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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

5 Thesen zu kulturweit

"In unserem Jahrgang waren wir, glaube ich, zwei Teilnehmende mit Migrationsgeschichte."

kulturweit ist ein Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Offiziell trägt sie zur Völkerverständigung bei. Tatsächlich werden aber die deutsche Sprache und Kultur verbreitet. Es geht also darum, dass sich die Welt auf deutsch verständigt. Von Genia Bless

Auswärtiges Amt, Außenministerium, ministerium, auswärtiges
Auswärtiges Amt © MiG

VONGenia Bless

Genia Bless bereitet eine Promotion zu deutscher auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik vor.

DATUM31. März 2015

KOMMENTARE28

RESSORTLeitartikel, Politik

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Ezra beleuchtet noch einen anderen wichtigen Aspekt:

„In unserem Jahrgang waren wir, glaube ich, zwei Teilnehmende mit Migrationsgeschichte. Während es für die weißen Deutschen eine Vielzahl von Angeboten gab, sich mit ihrem Rassismus und ihrer Positionierung auseinander zu setzen, fehlte das für uns, unsere Bedürfnisse und unsere Fragen komplett. Wir sind einfach durch das Raster durchgerutscht und es wurde so getan, als wären wir nicht da. Im Gegenteil, das ganze ging sogar noch auf unsere Kosten, indem wir immer wieder die Rolle der Fremden einnehmen mussten. Ich hatte nicht nur auf Seminaren immer wieder das Gefühl, das Programm ist nicht für mich gemacht. Das ging bis dahin, dass in meinem Goethe Institut mein Deutschsein von den anderen Mitarbeitern immer wieder infrage gestellt worden ist. Und das in einem Programm wie kulturweit, das hat mich sehr wütend gemacht.“

Indem fast ausschließlich mit gesellschaftlich bevorteilten Menschen gearbeitet wird, trägt kulturweit nicht nur weltweit sondern auch innerhalb von Deutschland zur Aufrechterhaltung von sozialer Ungleichheit bei. Shultz fordert, dass der Fokus auf das „empowerte Individuum“ aufhören muss, um sich überhaupt auf den Weg zur sozialen Gerechtigkeit machen zu können.

Während die Seminarebene und der Freiwilligendienst die eine Seite der Medaille sind, ist die Zeit danach mindestens ebenso wichtig. Denn dass kulturweit zum Lebenslauftuning beiträgt und inzwischen ein zentrales Nachwuchsförderprogramm für die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist, ist nicht zu übersehen. Die kulturweit-Verbleibstudie von 2014 beginnt stolz mit dem Zitat eines Alumni: „‚kulturweit‘ hat mir Siebenmeilen-Stiefel gegeben“ und betont ungeniert Erfolgsgeschichten wie diese: „Ich bin nach meinem Freiwilligendienst in Uganda geblieben (und bin auch immer noch hier!), weil mir hier ein Job angeboten worden ist. Durch den Freiwilligendienst hatte ich nicht nur notwendige Landes- und Kulturkenntnisse, sondern auch erste Arbeitserfahrungen im Bereich Biodiversitätsmanagement, Nationalparkmanagement, Education for Sustainable Development und traditioneller ugandischer Kulturen, da ich bei der NatCom an Projekten in all diesen Bereichen beteiligt gewesen bin.“1 Ob direkte Jobvermittlung oder nicht, in der Verbleibstudie beschreiben viele Alumni, wie sehr ihnen der Freiwilligendienst Selbstbewusstsein gegeben hat und sie für Studium und Arbeitswelt gestärkt hat. Dass dies nicht ganz selbstlos geschieht, argumentiert Chris:

kulturweit ist für mich eindeutig ein neoliberales Projekt und passt wunderbar zur aktuellen Politik. Die ganze Bildung und Kompetenzvermittlung, um die es die ganze Zeit geht, hat vor allem den Zweck, die Freiwilligen fit für den Markt zu machen, Nachwuchskräfte heranzuziehen, die flexibel sind, selbst denken können, aber loyal und nicht zu kritisch sind.“

Die Nachwuchsförderung hört jedoch nicht mit dem Freiwilligendienst auf, sondern umfasst ausführliche Angebote der Netzwerk- und Alumniarbeit. Wie wichtig kulturweit die Bindung der Alumni ist, drückt sich nicht nur finanziell aus. Anfang des Jahres wurde der Alumniverein ‚kulturweiter‚ mit einer Gründungsfeier im Weltsaal des Auswärtigen Amtes unter Anwesenheit von Staatsministerin Böhmer gegründet.

