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8. April, Internationaler Roma-Tag

Bürgerrechte stärken – Antiziganismus abbauen

Berichte über Roma sind fast ausschließlich negativ und vorurteilsbehaftet, wie Debatten über „Armutszuwanderung“ und „Asylmissbrauch“ zeigen. Im Kontrast dazu steht der Internationale Roma-Tag am 8. April. Das Datum erinnert an die Anfänge der Roma-Bürgerrechtsbewegung – eine Geschichte jenseits von Klischees und Stereotypen.

Am 8. April, dem Internationalen Roma-Tag, machen Roma1 und Nicht-Roma weltweit auf die realen Lebensumstände der Minderheitsangehörigen aufmerksam. Aus diesem Grund fanden v.a. in den letzten Jahren viele Solidaritätsaktionen statt, um gegen Antiziganismus und die Ausgrenzung der Roma zu appellieren. Auch Hilary Clinton meldete sich 2012 anlässlich des Internationalen Roma-Tages zu Wort und verwies auf die Verantwortung von Regierungen gegenüber den Roma.

Schätzungsweise 10 bis 12 Mio. Roma leben in Europa. Zwischen den einzelnen Gruppen in den verschiedenen Ländern existieren große regionale Unterschiede. Entgegen vieler Vorurteile sind sie keine „Fremden“, sondern leben seit Jahrhunderten in Europa. Wie die Mehrheitsgesellschaften sind sie gleichermaßen von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Wandlungsprozessen betroffen und ihre politischen Vertretungsorgane versuchen, darauf zu reagieren. Doch warum wurde für den Internationalen Roma-Tag ausgerechnet das Datum des 8. April gewählt und was bedeutet dieser Tag für die Roma?

Anfänge einer internationalen Bürgerrechtsbewegung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begannen Roma verstärkt für ihre Bürgerrechte zu kämpfen. Die Verfolgungserfahrungen nach dem nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma hatten ein kollektives Bewusstsein einzelner Minderheitengruppen in Europa geschärft. Sie begannen sich in den Nationalstaaten des geteilten Europas politisch zu organisieren. Zeitgleich kam es seit Ende der 1960er Jahre zur Gründung von Protestbewegungen in West und Ost, zu globalen Dekolonisierungsprozessen und der Entstehung von neuen sozialen Bewegungen. In diesem Kontext begannen sich vornehmlich Aktivisten der Neuen Linken sowie Menschen- und Bürgerrechtsvereinigungen in Europa auch mit der Situation der Roma auseinanderzusetzen.2 Dadurch erhielten die Roma die notwendige politische Unterstützung, um ihre Forderungen öffentlich bekannt machen zu können. Ihr Ziel war es, einzelne nationalstaatliche Selbstvertretungsinitiativen transnational zu vereinigen, um von supranationalen Institutionen wie dem Europarat und der UNO anerkannt zu werden.

Am 8. April 1971 kam es schließlich auf dem Ersten Welt-Roma-Kongress in London zu einer internationalen Zusammenkunft von Delegierten nationaler Roma-Bürgerrechtsorganisationen aus 14 Ländern, mit dem Ziel, die Zusammenarbeit im Kampf gegen Diskriminierungen und um Bürgerrechte zu stärken.

Von der Fremd- zur Selbstdefinition: Der Erste Welt-Roma-Kongress

Auf diesem mehrtägigen Kongress wurden wesentliche Konzepte und Strategien für die weitere Entwicklung internationaler und nationaler Bürgerrechtsbewegungen der Roma entwickelt. Eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Zusammenkunft war die beschlossene Ablösung von abschätzig konnotierten Fremdbezeichnungen wie „Zigeuner“. Stattdessen einigten sich die Delegierten auf die allgemeine Selbstbezeichnung „Roma“ als Überbegriff für alle Angehörigen der Minderheit. Damit wollten sie die Kontrolle über die Auslegung ihrer eigenen Identität zurückerlangen und diese den Stereotypen der Mehrheitsgesellschaften entgegenstellen.

Zugleich entstand die Idee einer transnationalen Nation, für die eine Nationalhymne und -flagge ausgesucht wurden. Die Roma definierten sich somit als eine eigenständige in der Diaspora lebende Sprach- und Kulturnation mit einer gemeinsamen Geschichte, deren Wurzeln in der indischen Herkunft lägen.3 Diese Nationsidee symbolisierte den Wunsch nach Einigung der Roma in Europa, um so gemeinsam für den Abbau von Diskriminierungen kämpfen zu können.

Protest und NS-Aufarbeitung: Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland

In der Folgezeit gründeten sich weitere Selbstorganisationen in zahlreichen Ländern, darunter auch in Westdeutschland. Seit Mitte der 1970er Jahre machte dort eine nationale Bürgerrechtsbewegung mit Protest- und Informationsaktionen auf den nationalsozialistischen Völkermord sowie die Diskriminierung der Sinti und Roma in der Bundesrepublik aufmerksam.

Den entscheidenden Durchbruch erzielte die Bürgerrechtsbewegung mit zwei Demonstrationen, die international Aufsehen erregten: Die Gedenkkundegebung im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen 1979 und der Hungerstreik im ehemaligen Konzentrationslager Dachau 1980. Geschickt verbanden die Bürgerrechtler die Mahnung des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma mit politischen Forderungen für die Gegenwart zum Abbau von Vorurteilen und Diskriminierungen. Zahlreiche Medien im In- und Ausland berichteten über die Proteste. Prominente Politiker wie die Präsidentin des Europäischen Parlaments Simone Veil oder Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel solidarisierten sich mit der Bewegung.

