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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Grenzen

Lassen Sie uns über Scham sprechen!

Die Grenzen der Scham variieren je nach Kultur und Religion. Das ist eine Binsenweisheit, wird aber im täglichen Leben kaum beachtet – etwa wenn von muslimischen Frauen verlangt wird, das Kopftuch abzulegen. Von Canan Topçu

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Scham © Dean McCoy @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONCanan Topçu

 Lassen Sie uns über Scham sprechen!
Canan Topçu ist Journalistin, arbeitete viele Jahre unter anderem bei der Frankfurter Rundschau und widmet sich den Themen Migration, Integration und Islam. Sie lebt in Hanau und arbeitet heute für unterschiedliche Medien.

DATUM2. April 2015

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel, Meinung

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1974, ein Schullandheim in der Nähe von Hameln. Wir Schüler der vierten Klasse einer Grundschule aus Hannover verbringen dort eine Woche. Nach einem erlebnisreichen Tag sollen wir duschen gehen. Die Mädchen in einer Gemeinschaftsdusche, die Jungen in einer anderen. Schon das Ausziehen vor meinen Klassenkameradinnen im Umkleideraum bereitet mir Unbehagen. Dann alle gemeinsam unter den Wasserstrahl. Und mittendrin Frau Bergmann. Unsere Lehrerin. Nackt. Mit dunklen Schamhaaren. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte.

Diese Szene hat mich lange begleitet. Nicht mal meine Mutter hatte ich bis dahin nackt gesehen. Ich war verstört. Denn bei uns war eine Lehrerin eine absolute Respektsperson. Vor der zog man sich weder aus noch duschte man mit ihr.

Ich war neun Jahre alt und vor einem Jahr aus einer türkischen Kleinstadt bei Bursa nach Hannover gekommen. Ich hatte Probleme mit der Sprache, kannte weder Sitten noch Gebräuche. Ich fremdelte. Damals empfand ich die Situation im Duschraum als sehr peinlich. Heute weiß ich, was es war: Scham. Um es genauer mit dem Fachterminus zu benennen: Intimitätsscham. Und heute, nach dem ich mit herkunftsdeutschen Freundinnen über dieses Erlebnis gesprochen habe, weiß ich: Scham dieser Art habe nicht nur ich empfunden. Lange dachte ich aber, dass nur „wir“, also Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis, es so empfinden. Ich ließ mir von Freundinnen, die ihre Kindheit vor der Frauenbewegung hatten, erklären, dass auch sie bei Nacktheit ähnliches Unbehagen hatten. Gut, dass wir darüber gesprochen haben!

Die Grenzen der Intimitätsscham variieren je nach Kultur und Religion. Das ist für Fachleute eine Binsenweisheit, diese Einsicht fehlt aber zuweilen Vertretern der Mehrheitsgesellschaft. So verstehen manche nicht, warum eine Muslima ihr Haar verhüllt. Wenn ich nach dem Grund für das Tragen des Kopftuchs gefragt werde, erkläre ich es so: Es gibt nicht einen Grund. Eine der Gründe ist aber, dass sich die Frau ohne das Tuch auf dem Kopf nackt fühlt. Und um diese Dimension dieser Nacktheitsgefühls zu vermitteln, stelle ich eine Gegenfrage: Wie würden Sie sich fühlen, wenn sie sich ohne Unterhose und Hose, aber mit Hut und Jacke in die Öffentlichkeit begeben würden? Ob es Vertreter der Mehrheitsgesellschaft glauben wollen oder nicht: Ohne das Kopftuch ist es so – für etliche Frauen. Niemand muss es nachvollziehen, aber akzeptieren.

Scham entsteht nicht allein im Bezug auf Nacktheit, sondern auch, wenn man die Abweichung, das Anders- oder Fremdsein spürt. Erst im Laufe meines Lebens habe ich festgestellt, wie sehr mich das Gefühl der Scham ob des Andersseins begleitet hat. Das mag daran liegen, dass Scham ein sehr peinigendes Gefühl ist und wir alle dazu neigen, es zu verdrängen. Wir verdrängen auch die Scham, die das Gefühl der Schuld verursacht. Damit mag es zusammenhängen, dass viele Menschen, die mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert werden, dies abwehren. Denn wenn sie sich eingestehen würden, dass sie rassistisch gedacht und gehandelt haben, dann würden sie sich schuldig fühlen, was wiederum ein Gefühl der Scham hervorriefe.

Erst als Erwachsene habe ich angefangen, über schambesetzte Situationen nachzudenken und meine Schlüsse daraus zu ziehen. Meine Eltern haben das eher nicht getan. Jedenfalls haben sie mit mir darüber nie sprechen können. Gefühlt haben müssen sie es aber auch. Zum Beispiel, wenn ich als Kind für sie beim Arzt oder auf dem Amt dolmetschen musste, weil ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichten. Ich habe mich damals doppelt geschämt: für das schlechte Deutsch meiner Eltern und für meine Überlegenheit in solchen Situationen. Die Fachwelt spricht in diesem Fall von Parentifizierung und Kompetenzscham. Der Gebrauch einer fremden Sprache birgt Fehler, die man macht und die offenbar werden, eine Quelle von Kompetenzscham, erklärt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers, der mit Scham. Gesichter eines Affekts ein Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat. Sich nicht richtig vermitteln zu können, dem eigenen emotionalen Erleben nicht die rechte Ausdrucksform verleihen zu können, lasse den fremdsprachigen Migranten Einsamkeit und Isolation fühlen, wenn er sich nicht mit seinesgleichen in Ghettos abschotte.

