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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Umdenken notwendig

Warum die Kopftuchdebatte auf einer Fehlannahme beruht

Das Kopftuch ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau. Darauf berufen sich viele Befürworter eines Kopftuchverbots an deutschen Schulen. Was aber, wenn dies keine Wahrheit, sondern eine pauschalisierte Behauptung ist? Zwölf Jahre lang durften kopftuchtragende Frauen an deutschen Schulen nicht unterrichten – putzen aber schon. Nun wurde das Verbot vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Die negativen Assoziationen mit der Haarbedeckung in der deutschen Gesellschaft werden damit jedoch noch nicht beseitigt. Deshalb ist jetzt ein Umdenken notwendig.

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Zwei muslimische Frauen mit und ohne Kopftuch (Symbolfoto) © anuarsalleh auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONIrene Amina Rayan

 Warum die Kopftuchdebatte auf einer Fehlannahme beruht
Irene Amina Rayan studierte Politik und Arabistik in Göttingen, Los Angeles und Beer Sheva. Ihre Magisterarbeit "The Emergence of the anti-Mubarak movement: A Political Opportunity Structure Approach" wurde von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen als beste Magisterarbeit des Jahrgangs ausgezeichnet und mit dem akademischen Nachwuchspreis die "Goldene Eule" prämiert. Sie lebt in Berlin, wo sie für das deutsch-ägyptische Netzwerk Mayadin al-Tahrir e.V. Öffentlichkeitsarbeit macht und Kulturveranstaltungen organisiert. Auf Twitter heißt sie @amina_rayan.

DATUM7. April 2015

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RESSORTAktuell, Meinung

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Nonnen, orthodoxe Jüdinnen, deutsche Frauen in der Nachkriegszeit – sie alle kennt man mit Haarbedeckungen. Eine große Debatte in Deutschland löst jedoch nur das islamische Kopftuch aus. Denn mit ihm wird automatisch eine Unterdrückung der Frau assoziiert. Kleidung ist aber kein pauschales Zeichen für den Emanzipationsgrad einer Person und das Kopftuch ist kein Hindernis für ein emanzipiertes Leben.

Wenn Musliminnen tatsächlich unterdrückt werden, ist nicht der Islam oder das Kopftuch die Ursache dafür, sondern gesellschaftliche Strukturen und Menschen, die sie unterwerfen. Anzunehmen, dass eine Religion oder ein Kleidungsstil per se die Quelle solcher Ungerechtigkeiten seien, ist schlichtweg oberflächlich und falsch. Ein Kopftuch hindert weder am eigenständigen Denken und Handeln, noch am Studieren, Arbeiten oder Verfolgen der eigenen Ziele.

Prominente Kopftuchträgerinnen machen es vor: Die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai begann mit elf Jahren ein Blog-Tagebuch für die BBC über Gewalttaten der pakistanischen Taliban im Swat-Tal zu schreiben. Die Journalistinnen Khola Maryam Hübsch und Kübra Gümüşay schreiben und reden mit klugen Argumenten allen Kritikern und Stereotypen zum Trotz. Die britische Fashion-Bloggerin Dina Tokio hat gerade ihre erste eigene Kollektion entworfen. Poetry-Slammerin Leila Younes el-Amaire ist genauso wortgewandt wir ihre männlichen Kollegen. Junge Mädchen in Afghanistan erobern auf Skateboards die Pisten des Landes. Dies sind nur wenige prominente Beispiele. Unzählige Kopftuchträgerinnen führen weltweit ein selbstbestimmtes Leben.

Ein Vorurteil „Made in Germany“

Bereits in den 1980er Jahren haben massenmediale Geschichten wie „Nicht ohne meine Tochter“ den Stereotyp des repressiven islamischen Mannes geprägt. Der aufgeklärte Westen wird dem gegenüber als eine freie Gesellschaft, in der Frauen Gleichberechtigung genießen, präsentiert. Nicht umsonst endet die Verfilmung der Entführungsstory mit einer symbolhaften Szene, in der Mutter und Tochter ihr Happy End finden, als sie die im Wind wehende amerikanische Flagge der US-Botschaft erblicken.