Auf Grund dieser Erfolge fand der Dritte Welt-Roma-Kongress 1981 in Göttingen statt. 1982 gründete sich die nationale Dachorganisation „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“, die bis heute von Romani Rose in Heidelberg geleitet wird. Wenige Monate später erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den NS-Völkermord an den Sinti und Roma erstmals offiziell an.

Seit seiner Gründung trieb der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ die Aufarbeitung der NS-Verfolgung der Sinti und Roma maßgeblich voran. Er leistete damit einen großen Beitrag zum Abbau von Diskriminierungen gegenüber der Minderheit. Mit der gesetzlichen Anerkennung der Sinti und Roma als nationale Minderheit in Deutschland im Jahr 1995 erreichte er ein zentrales Ziel der bundesdeutschen Bürgerrechtsbewegung.

Roma im heutigen Europa

Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene durchliefen die Bürgerrechtsbewegungen der Roma ähnliche Entwicklungen wie andere Menschen- und Bürgerrechtsbewegungen, die seit Ende der 1960er Jahre entstanden. Sie adaptierten dabei sowohl Organisations- und Protestformen von neuen sozialen Bewegungen dieser Zeit als auch Nations- und NS-Aufarbeitungskonzepte von jüdischen Selbstvertretungen. Die Orientierung an diesen beiden Vorbildern führte zu den wesentlichen Erfolgen der Bürgerrechtsbewegungen der Roma bis Ende der 1980er Jahre. Doch wo stehen die Bürgerrechtsbewegungen heute?

Trotz dieser Erfolge sind Antiziganismus und die Ausgrenzung der Minderheiten weiterhin in ganz Europa verbreitet. Die politischen Transformationsprozesse in Osteuropa nach dem Umbruch 1989 führten zu einer Zersplitterung und Polarisierung der europäischen Bürgerrechtsbewegungen der Roma. Zwar erhielten die Bürger Osteuropas mit dem Fall des Eisernen Vorhangs mehr Rechte, für die Roma galten und gelten diese jedoch meist nur auf dem Papier. Immerhin gründete sich eine Vielzahl neuer Bürgerrechtsgruppen. Wirtschaftliche Krisen, die Balkankriege und der Anstieg von Nationalismus und Rassismus in den post-kommunistischen Staaten verschlechterten jedoch die soziale und politische Lage der Roma dramatisch.

Auf internationaler Ebene gingen die Interessen seitdem stark auseinander. Forderungen nach einer Anerkennung der Roma als transnationale europäische Minderheit konkurrierten mit den Status als nationale Minderheiten in den Einzelstaaten. Auch in der Bundesrepublik differenzierten sich unterschiedliche politische Lager aus. Während der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ vor allem die Minderheitsangehörigen mit deutscher Staatsbürgerschaft vertritt und entschädigungsrechtliche sowie erinnerungs- und minderheitenpolitische Ziele in den Vordergrund rückt, wollen andere Verbände Verbesserungen im Asylrecht und in der Integration ausländischer Roma in der Bundesrepublik erreichen. Denn seit Ende der 1980er sind viele Roma vor Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen in Ost- und Südosteuropa nach Deutschland geflohen.

Seit Mitte der 1990er Jahre nahmen sich vermehrt auch europäische Institutionen wie der Europarat, die KSZE und die Europäische Union den Problemen der Roma an. Sie riefen unterschiedliche politische Programme zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage ins Leben. Dass diese die Ungleichheit bislang nicht beseitigen konnten, kann unter anderem dadurch erklärt werden, dass es vielerorts noch an einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den europäischen Instrumenten der Roma-Politik und den Roma-Bürgerrechtsorganisationen mangelt. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel werden von den Einzelstaaten oft nicht abgerufen oder kommen bei den Roma nicht an, auch auf Grund von Korruption und zu kurzfristigen Projektlaufzeiten. Darüber hinaus werden Integrationsprojekte nur selten mit Instrumenten der Antiziganismusprävention verknüpft. Der Abbau von Vorurteilen, die seit Jahrhunderten tradiert werden, ist indes ein langwieriger Prozess. Die Segregation der Roma von den Mehrheitsgesellschaften ist meist das größte Problem.

Gemeinsame Initiativen wagen

Die Bürgerrechtsbewegungen der Roma haben stets versucht, auf die Wandlungsprozesse in Europa zu reagieren. Bislang erhielten sie von den politischen Organisationen jedoch noch keine ausreichende Unterstützung. Stets mussten sie sich ihre Rechte mit Protesten und Eigeninitiativen selbst erkämpfen, obwohl die Verantwortung für die Integration von Minderheiten bei den europäischen Mehrheitsbevölkerungen liegt. Es genügt nicht, den Roma lediglich am Internationalen Roma-Tag Wertschätzung und Solidarität auszusprechen. Um ein gemeinsames Ziel erreichen zu können, sollten die Bürgerrechtsorganisationen als Gesprächspartner beim Abbau von Antiziganismus ernster genommen werden. Die politische Instrumentalisierung von antiziganistischen Vorurteilen zur Einschränkung von EU-Freizügigkeitsrechten und des Asylrechts ist hierfür der falsche Weg.

  1. Der Roma-Begriff wird auf europäischer Ebene als Sammelbezeichnung für die unterschiedlichen Minderheitengruppen in Europa verwendet. Da ich in diesem Artikel auch auf die deutsche Minderheit eingehe, verwende ich darüber hinaus den Terminus Sinti und Roma. []
  2. In der Bundesrepublik Deutschland leistete die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ Ende der 1970er Jahre Unterstützung beim Aufbau der Bürgerrechtsbewegung. []
  3. Die Roma stammen von einer kleinen Bevölkerungsgruppe ab, die vor etwa 1.500 Jahren im Nordwesten Indiens lebte. []