Bilden sich also Parallelgesellschaften aus Scham? Durchaus möglich. Denn es ist sehr unangenehm, wenn man die Codes der Mehrheitsgesellschaft nicht kennt und sich deplatziert fühlt. Diese Zeichen kann man sich nicht anlesen, die kann man nur lernen, indem man sie lebt. Und wenn das nicht klappt, dann sucht der Mensch sich ein Umfeld, wo er Traditionen, Werte und Umgangsformen und vor allem die Sprache kennt und sich verstanden fühlt.

So war das auch bei meinen Eltern. Die Deutschen machten ihnen kaum Angebote. Und meine Eltern ihrerseits waren ebenfalls zögerlich. Ich vermute, sie schämten sich für das, was sie nicht zu bieten hatten.

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7 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Danke für den Artikel. Es war an der Zeit, dass jemand das aussprach..Wie ich in früheren Kommentaren zum Kopftuchstreit schrieb, hat mich schon lange die einseitig religiöse Bedeutungszuweisung dieses Bekleidungsstücks gestört. Es ist eine Kleidersitte, wie andere auch.

  2. karakal sagt:

    Irgendwie muß das Schamgefühl seit Adams Sündenfall doch angeboren und nicht nur von Erziehung und kulturellem Umfeld, in dem man aufgewachsen ist, abhängig sein: Als ich noch vor meiner Muslimwerdung Mitglied in einem Studentencorps war, ging ich während der Veranstaltungen zum Urinieren – wie selbstverständlich – aufs Klosett und benützte nicht – wie alle anderen – ein offenes Pissoir. Nachdem einer meiner Corpsbrüder das bemerkt hatte, bot er mir einhundert Mark dafür, daß ich vor ihm meine Schamteile entblößte. Ich tat es nicht und verzichtete auf das Geld. Wer hatte mir das anerzogen? Das nichtmuslimische, kaum religiöse Elternhaus? – Keineswegs! Ich kann darin nur einen göttlichen Willen sehen, so wie Gott auch einige Seiner Propheten sogar vor ihrer Berufung als Propheten davor bewahrte, in der Öffentlichkeit mit entblößter Scham dazustehen:
    In der verfälschten Version der heute bei den Juden und Christen gebräuchlichen Bibel reißt in der Geschichte des Josef die Frau des Potiphar diesem das Gewand vom Leibe, so daß er völlig nackt vor seinem Herrn steht. Der Koran korrigiert die Geschichte darin, daß sie ihm das Gewand nicht vom Leibe, sondern nur auf der Hinterseite zerreißt. In einer als einwandfrei eingestuften Überlieferung wird berichtet, daß Muhammad – Segen und Heil auf ihm –, als er vor seiner Berufung zum Propheten beim Wiederaufbau der Kaaba mithalf, nur mit einem Lendentuch bekleidet war. Da riet ihm jemand, das Tuch abzunehmen und auf seine Schulter zu legen, um nicht zu sehr den Druck der Steine zu spüren, die er trug. Kaum hatte er das Tuch abgelegt, fiel er bewußtlos zu Boden. Danach wurde er niemals mehr nackt gesehen. Es war damals in vorislamischer Zeit Brauch, daß Pilger, die sich keine neuen „sündenfreien“ Kleider leisten konnten, den rituellen Umlauf um die Kaaba nackt vollzogen. Das hat der Islam abgeschafft.
    Das Kopftuch der muslimischen Frau – oder besser: die Verhüllung ihres Körpers außer Gesicht und und Händen – ist (@ Wiebke) mitnichten eine bloße Kleidersitte, sondern eine religiöse Vorschrift, woran kein Zweifel besteht. Ebenso gibt es auch für muslimische Männer die Vorschrift, in der Öffentlichikeit ihre Blöße zu bedecken, nämlich die Körpergegend zwischen Nabel und Knien.

  3. Mike sagt:

    Karakal: Aus dem Koran lässt sich kein Gebot zum Tragen eines Kopftuches ableiten.Ich denke auch nicht dass sich Gott um Geschlechtsteile kümmert.

  4. Wendy sagt:

    @karakal – denke sie also das „der göttliche Wille“ nur in ihnen steckt? Ganz schön anmassend wie ich finde, denn immerhin sprechen sie dann ja den vielen FKK-Liebabern dieses ab.
    Und dass sie die heutige Bibel als §verfälscht“ ansehen die der Kroan „korrigieren“ muss – ist schon an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

    Zum Thema „religiöse Vorschrift“ hat Mike alles gesagt, und das in Übereinstimmung mit vielen islamischen Rechtsgelehrten. Das Tragen eines Kopftuches ist und sollte immer eine -persönliche- Entscheidung sein.
    Zudem – was sind dann in ihrem Sinne Frauen muslimischen Glaubens die kein Kopftuch tragen, Kufr ?

  5. Labi sagt:

    @karakal

    Die Scham entstand vielleicht als die Affen anfingen ihre Haare zu verlieren und sich Felle nehmen mussten um sich warm zu halten oder vor der Sonne zu schützen. Falls Scham ein göttlicher Wille wäre dann würden so manche Ureinwohner in Australien, Südamerika und Afrika wohl kaum ständig nackt rumlaufen oder sind diese keine Nachfahren von Adam und Eva?
    Scham wird von den Eltern anerzogen und man würde nicht von selbst auf die Idee kommen seine Haare als Scham anzusehen wenn einem dies nicht vorgelebt wird. Man kann Kindern zu jedem Körperteil ein Schamgefühl anerziehen. Kinder sind so leicht zu manipulieren.

    Wer seinen eigenen Glauben als der einzige unverfälschte ansieht soll mal nach Syrien schauen um zu wissen was solch eine Attitüde für Folgen hat.

  6. surviver sagt:

    Ohne Schamgefühl wären wir Alle Affen.

  7. […] © Dean McCoy @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG […]



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