Ausblick

kulturweit ist ein Politikum und muss endlich kontrovers diskutiert werden. Für diesen Moment überlasse ich den Ausblick meinen Interviewpartnern:

Pete:

„Wenn ich nun Bilanz ziehen müsste, dann sehe ich wie sehr ich durch kulturweit geprägt worden bin, allerdings vor allem durch meine Abgrenzung und kritische Betrachtung dazu. Solch einen Prozess würde ich natürlich allen jungen Menschen wünschen – auch wenn nur ein Bruchteil der kulturweit-Freiwilligen die Chance dafür nutzt, ein kritisch denkender Mensch zu werden. Wie auch immer, um kritisches Denken zu lernen, muss man jedoch nicht auf die andere Seite der Welt jetten. Das Geld von kulturweit wäre in politischer Bildungsarbeit in Deutschland sicher besser angelegt.“

Sara:

„Das kann ich auch unterschreiben. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch kulturweit auf meinen eigenen Rassismus aufmerksam gemacht worden bin. Aber das ist ja nicht Ziel des Programms, sondern eigentlich ein Nebenprodukt. Den Rest fand ich schwierig bis total problematisch.“

Chris:

kulturweit ist für mich ein rassistisches und klassistisches Programm. Ich empfinde es wie eine große Heuchelei von Frieden, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu sprechen und gleichzeitig ein Programm auf die Beine zu stellen, das die eigenen Ziele torpediert. Ich würde allen, die sich überlegen, einen kulturweit Freiwilligendienst zu machen, dringend davon abraten.“

Eva-Maria:

kulturweit bekommt seit Jahren das quifd-Siegel für ‚Qualität in Freiwilligendiensten‘. Meines Erachtens sollten für die Vergabe ganz andere Kriterien zählen, z.B. inwiefern Ungleichverhältnisse stabilisiert werden. Auch sollten Gutachter mitarbeiten, die Freiwilligendiensten gegenüber skeptisch eingestellt sind, um auch die negativen Seiten und Nebenwirkungen mit zu evaluieren. Je nachdem, welche Empfehlungen dann gegeben werden, sollte kulturweit sich verändern oder gar überlegen sich abzuschaffen. Letzteres wäre zumindest meine Empfehlung.“

Ezra:

„Audre Lorde sagt, ‚The Master’s tool will never dismantle the Master’s house.‘ kulturweit ist durchweg kolonial und trägt kein Stück zu mehr Gerechtigkeit bei, das hätte ich eher erkennen müssen.“

  1. ibid S.13 []
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28 Kommentare
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  1. Kulturwelt-Fan sagt:

    Die deutsche Sprache ist halt eine Weltsprache, ganz einfach aus dem Grund, weil Jahrhunderte lang mehr deutsche Bücher gedruckt wurden als englische oder französische. Das hat mit „Kolonialismus“ und „Rassismus“ nichts zu tun. Mit dem gleichen Recht müsste man Latein, Arabisch, Altchinesisch und Griechisch verbieten. Mein Vorschlag: Kürzt die Mittel, dann hört das Wehklagen auf!

  2. ehemalige Goethe Mitarbeiterin sagt:

    Danke, Migazin! Der Artikel ist super und deckt sich mit meinen Erfahrungen bei den Goethe Instituten. Ich freue mich über diesen mutigen Artikel, der einen Blick hinter den Dunst der offiziellen Rhetorik von kulturweit wagt! Macht weiter so!!!

  3. Cengiz K sagt:

    Das, was in dem Artikel beschrieben wird, bezeichne ich mit „Deutsche-Zuerst“-Politik.. Supremacism in Reinkultur..

  4. Rinne sagt:

    Ich kann nichts verwerfliches in ihrem Vorwurf finden. Außerdem tun viele Länder das gleiche. Siehe DITIB.