Es sind solche popularisierten Negativbeispiele, die als Grundlage für die Entstehung von pauschalen Vorurteilen gegenüber dem Islam dienen. Eines davon ist die Fehlannahme, das islamische Kopftuch sei gleichbedeutend mit Geschlechterungleichheit. Auch Politiker und Journalisten haben diesen Stereotyp internalisiert und reinforcieren ihn tagtäglich. Dies zeigte sich zuletzt wieder an den Reaktionen auf das Karlsruher Kopftuchurteil.

So sagte der scheidende Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln Heinz Buschkowsky (SPD) im RBB-Inforadio, das Urteil erschwere den Kampf gegen religiösen Fundamentalismus. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer kündigte an, dass die CSU alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen wolle, „damit das Christentum bei uns in Bayern privilegiert bleibt und weiterhin das prägende Wertefundament für unsere Gesellschaft ist.“ Die Vizechefin der NRW-Frauenunion und nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Ina Scharrenbach (CDU) sieht das Urteil ebenfalls kritisch: „Das Kopftuch ist für mich ganz klar ein Symbol der Geschlechtertrennung.“ CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach sagte: „Das Tragen eines Kopftuches ist nicht nur Ausdruck einer privaten religiösen Überzeugung, sondern der bewussten kulturellen Abgrenzung zur christlich-jüdischen Tradition unseres Landes. Eine islamische Tradition haben wir nicht.“

In den Zitaten wird deutlich, wie Politiker das jüngste Karlsruher Kopftuchurteil mit Geschlechtertrennung, religiösem Fundamentalismus und der Gefährdung des Privilegs des Christentums in Verbindung bringen – unberechtigte Überreaktionen, die im Zweifelsfall Ängste bei Bürgern schüren. Auch kritische Stimmen in den Medien verbreiten ganz selbstverständlich negative Assoziationen mit dem Kopftuch. So schrieb Iris Radisch in der Zeit (Nr. 12/15):

„Denn bewundernswerte Vorbilder sollen Lehrer und Lehrerinnen schließlich sein. Ganze Menschen, die mit Haut und Haar nicht nur Rahmenpläne, sondern auch menschliche Haltungen vermitteln. Und dazu kann, bei allem Respekt, kaum diejenige gehören, nach der weibliches Lehrerinnenhaar unrein und vor Männerblicken zu verbergen sei.“

„Muslimisches Leben in Deutschland“ ist eine der wenigen Studien, die der Frage nachgeht, warum Musliminnen ihre Haare verschleiern. Methodisch ist sie etwas fragwürdig, weil die befragten Frauen nur zehn vorformulierte Gründe ankreuzen konnten, anstatt selber zu artikulieren, was ihre Beweggründe für das Tragen ihres Kopftuchs sind. Dennoch bietet uns das Ergebnis des Fragebogens einen groben Überblick möglicher Gründe: „Aus religiöser Pflicht“ wurde mit über 92% am meisten angekreuzt. Darauf folgen „Vermittelt mir Sicherheit“ (43,3%) und „Um in der Öffentlichkeit als Muslima erkennbar zu sein“ (36,0%) auf Platz zwei und drei. Radischs Motiv des Versteckens unreinen Haars wird in keiner Weise genannt. Basierend auf ihrer fragwürdigen Behauptung führt Radisch fort:

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20 Kommentare
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  1. Labi sagt:

    Ich finds schade dass von den muslimischen Kopftuchträgern sich nicht die Frage gestellt wird warum man denn das Kopftuch mittlerweile bei uns nicht mehr trägt. Man ignoriert auch, dass der neue Trend wieder zur Verschleierung zu greifen nicht von Muslimen aus Deutschland kommt, sondern aus der Türkei und hier über die DITIB und Co. verbreitet wurde. Früher waren die Türken was ihre Religion angeht fortschrittlicher gewesen als heute. Das Kopftuch ist das Symbol für die Rolle rückwärts. Und es ist meiner Meinung nach vollkommen legitim das Kopftuch als rückwärtsgewand und der Emanzipation der Frau entgegenwirkend. Das Kopftuch regt muslimische Männer leider dazu an Frauen zwischen Schlampen (Frauen ohne KT) und Frauen denen sie respekt entgegen bringen (Frauen mit KT) zu unterteilen. Selbst für muslimische Männer ist klar, dass das Kopftuch nicht nur ein Stück Stoff ist, sondern über das Verhalten und die Rolle der Frau Auskunft gibt. Die Muslima mit KT wird nicht ständig dumm von ihren Glaubensbrüdern angemacht die Frau ohne Kopftuch muss sich jedesmal einen dummen Spruch anhören.

