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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

5 Thesen zu kulturweit

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

kulturweit ist ein Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Offiziell trägt sie zur Völkerverständigung bei. Tatsächlich werden aber die deutsche Sprache und Kultur verbreitet. Es geht also darum, dass sich die Welt auf deutsch verständigt. Von Genia Bless

Auswärtiges Amt, Außenministerium, ministerium, auswärtiges
Auswärtiges Amt © MiG

VONGenia Bless

Genia Bless bereitet eine Promotion zu deutscher auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik vor.

DATUM31. März 2015

KOMMENTARE28

RESSORTLeitartikel, Politik

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Spätestens seit 2008 der entwicklungspolitische Freiwilligendienstes weltwärts mit mehreren tausend Plätzen jährlich gestartet ist, gibt es in Deutschland eine größere kritische Debatte über den Sinn und Unsinn von internationalen Freiwilligendiensten: Junge, meist unausgebildete Deutsche reisen für ein Jahr lang in den Globalen Süden um in sogenannten Entwicklungsprojekten mit anzupacken. weltwärts wurde in den Medien, in der Wissenschaft und innerhalb der entwicklungspolitischen Szene selbst immer wieder scharf kritisiert: Als „Egotrip ins Elend“ oder als kolonial-rassistisches Programm. Als eine Person, die ich mich kritisch mit deutscher Außenpolitik befasse, überrascht mich in der Debatte die Ruhe um den kleinen Bruder kulturweit.

Der „internationale kulturelle Freiwilligendienstkulturweit ist der Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes und wird von der Deutschen UNESCO Kommission durchgeführt. Jährlich reisen etwa 400 Freiwillige für 6-12 Monate in Länder des Globalen Südens sowie nach Osteuropa um in einer Institution der deutschen auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, wie z.B. einem Goethe-Institut oder einer deutschen Schule mitzuarbeiten. kulturweit hat im Herbst 2014 seinen fünften Geburtstag gefeiert und bisher gab es ausschließlich positive Kritiken und Berichte. Es ist also durchaus an der Zeit, kulturweit einmal grundsätzlich infrage zu stellen.

Aber warum ist das nötig? Wurde nicht in einer Evaluation herausgearbeitet, dass kulturweit „eine außerordentlich positive Resonanz von Seiten der Freiwilligen und der Einsatzstellen“ erhält? Gerade weil alle beteiligten Akteure – von den Freiwilligen hin zu den Einsatzstellen und Partnerorganisationen, von den Mitarbeitenden und Trainern bis hin zum Auswärtigen Amt und der Deutschen Unesco Kommission – direkt von dem Programm profitieren und sich alle selbst-referenziell aufeinander beziehen, ist ein kritischer externer Blick auf das Programm von hoher Bedeutung, um kulturweit und seine Wirkungen beurteilen zu können.

Unterstützt wurde mein externer Blick durch zwei Interviews und ein Fokusgruppengespräch, die ich im Herbst 2014 mit fünf kritischen, ehemaligen kulturweit-Freiwilligen geführt habe, bei denen ich mich herzlich bedanken möchte. Über einen persönlichen Kontakt wurden mir schnell weitere Gesprächspartner empfohlen. Auf Wunsch sind ihre Namen geändert worden.

kulturweit ist ein imperiales Programm

Im neuen Imageclip wirbt kulturweit-Initiator und Außenminister Steinmeier mit folgenden Worten für das Programm: „Für viele Menschen, gerade junge Menschen, eröffnet sich zum ersten Mal ein Horizont, der auch bedeutet, dass sie sich ihre Zukunft nicht innerhalb der deutschen Grenzen, oder nicht alleine innerhalb der deutschen Grenzen vorstellen können, sondern ein Teil ihres beruflichen Lebens auch im Ausland verbringen.“

Verbunden mit seinem Wunsch auf der Fünfjahresfeier, kulturweit möge „nicht nur 5, oder 50, sondern 500 weitere Jahre“ bestehen, könnte man fast meinen, einen Christoph Columbus sprechen zu hören. Junge Europäer in die Welt zu versenden, um Sprache und Kultur zu exportieren, reiht sich in eine gewaltvolle koloniale Tradition ein. kulturweit als Programm innerhalb der deutschen auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik hat aber nicht nur kein Bewusstsein für die Eroberungs- und Ausbeutungsgeschichte der letzten 500 Jahre, sondern nimmt auch heute einen aktiven Part darin ein, Kolonialismus und Unterdrückungsverhältnisse fortzuführen. Chris schildert das folgendermaßen:

„Ich habe in Buenos Aires ein Seminar zu Kolonialität besucht. Dort ging es oft um die europäische Herrschaftsstrategie, lokale Kulturen zu zerstören und europäische Wissens- und Bildungssysteme einzuführen. Plötzlich ging mir ein Licht auf und ich sah kulturweit und mich selbst in einem kolonialen Setting des 21. Jahrhunderts. Das war ein Schock, aber total wichtig für mich. Durch viele Gespräche und dekoloniale Bücher, bin ich mir nun sehr sicher, dass das, was wir machen, wirklich nichts anderes als moderner Kulturimperialismus ist. Die Freiwilligen sind die Missionare von heute.“

Und Eva-Maria erzählt:

„Ich hatte mich bei kulturweit beworben, weil ich der festen Überzeugung war, dass ich durch interkulturelle Begegnungen zu Frieden und Völkerverständigung beitragen kann. Als ich dann aber begriffen hatte, dass kulturweit ein rein deutsches Programm ist, vom deutschen Außenministerium gefördert, mit ausschließlich deutschen Partnerorganisationen und Freiwilligen, da merkte ich, wie naiv ich war und fragte mich: Wurde denn ein einziges Mal im Globalen Süden nachgefragt, ob die uns alle haben wollen? Ist es nicht krass, dass wir Deutschen das einfach so machen können, in andere Länder gehen, noch dazu v.a. ehemalige Kolonien, und dort unsere Sprache und Kultur verbreiten? Das wäre andersherum null denkbar. Daher gibt es wahrscheinlich auch kein incoming-Programm bei kulturweit.“

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28 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Trainer sagt:

    Danke, Migazin & Frau Bless für dieses Werk und den Anstoß zur Debatte. Der Text ist wichtig und muss zur Pflichtlektüre aller Seminare von kulturweit werden. Vielleicht überlegen sich die Freiwilligen doch nochmal was sie da tun werden.

  2. Nico sagt:

    Hallo,
    ich finde es höchst problematisch einerseits eine „differenzierte Sicht“ vertreten zu wollen – oder zu kritisieren, dass diese genau nicht der Fall ist – und andererseits in einem höchst plakativen Artikel sozusagen eine „Gerneralabrechnung“ mit dem Projekt darzulegen.

    Dennoch finde ich den Einblick über die Interviewpartner sehr postiv und es hat mich definitv ermuntert über neue/kritische Aspekte des Programms nachzudenken.
    Jetzt bleibt nur noch die Frage offen ob es ein genereller Misstand ist oder lediglich Einzelprobleme, die zweifelsohne einer Verbesserung bedürfen. Jedoch m.E. nicht zu einer grundsätzlichen ablehnung des Konzeptes führen sollten. Ich denke es ist höchst wichtig, solche Projekte aufrecht zu erhalten um kritischen Stimmen wie im Artikel genannt überhaupt zu ermöglichen.

    Danke & Lg

  3. Ehemalige Kulturweitlerin sagt:

    Ich werde diesen Artikel weiterleiten an:

    -die Kulturweit-Trainer, die mit den Freiwilligen auf dem Vorbereitungs-/Zwischen- und Abschlussseminar ungefähr 80 Mal darüber gesprochen haben, uns selbst in unserer Rolle zu reflektieren und Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus ca. 1000 Mal.angesprochen haben, um genau die „Wir kommen und helfen euch aus eurer Rückständigkeit“ -Haltung im Keim zu ersticken, -das haben die 5 Freiwilligen im Artikel offenbar nicht mitbekommen, weil sie die Veranstaltungen ja nicht mehr besucht haben-

    -an den Trainer des Zwischenseminars, der in Serbien wohnt, weswegen das Seminar genau dorthin gelegt wurde, um lange Reisen und CO2-Ausstoß zu
    vermeiden,

    -an die Freiwilligen, die drei Tage im Zug saßen, um.dem Flugzeug aus dem Weg zu gehen und CO2-Ausstoß zu vermeiden,