  5. Mike sagt:

    Der Artikel bedient alle Linkenvorurteile: Imperialismus Kolonialismus Elitenfoerderung Adelskreise und unx und der Autorin sei empfohlen einen weniger einseitig linkslastigen Blickwinkel einzunehmen ansonsten wird sie ihr Leben lang Artikel wie diesen verfassen. Das haben selbst die Leser von Magazin nicht verdient

  6. Frank Seidel sagt:

    Auch ich bin davon überrascht, dass kulturweit in der Freiwilligendienst-Debatte bislang so unkritisch dargestellt wurde. Grundsätzlich stehe ich als Gründer eines Portals zur Freiwilligenarbeit im Ausland den Freiwilligendiensten positiv gegenüber, aber auf unserer Darstellung von kulturweit heben wir ebenfalls hervor, dass dieses Programm als „erklärter Teil der deutschen Außenpolitik z. B. für eine “verstärkte Sichtbarkeit der deutschen Einrichtungen der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik” sorgen“ soll. http://www.wegweiser-freiwilligenarbeit.com/freiwilligendienst-ausland/kulturweit/ Vielleicht stößt euer Artikel eine wichtige Diskussion darum an.

  7. Haralds sagt:

    Frau Bless legt eine sehr einseitige Sichtweise dar. Ich kenne die Arbeit von kulturweit nicht im Detail, aber die Aussagen der Interviewpartner von Frau Bless zeigen doch, dass junge und unerfahrene Menschen nun eben nicht für jedes Projekt geeignet sind. Es spricht nichts dagegen, dass deutsche Kultur und auch die deutsche Sprache weltweit verbreitet wird. Da in jedem Fall imperiales Bestreben hineinzuinterpretieren, ist vermessen. Wer die deutsche Geschichte nur auf Weltkriege und Kolonialzeit reduziert, ist sicher nicht geeignet für einen Dienst für Deutschland im Ausland. Offenbar wird kein Land gezwungen, die Goethe-Institute und andere deutsche Einrichtungen arbeiten zu lassen.

  8. KW sagt:

    Ich weiß nicht in welchen Ausreisen die Befragten waren oder mit welchen Menschen sie gesprochen haben, denn bei meiner Ausreise war die Diversität der Freiwilligen enorm hoch. Ein großer Teil waren „Freiwillige mit Migrationsgeschichte“ und auch viele Nicht-Abiturienten waren unter den Ausreisenden. Gerade im Gegensatz zu anderen Förderprogrammen fand ich es beachtlich wie bei kulturweit nicht auf Schulnoten oder dutzende Auslandseinsätze geschaut wurde. Die Sichtweise ist doch sehr einseitig. Und auch auf den Seminaren wurde der Freiwilligendienst selber kritisch hinterfragt in verschiedenen Workshops und Arbeitsgruppen. Es ist also nicht so, dass alles einfach so hingenommen wird. kulturweit ermöglicht den Freiwilligen ihr Deutschlandbild kritisch zu hinterfragen und auch ihr Verhalten und Wirken im Ausland.
    Es kommt vor allem auch darauf an, was der Freiwillige aus seinem Freiwilligenjahr macht

  9. TD sagt:

    Als ehemalige „kulturweit“-Alumni stimme ich Ihnen, Frau Bless, in vielen Punkten zu. Ich finde den Artikel nicht mutig. Nein, eher richtig und gut, dass Sie durch die Befragung einen Beweis und somit einen personifizierten Beweis liefern konnte, wie manche sich nach dem Programm gefühlt haben mussten, sich aber nur nicht getraut haben, es laut auszusprechen.

    Die mediale Aufmerksamkeit fehlte hier komplett. Das ist richtig. Dass jemand über „kulturweit“ mal nachhakt, dass jemand mal das „Bild“ korrigiert, dass habe ich auch vermisst.

    Wie einige aus meinem Jahrgang entzog ich mich während des Vorbereitungsseminars manchen Kursen, weil wir nach paar Tagen schon merkten, wie würden sowieso abgestoßen werden, allein, weil eine kritische Bemerkung wohl ausgereicht hätte, um das paradiesische Bild über die „angebotenen“ Regionen junger Menschen zu zerstören.

    Aber es war zumindest erschreckend, wie die Teilnehmer, die trotz eines sehr guten Abiturs nicht wussten, wie weit entwickelt die ausgewählten Regionen waren. Länderkunde war kaum vorhanden und das ist ein großer Kritikpunkt an die organisatorischen Maßnahmen. Ich als PoC und Minderheit, die daran teilgenommen hat, befand mich schlussendlich auch eher in einem anderen umgekehrten Identitätskonflikt : „Wie wenig „deutsch“ bin ich eigentlich, und wie viel „deutsch-deutscher“ sind die anderen eigentlich?“

    Wenn Sie die Gegenseite wie die UNESCO befragt hätten und mit diesen Ansichten konfrontiert hätten, wäre Ihr Artikel perfekt gewesen. Aber vielleicht kommt ja noch ein zweiter Teil.