    Dass das Kopftuch sich in Deutschland nicht großer beliebtheit erfreut, war und ist auch allen klar gewesen und man hat sich in den muslimischen Vereinen auf die Fahne geschrieben dass das Kopftuch wichtiger ist als Frieden. Aus dem Recht der Religionsfreiheit wurde eine Pflicht ständig Religion vor sich herzuschleppen und man hat sich entschieden dies gegen die Mehrheitsgesellschaft durchzusetzen. Man nimmt in Kauf die Gesellschaft zu spalten.

    Wie kann das gleiche Kleidungsstück das in Diktaturen, Frauen auferzwungen wird bei uns aufeinmal ein harmloses Stück Stoff sein? Es ist offensichtlich dass man in diesem Punkt angelogen wird. Es fehlt nach wie vor auch der Nachweis der religiösen Pflicht ein KT tragen zu müssen. Im Koran geht zumindest nichts eindeutiges hervor.

    Wäre das KT nur ein Stück Stoff könnte man es auch in der Öffenlichkeit ausziehen und man müsste als Lehrerin nicht vors BVerfG ziehen. Wäre es nur ein Stück Stoff würde ich KT auch in Diskotheken sehn.

    Es ist mir ganz wichtig festzuhalten, dass das Kopftuch über das friedliche zusammenleben gestellt wird.

  2. aloo masala sagt:

    Die falsche Grundannahme benötigt man als Steigbügel, um der unterdrückten muslimischen Frau vorzuschreiben, was Sie zu tun und zu lassen hat, ohne sich um ihre Würde als Mensch, die Gleichberechtigung der Frau und um Religionsfreiheit zu scheren. Das nennt man dann aufgeklärt und fortschrittlich. Wer dem nicht zustimmt, ist ein Hinterwäldler, der Unfrieden stiftet, provoziert und nicht in diese Gesellschaft passt. Besser kriegen die Taliban die Entmündigung der Frau auch nicht hin.

  3. karakal sagt:

    In NRW war von einem Gericht einer muslimischen Lehrerin das Tragen selbst einer neutralen Baskenmütze während des Unterrichts verboten worden. Das zeigt doch nur zu deutlich, daß es den das Kopftuchverbot befürworteten Verantwortungsträgern in Politik und Justiz in Wirklichkeit gar nicht um die propagierte angebliche Neutralität des Staates geht, sondern darum, die Minderheit der Muslime zu diskriminieren und zu demütigen, und daß diese angeblich zu wahrende Neutralität des Staates nur ein Vorwand ist.
    In einem anderen Bundesland unterrichtet ein Lehrer im Outfit eines Punkers und niemand der Schüler oder Schülerinnen und der Eltern hat etwas dagegen. Warum wird diesem Lehrer gestattet, im Unterricht seine Weltanschauung öffentlich zur Schau zu tragen, während es muslimischen Lehrerinnen verboten ist, die für sie verbindliche religiöse Bekleidungsvorschrift einzuhalten?
    Führende österreichische Juristen sind zur Erkenntnis gelangt, daß Kopftuchverbote für Lehrerinnen für die Integration kontraproduktiv sind, und daß Lehrer und Lehrerinnen nicht solch unmittelbare Vertreter des Staates sind wie Polizisten /-innen und Richter /-innen, weswegen bei ihnen eine solch äußerlich gezeigte Neutralität nicht erforderlich ist, was sich z. B. auch darin äußert, daß Polizisten /-innen im Dienst Uniform tragen und Richter /-innen Roben, während für Lehrer /-innen keine besondere Dienstkleidung vorgesehen ist. Logischerweise müßte dann im Gegenzug zum Kopftuchverbot eine uniforme Dienstkleidung für alle Lehrer und Lehrerinnen stehen. Das Kopftuchverbot ist jedoch nicht logisch, sondern irrational.
    Die heute von muslimischen Mädchen getragene Kleidung entspricht häufig trotz Kopftuch nicht den islamischen Bekleidungsvorschriften: Man sieht sie bspw. mit gut in ein Kopftuch eingehülltem hoch und dick auf dem Kopf aufgetürmten Haar aber unten herum in eng anliegenden Jeans-Hosen und sich deutlich abzeichnenden Hüften und Brüsten und in hochhackigen Schuhen. Was macht die korrekte Bedeckung des Haupthaars für einen Sinn, wenn die anderen körperlichen Reize in derart unislamischer Weise zur Schau gestellt werden? Trotzdem würde dann einer solchen Muslima als Lehrerin der Unterricht an einer staatlichen Schule allein wegen ihres Kopftuchs verboten. Das ist wirklich grotesk!
    Auch die Deutung des Kopftuchs als „Symbol“ für irgendetwas ist in den meisten Fällen abwegig und allgemein nur ein Scheinargument. Denjenigen, die das Kopftuch als Symbol für die Unterdrückung der Frau sehen, könnte man antworten, daß das Kopftuch auch als „Symbol“ für die Unterdrückung des Mannes gedeutet werden kann: Die emanzipierte muslimische Frau, die ihre Religion praktiziert und daher auch in der Öffentlichkeit ihr Haupthaar bedeckt, hat bei der Heirat von ihrem Ehemann eine Brautgabe erhalten und bezieht vielleicht aus dem Erbe ihres verstorbenen Vaters ein Einkommen. Nach dem islamischen Recht steht ihr dieses Vermögen und die Verfügungsgewalt darüber allein zu, während ihr Ehemann es nicht antasten darf, sondern für den Unterhalt seiner eigenen Person, seiner Ehefrau und der gemeinsamen Kinder aufzukommen hat. Die muslimische Frau kann mit diesem ihrem Vermögen ohne die Einwilligung ihres Mannes Geschäfte tätigen und es vermehren. Reicht nun das Einkommen ihres Mannes nicht für den Unterhalt der Familie aus und unterstützt die Ehefrau ihn dabei aus ihrem eigenen Vermögen, ohne religionsrechtlich dazu verpflichtet zu sein, dann kann er dadurch in Abhängigkeit von ihr geraten, und sie kann ihm bspw. damit drohen, auf Grund seiner Unfähigkeit zur Versorgung seiner Familie die nach islamischem Recht zulässige Forderung nach gerichtlicher Auflösung der Ehe zu stellen, wenn er nicht tut, was sie will. Das kann man dann als Unterdrückung des Mannes durch die Frau ansehen. Demnach wäre das Kopftuch auch ein „Symbol“ für die Unterdrückung des Mannes!