    -an meine Einsatzstelle, eine Schule, an der Deutsch unterrichtet wurde -nicht von deutschen Imperialisten, sondern von einheimischen Deutschlehrern- an der die gemeinsame Arbeit von gegenseitiger Wertschätzung geprägt war und an der ich viele Freundschaften geschlossen habe, die bis heute halten und zu gegenseitigen Besuchen geführt haben,

    -an die Schüler, die wissen, dass Deutschland wirtschaftlich gut dasteht ind deswegen gerne hier studieren würden (nicht etwa, weil ich als Kolonialistin dorthin kam und sie davon überzeugte- ich denke, diese vom Artikel unterstellte Vorstellung spricht ihnen ihre Mündigkeit ab- ziemlich abwertende Haltung meiner meinung nach)

    -an den Kulturweit-Verein und die Kulturweit-Leitung, die schon lange ein Konzept entwickeln, mit dem Interessierte aus den Einsatzländern auch nach Deutschland kommen können,

    Und warte ab, was diese dazu sagen. Ich habe ehrlich gesagt noch nie einen so schlecht recherchierten (die EJB hat nichts, aber gar nichts mt den Nazis zu tun) und offen von politischen Einstellungen geleiteten Artikel gelesen. Mir war zwar bewusst, dass man bei Kulturweit auf die linksten Linken treffen kann, aber sich genau diese 5 rauszupicken, war sicherlich eine Herausforderung für die Autorin. Chapeau!

    PS: die Nachricht habe ich gerade erhalten, noch bevor der Komentar hier abgeschlossen war…Meine einheimische Kollegin hat sich bei dem Wort „Supremaracism“ gerade fast totgelacht.

  4. Fragender sagt:

    Zitat: „Jährlich reisen etwa 400 Freiwillige für 6-12 Monate in Länder des Globalen Südens sowie nach Osteuropa“

    Ich bin kein Insider zum Thema. Und an Institutionen gibt es ja meistens etwas zu kritisieren. Aber dass anhand von 400 Kids, die pro Jahr in andere Länder reisen, mal wieder die Zwangsgermanisierung der Welt abgeleitet wird, ist doch abstrus…

  5. Freiwilligendienst kulturweit sagt:

    Liebe Genia Bless,
    liebe Migazin-Redaktion,

    in den letzten Tagen haben wir mit großem Interesse Ihren Beitrag zu kulturweit und die anschließende Diskussion verfolgt. Als Organisation, die sich in den mittlerweile sechs Jahren ihres Bestehens stets gewandelt hat, waren wir schon immer an Kritik interessiert. Sie hilft uns, gemeinsam mit unserer eigenen Evaluation, das Programm weiter zu
    entwickeln und zu verbessern.

    Wir verstehen das Angebot von kulturweit vor allem als Eines: als Lerndienst. Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, für sie neue Situationen kennenzulernen, ihre Rolle und ihr Handeln darin zu hinterfragen. Diesen Anspruch haben wir nicht nur an andere, sondern auch an uns selbst.

    Wir freuen uns auf einen direkten Austausch. Treten Sie mit uns in Dialog,

    Ihr kulturweit-Team der Deutschen UNESCO-Kommission
    Kontakt: presse@kulturweit.de

  6. Ka sagt:

    MIr ging es bei kulturweit ähnlich wie den Interviewpartnern. Danke für den Artikel!

  7. […] wird, weiter stattfinden. Wir haben eine Verantwortung, ich habe Zahlen in einem vieldiskutierten Migazin-Beitrag gefunden, die nahelegen, dass die Kulturweit-Blog-Seiten bis zu 80.000 Mal monatlich aufgerufen […]

  8. AL sagt:

    Dieser Artikel stößt auf jeden eine wichtige Debatte an. Ich – ebenfalls kulturweit Almuna – gehe nicht bei allen Punkten mit, finde jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit kulturweit unumgänglich. Daher ist es, meiner Meinung nach, nun wieder Zeit für einen aktuellen Artikel! Ich stimme „TD“ in ihrem oder seinem Bericht zu, dass ein Interview mit kulturweit fehlt. Das sollten wir nachholen! Wer ist dabei? (fahneimwind@posteo.de)


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