sage „Man – es ist kalt heute!“, ist es dann meine Schuld, wenn er sonst was in diesen Satz hinein interpretiert? Etwa „Ich hasse diese Klimazone!“ oder „Ich habe dir faulem Biest doch schon letzte Woche gesagt, du sollst die Heizung mal entlüften – aber nein! Jetzt haben wir den Salat!“ oder „Weil du nur Teilzeit arbeitest, können wir uns keinen Ägyptenurlaub leisten und müssen hier frieren!“ Ich bitte Sie um Ihre Meinung! Ist es meine Schuld, wenn mein Mann irgendwelche derartigen wirren Assoziationen hat, nur weil ich darauf hinweise, dass es heute kalt sei? Es ist möglich, dass ich durch diese harmlose Aussage so etwas andeuten will oder unbewusst im Hinterkopf habe. Es ist aber genauso gut möglich, dass ich nicht im entferntesten Hirnwinkel derartige Gedanken habe. Dann wäre die Assoziation meines Mannes nicht mehr und nicht weniger als eine haltlose, paranoide Unterstellung. Nix mit Mediation und alle haben ein bisschen Recht! Es gibt Situationen, da hat einer Recht, und der andere Unrecht. Fertig. Nicht oft, aber es gibt sie. Das ist zumindest meine Meinung.

Selbst, wenn wir annehmen, das Tuch (oder die Birkenstocks) seien eine Totalverweigerung gegen irgendwas, ist der Denkprozess hier noch lange nicht zu Ende. Ab einem IQ von 90 sollte die Selbstachtung dies gebieten. Verweigerung wogegen? Gegenüber Frauenrechten und aufgeklärtem Denken? Verweigerung gegenüber der Ausbeutung der Frau als Sexobjekt – ein Missstand, an den wir uns inzwischen vollkommen gewöhnt zu haben scheinen? Verweigerung gegenüber einer hohlen, neoliberalen Konsumgesellschaft? Oder vielleicht, ganz grundlegend: Verweigerung gegenüber jeglicher Form von Entmündigung und Schubladendenken?

Was mich persönlich angeht, so trifft dies wohl am ehesten zu. Ich möchte mich weder von männlichen muslimischen Theologen noch von Alice Schwarzer, Heidi Klum oder irgendwelchen neoliberalen Strippenziehern entmündigen und definieren lassen. Tatsächlich schaffe ich es auch nach einem Vierteljahrhundert immer noch nicht, meinen Kopf so ganz relaxt zu bedecken. Sagen wir so: Meine Birkenstocks trage ich relaxter als mein Kopftuch. Das sind nämlich zwei völlig unterschiedliche Kaliber. Ich rege mich tatsächlich immer noch höllisch darüber auf, dass das Kopftuch unwidersprochen als islamisches Symbol der Frauenunterdrückung gilt, und dieses Denken sogar Eingang in die Rechtssprechung gefunden hat. Denn fest steht: Im Islam bedecken auch Männer traditionsgemäß die Köpfe. Das islamische Kopftuch ist tatsächlich kein Symbol, schon gar nicht für Unterdrückung. Dieser Gedanke stammt vielmehr aus der Bibel, nämlich dem ersten Korintherbrief. Paulus erklärt dort, dass Frauen in der Kirche ihr Haupt bedecken sollen, weil nur Männer als das Ebenbild Gottes gelten könnten. Dieser nun wirklich diskriminierende Gedanke wird mit wachsender Begeisterung dem Islam unterstellt, wo er aber nicht das Geringste verloren hat.

Ein emotional unbeschriebenes Blatt ist zumindest mein Kopftuch also nicht. Hinweisen sollte ich aber auf zwei Dinge. Erstens – mein Protest gegen Fremdbestimmung aller Art ist längst nicht mein einziges Motiv für das Tragen von Kopftuch und Birkenstocks, sondern nur eins von vielen. Welches Motiv das aktuell vorherrschende ist, hängt maßgeblich von der Reaktion der Umwelt ab, dessen bin ich mir bewusst. Zweitens: Zweifellos kann ich nur für mich selbst sprechen.

Fereshta Ludin schafft es ganz offensichtlich besser als manch andere, zumindest besser als ich, das Spiel nicht mitzuspielen. Sich, trotz allem, nicht in eine Trotzhaltung drängen und sich selbst über das Tragen von Tüchern oder anderen Kleidungsstücken definieren zu lassen. Sie hat eine beeindruckend würdevolle und ruhige Ausstrahlung. Eine leicht empörte Rezensentin merkte an, es sei äußerst verwunderlich, dass Ludin in ihrer Biographie so wenig zu ihren Motiven sage. Warum kämpft sie so sehr für das Recht, ein Tuch zu tragen? Wenn nicht – so der wahrscheinlich unausgesprochene Gedanke – weil sie es für ein religiöses Gebot von höchster Priorität hält und fürchtet, sonst ewig in der Hölle zu schmoren. Wenn nicht – so der wahrscheinliche Gedanke – weil sie eben doch eine religiöse Fanatikerin mit einem archaischen Gottesbild sei.

Die Vorstellung, dass Fereshta Ludin für etwas ganz anderes kämpft, kommt der Rezensentin nicht in den Sinn. Nämlich für das Recht der Selbstbestimmung. Das Recht, selbst zu bestimmen, wie frau sich kleidet und wie frau ihre Religion interpretiert. Das Tuch, so behauptet Ludin – die hartnäckigste, berüchtigste Kopftuchverfechterin Deutschlands – sei für sie kein Symbol. Es sei ein Kleidungsstück, nicht mehr. Vielleicht stimmt das. Vielleicht hat sie es wirklich geschafft, zu verhindern, dass ihr persönliches Kopftuch ein Symbol für irgendetwas geworden ist. Wenn ich mir Fereshta Ludin so anhöre und angucke, neige ich dazu, ihr zu glauben. „Kopftuch ab!“ kann ich da nur sagen, dafür gebührt ihr Respekt. Es wäre ein grober Fehler, die eigenen pubertären Reaktionen und schlichten Menschen- oder Gottesbilder voreilig auch anderen zu unterstellen. Gut denkbar ist z.B., dass Fereshta Ludin eine weit emanzipiertere Frau ist als eine erfolgreiche Journalistin, die vielleicht artig seit Jahrzehnten in Alice Schwarzers Fußstapfen läuft, ohne es zu merken.

Eine Frage sei noch in den Raum gestellt: Würde man einem Lehrer das Tragen irgendeines anderen Kleidungsstücks untersagen, nur weil es vermeintlich ein Symbol für irgendetwas ist? Kaum. Einem Lehrer, der Doc-Martens-Stiefel trägt, jedoch sowohl durch sein Auftreten als auch durch seine Äußerungen dazu glaubhaft macht, dass er kein Neonazi ist, würde niemand dies unterstellen, ohne sich lächerlich zu machen und Eltern- und Lehrerschaft gegen sich aufzubringen. Es wäre toll, wenn es uns gelänge, Kopftuchträgerinnen dieselbe Chance zu geben. Die Chance, sie als Persönlichkeiten zu sehen – nicht als fremdbestimmte Repräsentanten einer hinterwäldlerischen Ideologie. Denn das wäre nicht mehr und nicht weniger als eine haltlose, paranoide Unterstellung.