  4. Labi sagt:

    @karakal

    Danke dass Sie Ihre Sicht auf Ihren persönlichen Glauben mit uns teilen, aber was hat das mit dem Thema zu tun? Inwiefern wird denn jetzt der Mann unterdrückt?

  5. Petra sagt:

    Liebe Frau Rayan,

    zunächst eine Kleinigkeit. Wenn 92% der befragten Kopftuchträgerinnen angeben, damit religiöse Pflichten zu erfüllen, ist damit auch eine eindeutige Aussage hinsichtlich der Unreinheit der Haare getroffen. Es geht dabei um die annahme, dass es für eine Muslima eine „unreine Handlung“ darstellt, wenn sie ihr entblößtes Haar zeigt. Unrein ist hier als ungehörig im Sinne der Erfüllung religilser Pflichten zu verstehen. Ich bin ein wenig überrascht dass Sie das aus dem Text von Iris Radisch nicht rauslesen bzw. nicht rauslesen wollen.

    Wir können uns alle drehen und wenden wie wir wollen: das Kopftuch ist eine von Männern erfundene Kleidervorschrift zur Kontrolle der Frau. Es mag zu Zeiten Mohammeds Gründe für die Kenntlichmachung von (verwitweten) Frauen gegeben haben; heute sind diese obsolet.

    Dass Sie einerseits die Stereotype, die in NICHT OHNE MEINE TOCHTER massiv bedient werden, hinsichtlich der kitschigen US-Fahne erwähnen, andrerseits aber mit keiner Silbe darüber schreiben, was Frauen seit der Gründung der Islamischen Republik Iran angtan wurde und wird – angefangen mit der Kopftuchpflicht für alle Frauen; Ausschluss von Frauen von Richterämtern u.ä.; die Möglichkeit zur Vielehe für Frauen usw. usf. – finde ich offen gestanden erstaunlich.