  10. ehemalige Freiwillige sagt:

    Mein kulturweit-Jahr empfinde ich für meine persönliche Entwicklung nach wie vor als sehr wichtig: Ich hatte die Möglichkeit meinen Berufswunsch zu überprüfen, erlernte eine neue Sprache, konnte Schwellenängste abbauen und bin in den folgenden Jahren ohne diese meine noch bestehende Beziehung, mit jemanden aus einem anderen Land und Kulturkreis eingegangen. Heute haben wir eine gemeinsame Tochter und ich hoffe, dass sie früher als ich damals, einen kritischen Blick entwickelt und Programme wie kulturweit frühzeitig hinterfragt und dabei nicht vorrangig an ihre eigenen Interessen denkt.
    Viele der im Artikel genannten Erfahrungen habe auch ich so durchlebt: Partys im Goetheinstitut anlässlich der Wahlen, wo ein Großteil der Anwesenden schwarz und gelb trugen um ihre politischen Gesinnungen zu verdeutlichen, Bierfeste mit vornehmlich weißen, männlichen Teilnehmer_innen, eine Einsatzstelle an einer schweizer Schule, welche sich in einer gated community befindet und welche man nur mit Ausweis betreten durfte, Flüge in benachbarte Länder, um an Zwischenseminaren teilzunehmen ,das Gefühl jemand besonderes zu sein, wenn man dem Botschafter die Hand schütteln durfte, Werbetouren mit Steinmeier ohne wirklich zu verstehen was man da eigentlich bewirbt. Erfahrungen für die ich mich heute zum Teil schäme, die mich aber im Laufe des Jahres und insbesondere nach meiner Rückkehr und im Austausch mit anderen kritischen Menschen Vieles überdenken ließen.
    Die ersten Jahre nach meiner Rückkehr betrachtete ich kulturweit noch mit sehr gemischten Gefühlen und habe mich sogar mal um eine Teamer_innenstelle beworben, weil ich dazu beitragen wollte reflektierend vorzubereiten. Mit zunehmendem Abstand und nicht zuletzt dank dieses Artikels kann ich dem Freiwilligendienst allerdings nur noch wirklich wenig abgewinnen.
    Erschreckend finde ich in diesem Zusammenhang, dass wir Kulturweitler_innen des ersten Ausreisejahrgangs damals nach unserem feedback gefragt wurden und sich dennoch scheinbar kaum etwas verändert hat. Meine Einsatzstelle wurde damals in der Folge gestrichen, aber an andere private, deutsche Schulen mit ähnlichen Konzepten wird ohne sich an meiner damaligen Problematisierung zu stören, weiter entsendet.
    Eine Karikatur über die typischen Kulturweitler_innen hatten wir schon auf unserem Ausreiseseminar, für die inzwischen immer wieder erscheinende Campzeitung „Freisprung“ entworfen. Weiß mussten sie sein, einen super Abischnitt vorweisen, mehrere Sprachen sprechen, bereits über Auslandserfahrungen verfügen und natürlich auch schon während der Schulzeit Stipendien und Auszeichnungen erhalten haben. Ich kann mich noch erinnern, dass es damals eine ziemlich hitzige Diskussion über die bevorstehende Veröffentlichung gab und bin mir nicht mehr sicher, ob das Ganze dann überhaupt bzw. vielleicht nur in abgewandelter Version gedruckt wurde. Schade fände ich es, wenn sich auch heute, 6 Jahre später, an den Auswahlkriterien nichts geändert hätte.
    Über das Alumniprogramm erhalte ich nach wie vor regelmäßig Ausschreibungen für bezahlte Positionen, auf die sich ausschließlich Ehemalige bewerben sollen oder Einladungen zu privaten Veranstaltungen im Auswärtigen Amt. Manchmal fühle ich mich dann im ersten Moment besonders, bevor man sich kurz darauf fragt, ob man wirklich Teil dieses widerlichen Eliteförderungssystems sein möchte?
    Wenn man kulturweit etwas abgewinnen kann, dann vermutlich die Tatsache, dass durch unsere Erfahrungen auch einige von uns Rücker_innen zu Botschafter_innen ihrer nun ganz eigenen Interessen geworden sind, welche zum Glück nicht in allen Fällen mit denen des Programmes deckungsgleich sind.
    Danke an die Autorin, dass ich endlich mal wieder einen Anlass hatte mich mit meinen Erfahrungen rückblickend auseinander zu setzen.


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