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Alltag in einer Vorbereitungsklasse

Auf welche besonderen Herausforderungen treffen Sie in Ihren Klassen?

Beate Ocklenburg: Das Besondere in diesen Klassen ist: Es kommen ständig neue Schüler, und alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Wenn bei mir ein Anfänger dazukommt, muss ich ihn im Einzelunterricht betreuen.

Wie geht das?

Beate Ocklenburg: Ich habe im Moment einen Roma-Jungen, der mehr oder weniger Anfänger ist. Da muss ich eben immer gucken, dass die anderen Schüler arbeiten, so dass ich Zeit für ihn habe, um mit ihm individuell zu arbeiten. Richtig ausgebildet für Deutsch als Zweitsprache bin ich nicht. Die heutigen Lehramtsstudenten haben das Fach im Studium. Mein Kollege in der 5. Vorbereitungsklasse unterrichtet völlig fachfremd: Er ist Sportlehrer und hat sich in Deutsch als Zweitsprache für unsere Zielgruppe eingearbeitet.

Welche Erfahrungen machen Sie sonst im Unterricht mit diesen Kindern und Jugendlichen?

Ocklenburg: Ich habe zum Teil sehr leistungsstarke Schüler. Ein 15-jähriger kurdischer Junge aus Syrien lernt richtig gut. Er hat schon lange in einem Flüchtlingsheim gewohnt und hat sich dort ein bisschen Türkisch und etwas Bulgarisch angeeignet – alles, was er dort angetroffen hat. Er ist ein sehr engagierter Schüler. Jugendliche wie ihn zu unterrichten, macht Freude.

Ein begabtes türkisches Mädchen würde ich gerne in eine Realschule vermitteln. Aber dafür gibt es derzeit in Köln keine Strukturen. Ich müsste recherchieren: Wo finde ich eine passende Schule für sie? Das kann ich aber nicht so einfach nebenbei leisten. Ich weiß allerdings, dass das in anderen Städten und Bezirken institutionell geregelt ist.

Welche Probleme machen Ihnen noch Sorgen?

Ocklenburg: Ein Junge aus Syrien in der Vorbereitungsklasse 5, der Arabisch spricht, muss erst einmal die lateinische Schrift erlernen. Aber er kommt nur ganz unregelmäßig in die Schule. Mir ist aufgefallen, dass er sehr verschüchtert ist und ungewöhnlich langsam lernt. Wir wissen nicht, womit das zusammenhängt.

Welche Unterstützung brauchen Sie, um diesen Kindern weiterzuhelfen?

Ocklenburg: Was wir auf jeden Fall bräuchten, sind flächendeckend Dolmetscher und mehr Sozialarbeiter. An unserer Schule haben wir neuerdings zwei. Der Neue muss sich erst einarbeiten. Ich kann mich als Lehrkraft in dieser Situation nicht auf meine reine Unterrichtsfunktion zurückziehen und sagen: So, die müssen jetzt bei mir hauptsächlich Deutsch lernen. Es ist meine persönliche Entscheidung, dass ich mich bemühe, im Einzelfall zu helfen. Ich habe zum Beispiel auch Kontakte zum Jugendmigrationsdienst der Caritas hergestellt. Zum ersten Gespräch habe ich die Schüler immer dorthin begleitet. Das ist nicht meine genuine Aufgabe. Aber ich kann mir eben vorstellen, wenn ich in dieser Lage wäre, und ich müsste da zu einer wildfremden Person – es wäre mir sicher lieb, wenn jemand, den ich ein bisschen kenne, mich begleiten würde. Das wäre natürlich eigentlich die Aufgabe eines Sozialarbeiters. Aber momentan steht uns dafür keiner zur Verfügung.

Was hilft Ihnen, mit den hohen Anforderungen Ihrer pädagogischen Arbeit klarzukommen?

Ocklenburg: Ich gehe regelmäßig zur Supervision. Die finanziere ich privat – schon seit Jahren. Außerdem unterstützen wir, die diese Vorbereitungsklassen übernehmen, uns gegenseitig. Wir machen unsere Arbeit gerne, mit Herz und mit Engagement. Aber es ist eben so, dass wir oft vor Situationen stehen, wo wir nicht weiterkommen. Wenn wir uns treffen, tauschen wir uns aus. Jeder berichtet, was gerade auf den Nägeln brennt. Diese kollegiale Beratung ist sehr wertvoll.