    Insgesamt ist ein großes Misstrauen gegenüber Muslimen vorhanden, weil man die Erfahrungen der Frauen im Iran nicht vergessen hat. Auch in der Türkei ist seit dem Einzug der AKP zu beobachten, wie systematisch „freie Frauen“ ausgegrenzt werden, etwa bei Stellenvergaben. Zur Erinnerung: die islamistische Partei der AKP wollte es Kopftuchträgerinnen ermöglichen, eben auch mit ihrem Kopftuch die Universität zu besuchen. Heute werden nicht-Kopftuchträgerinnen mehr und mehr ausgegrenzt.

    Die bekopftuchte Frau wird vielfach als ehrbar, die nicht-bekopftuchte als „Schlampe“ bewertet. Das passiert sowohl unterschwellig als auch offen. Dass sich große Teile der Gesellschaft große Sorgen darüber macht, was sie tolerieren möchte und was nicht, wird derzeit ausgehandelt. Dieser Prozess wird noch einige Zeit dauern. Beteiligen wir uns an diesem Prozess, anstatt ihn reflexartig „Unterdrückung“ abzutun!

    Und bitte, es geht bei dem Kopftuch eben nicht um ein Stück Stoff oder einfach um eine Art sich zu kleiden. Es ist und bleibt ein politisches Instrument zur Kennzeichnung öffentlicher Räume.

  6. aloo masala sagt:

    @Petra

    —-
    Es [das Kopftuch] ist und bleibt ein politisches Instrument zur Kennzeichnung öffentlicher Räume.
    —-

    Das ist Ihre private Sichtweise. Das gestehe ich Ihnen zu. Sicherlich wird diese Sichtweise auch noch von zahlreichen anderen Gegnern des Kopftuchs geteilt.

    Doch Ihre Sichtweise ist völlig irrelevant. Das gilt auch für Ihre anderen Aussagen, ihren Verweis auf Iris Radisch und was sie sonst noch alles über das Kopftuch denken. Denn was zählt ist das religiöse Selbstverständnis der Gläubigen. Wenn die Gläubigen einer Religion plausibel erklären, dass ein Kopftuch religiös motiviert ist, dann genießt das Tragen eines Kopftuchs den Schutz der Religionsfreiheit.

    Der übliche Einwand auf diesen Hinweis ist, dass die Freiheit der Religionsausübung nicht schrankenlos gelte. Das ist völlig richtig. Allerdings stellt das BVerfG für Einschränkungen von elementaren Grundrechten wie die Religionsfreiheit recht hohe Hürden auf. Für ein Kopftuchverbot müssen Sie plausibel begründen inwiefern inwieweit das Kopftuch mit den Grundrechten Dritter kollidiert.

    Einen religiösen Kult als politisches Instrument zu verkaufen ist der einzige Weg, um das Kopftuch aus der Schule zu verbannen. Bei dieser Taktik maßen sich Außenstehende an, die wahren Beweggründe zu kennen, warum eine Muslima ein Kopftuch trägt. Und wenn eine Muslima mit jedem Wort zu verstehen gibt, dass sie das Kopftuch aus freien Stücken und allein aus religiösen Gründen trägt, so spielt das keine Rolle. Nicht mehr der Sender einer Botschaft bestimmt, was er ausdrücken wollte, sondern die Definitionshoheit liegt ganz und allein beim Empfänger. Diese Art von Diskurs ist nicht nur anmaßend, sondern entmündigt ausgerechnet die Frauen, die man angeblich vor Unterdrückung bewahren möchte. Das Argument mit dem politischen Symbol ist das verlogenste aller hervorgebrachten Argumente gegen das Kopftuch. Und diejenigen, die das Argument verwenden sind die größten aller Heuchler.

    Ich betone noch einmal, ja, das Kopftuch ist oftmals auch ein politisches Symbol gewesen (siehe z.B. Iran während der Revolution). Doch das Kopftuch ist auch religiöser Kult. Für wen halten Sie sich eigentlich, dass Sie über die Beweggründe von anderen Menschen so genau Bescheid wissen und sich anmaßen deren Grundrechte einzuschränken?

  7. Cil sagt:

    Karakel: schämen Sie sich, man schaut Frauen nicht auf die Hüften und die Brüste! Ob mit oder ohne Bedeckung auf dem Kopf oder mit getürmten Haaren unter dem Tuch. Das sollten die Frauen selbst entscheiden dürfen.
    Sollen Frauen in Säcken herumlaufen, damit Männer mit ihren Blicken endlich keusch sind? Auch für Männer gilt Keuschheit, nicht nur für uns Frauen oder umgekehrt. Wenn Männer überall hinschauen, dann dürfen Frauen das vielleicht auch und am Ende entscheiden, wie sie nun gerne herumlaufen.

  8. Petra sagt:

    @aloo masala

    Ein solches Symbol wie das Kopftuch kann nicht alleine von denjenigen gedeutet werden, die es tragen. Das sollten Sie wissen!
    Die Entstehungsgeschichte des Kopftuches sowie die praktizierte Verwendung sprechen eine deutliche Sprache und stehen für eine klare Einteilung und Markierung in gut und schlecht. Dafür Gleichgültigkeit zu verlangen zeugt von Naivität.

    Natürlich muss eine pluralistische Gesellschaft es ertragen, wenn Frauen sich wie auch immer bedecken. Das ist ihr gutes Recht; im Privaten. Das gilt jedoch nicht für immer und überall. Es gibt kein Grundrecht darauf, als Erzieherin oder Lehrerin ein Kopftuch bei der Berufsausübung zu tragen! Das wird auch – hoffentlich! – so bleiben!

  9. Corneria sagt:

    @aloo masala

    Das Kopftuch wurde nicht von Frauen erfunden, sondern von Männern und schaut man sich den ganzen Kontext im Koran oder zu dieser Zeit an, dann ist es kein Geheimnis, dass das Kopftuch von Männern den Frauen aus niederen Beweggründen aufgezwungen wurde. Es ging um den Schutz seines Eigentums. Nur weil das Kopftuch nun schon tausende Jahre Tradition darstellt heißt das noch lange nicht dass die Motive für die Erfindung des Kopftuchs legitimer geworden sind. Das Kopftuch widerspricht unseren Grundrechten und Werten auf so vielen Ebenen, dass man es nur noch als Provokation betrachten kann. Und ja klar ist das Kopftuch auch ein politisches Symbol, der Islam selbst ist ja schon politisch, das ist unabstreitbar, also ist es auch das Kopftuch.

    Dass ein Kopftuch im Islam überhaupt vorgeschrieben wird, den Beweis ist man uns noch schuldig, denn so klar ist das nirgendwo herauszulesen. Ich finds nur schade dass der Islam und seine Anhänger das Kopftuch als wichtiger empfinden, als Frieden und Zusammengehörigkeit. Ständig muss irgendjemand irgendwann irgendwo allen anderen zeigen was für eine Weltanschauung er angehört und dass er doch anders ist. Mit welchem Ziel? Was hat man denn jetzt erreicht sich durch alle Instanzen zu klagen, außer dass das Kopftuch noch mehr abgelehnt wird?

    Schulen waren und sollten wieder Glaubensneutrale Orte werden, wo wissen vermittelt wird und kein Glaube. Und es sollten aus fairness Gründen in Zukunft dem Islam wie auch dem Christentum früher auf die Finger geklopft werden, wenn wieder Einflussversuche vorgenommen werden und nicht immer nur hofiert werden. Es muss vom Staat wie auch von den Muslimen früher oder später anerkannt werden, dass der Islam nicht komplett mit unserer Verfassung vereinbar ist und dass der Islam sich zu ändern hat und nicht die Gesetzgebung oder die Toleranz in der Gesellschaft.

    Wenn ich das Kopftuch tragen wollen würde und zwar ausnahmslos und überall, dann würde ich behaupten ich würde es freiwillig tragen, dann nimmt man den Gegnern ein bisschen Wind aus den Segeln, aber ob es stimmt?

  10. Corneria sagt:

    @aloo masala

    Eins habe ich noch vergessen: der Emittent einer Botschaft hat nicht das alleinige Recht darauf zu bestimmen wie der Empfänger darauf reagiert oder dies interpretiert, man sollte den Empfänger nicht für zu naiv oder zu dumm halten sich seinen eigenen Reim daraus zu machen. Es wäre ratsam wenn der Emittent immer auch auf die kulturellen, historischen und kontextuellen Umstände in dem er seine Botschaft verkünden will achtet.

    Mich wundert dass keiner sich fragt warum solch ein Symbol wohl nur im Nahen und mittleren Osten aufkommen konnte und nicht in Europa. Das hat bestimmt was mit der Aufklärung zu tun. Und das Kopftuch ist das genaue Gegenteil von Aufklärung.


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